Zwischen Bibel und Latte macchiato

Erstellt: 30. August 2014
Zwischen Bibel und Latte macchiato Tarik Avila, Aline Avila, Mathias Bauer und Patricia Bentheimer (von links) richten momentan das Bookafé in Vaihingen ein. Voraussichtlich Mitte September soll es öffnen. Foto: Rostek

Vaihingen (cmr). Weltweit gibt es mehr als 500 „Bookafés“. Nun soll das erste in Deutschland im September in Vaihingen eröffnet werden. Um ein gewöhnliches Café handelt es sich dabei allerdings nicht. Es ist eine christliche Einrichtung mit einem Verein aus Erlangen als Träger. Vertreter anderer Kirchen sehen deren Lehre mit Skepsis.
Seit einigen Wochen wird in der Vaihinger Innenstadt in der Klingengasse ein Eckgeschäft neu hergerichtet. „Bookafé“ ist auf einem roten Transparent an der Außenfassade zu lesen. Über die Internetseite www.bookafe-usa.com ist zu erfahren, dass es sich um eine Einrichtung mit religiösem Hintergrund handelt. Laut Angaben auf dieser Seite ist es ein „christliches Projekt mit dem Ziel, in einer friedlichen Umgebung die Worte Gottes zu den Menschen zu bringen“.
Ansonsten finden sich wenige Informationen. Medienberichte im Internet? Fehlanzeige. Antwort auf eine E-Mail-Anfrage über die us-amerikanische Internetseite? Bis heute nicht erhalten. Kontaktdaten von Ansprechpartnern des Bookafés in Vaihingen? Nichts zu finden. Das überrascht. Schließlich sind die Cafés mittlerweile weltweit verbreitet (siehe Infokasten). 2009 wurde in São Paulo das erste eröffnet.
Anfang dieser Woche trifft die VKZ die Initiatoren vor Ort. Eine von ihnen, Patricia Bentheimer, erklärt sich sofort zu einem Gespräch bereit. Die Atmosphäre ist ungezwungen und offen.
Das Prinzip Bookafé ist schnell erklärt. Bei einer Tasse Tee, Kaffee oder Latte macchiato können Besucher Bücher aus dem Regal greifen und dort lesen. Wer mag, kann sich die Werke auch ausleihen oder kaufen. Zudem soll es in Vaihingen brasilianische Leckereien geben.
In der Stadt unterm Kaltenstein haben die Vaihinger Mathias und Priscila Bauer, die Enzweihinger Alex und Clóris Kemmer sowie ihre Freunde Patricia Bentheimer, Tarik Avila und Aline Avila das Café ins Leben gerufen. Es ist das erste dieser Sorte in Deutschland. Tarik und Aline Avila haben bereits in anderen Ländern solche Cafés betreut. Nun wollen sie ihre deutschen Freunde beim Aufbau einer solcher Einrichtung unterstützen.
„Bisher haben wir uns in Hauskreisen getroffen“, erzählt Bauer. „Wir“ – damit meint der Vaihinger Ingenieur eine Gruppe von zehn bis zwölf Erwachsenen und Kindern. Sie verstehen sich als christliche Gemeinde, die an die ursprüngliche Lehre der Bibel glaubt. Wer dieser Gemeinde beitreten möchte, brauche sich nicht offiziell anzumelden. „Wir sind eins mit allen, die der Glaube vereint“, erklärt Bentheimer.
Die Gemeinschaft, von der sie sprechen, hat keinen offiziellen Namen. „Wenn wir in Vaihingen sind, dann heißen wir ,Die Gemeinde in Vaihingen‘“, erläutert Bentheimer. Ein Art „Gründungsdatum“ gebe es ebenfalls nicht. „Genau genommen gibt es uns ja schon über 2000 Jahre“, erklärt Mathias Bauer auf Nachfrage. Die Gemeinde ist weder katholisch noch evangelisch. „Wir sind ähnlich wie eine freie evangelische Gemeinde“, erläutert Bauer. Die Frage, ob sie eine Sekte im Sinne einer sogenannten „Psychogruppe“ seien, verneinen sie. „Viele stellen uns die Frage. Wir sind aber keine Sekte“, betont der Vaihinger und fügt hinzu: „Wir haben keine abweichende Philosophie. Wir beziehen uns nur auf die Bibel.“ Auch seien keine Mitgliedsbeiträge zu entrichten. Jedoch spenden die Mitglieder gerne, schwärmt Bentheimer. Mathias und Priscila Bauer sowie Axel und Clóris Kemmer haben ihre Wurzeln in Brasilien, wo ,Die Gemeinde‘ weit verbreitet sei.
Die Bücher, die im Bookafé angeboten werden, sind fast ausschließlich von dem Chinesen Dong Yu Lan verfasst, der auch Gründer der Cafés ist. Sie befassen sich vielfach mit religiösen Themen. In ihnen werden Handlungsvorschläge für ein Leben im Einklang mit der Lehre der Bibel gegeben. In „Kinder für Gott erziehen“ werden Kinder als Juwel beschrieben, der schmutzig geworden sei. „Daher ist es notwendig, dass sie gereinigt und zu Gott zurückgebracht werden.“
Wie in Vaihingen, steckt hinter den Bookafés in der Regel ein Verein als Träger. In Deutschland ist dies die gemeinnützige Vereinigung „Leben für alle“ mit Sitz in Erlangen. Laut zuständigem Amtsgericht Fürth wurde der eingetragene Verein im September 2013 gegründet. Patricia Bentheimers Mann ist der Vorsitzende. Einen gemeinsamen Dachverband der Cafés gibt es laut Bauer nicht, wohl aber mit Bookafé Corporate eine zentrale Beratungsfirma mit Sitz in São Paulo, die die Einrichtungen unterstützt. „Wir werden von ihnen aber nicht kontrolliert und wir müssen für den Namen nichts zahlen. Es ist ähnlich wie das Franchise-Prinzip, aber es entstehen keine Kosten“, erklärt Bentheimer. „Weder eröffnet diese Firma die Cafés, noch hängen wir von ihnen ab“, ergänzt Bauer.
Sonntags wird es im Vaihinger Bookafé einen Hauskreis geben. „Wir beten, singen, oder stellen Bücher vor“, sagen die Gemeindemitglieder. „Jeder ist hier willkommen, egal ob katholisch, protestantisch oder muslimisch. Denn in Gottes Augen sind alle gleich“, betont Bentheimer.
Bei Vertretern der evangelischen und der katholischen Kirche, bei denen die VKZ anfragt, um „Die Gemeinde“ im Gefüge der christlichen Konfessionen besser einordnen zu können, ist die Strömung weitgehend unbekannt.
Laut Recherchen der evangelischen Landeskirche in Baden-Württemberg könnte es sich bei der Gemeinde um eine Abspaltung von der sogenannten Local Church handeln. „Das ist eine konservative, in sich abgeschlossene, weltweite Gemeindebewegung, die von Witness Lee gegründet wurde. Sie vertritt die Lehre, sie sei, im Gegensatz zur in Konfessionen geteilten übrigen Christenheit, die Wiederherstellung des ungeteilten Leibes Christi“, erklärt die Weltanschauungsbeauftragte Annette Kick. Ihre Lehre erklärt sie wie folgt: „An jedem Ort gebe es, wie zu Zeiten Paulus, nur eine einzige christliche Gemeinde. Sie nennt sich dann zum Beispiel ,Die Gemeinde in Stuttgart‘ und sieht sich demnach als einzige wahre Kirche in Stuttgart.“ Von dieser Local Church- oder „Ortskirchen“-Bewegung habe sich Dong Yu Lan wohl 2009 abgespalten. „Es sieht allerdings nicht so aus, als ob diese Trennung von der Local Church eine Rückwendung zu anderen christlichen Gemeinden bedeutet; im Gegenteil, die Zentrierung auf die Person Dong Yu Lans und seine Bücher könnte eine noch schärfere auch inhaltliche Trennung von der übrigen Christenheit mit sich bringen“, so Kick.
Reiner Zeyher, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Vaihingen, vermutet, dass die Gemeinde der pfingstlich-charismatischen Bewegung zuzuordnen ist. Ein wörtliches Bibelverständnis sei für diese Bewegung charakteristisch, ebenso ein zweigeteiltes Weltbild, in dem es nur Gut und Böse gebe. „Die Schriften, die im Bookafé vornehmlich ausliegen, sind klare Missionsschriften mit dem Ziel, Menschen für die ,Gemeindebewegung‘ zu gewinnen“, sagt der Vaihinger Dekan weiter.
Axel Seegers, Weltanschauungsexperte bei der Erzdiözese München und Freising, sieht das Projekt des Bookafés in einer Reihe mit „Tausenden von Angeboten, die wir in Deutschland haben, in denen Bücher als Anziehungspunkt verwendet werden, beispielsweise esoterische Buchhandlungen“.
Die Gemeinde hinter dem Bookafé ist in seinen Augen wertkonservativ. Er geht davon aus, dass ihr Bibelverständnis wenig kritisch ist und dass sie evangelikal ist, sprich das Wort Gottes in der Bibel für unfehlbar hält. Weiteres typisches Merkmal sei das Sündenbild, wonach die Menschen Sünder sind. „Für gefährlich halte ich sie aber nicht“, sagt Seeger. „Ich denke nicht, dass man vor ihnen warnen muss. In den Bookafés ist offensichtlich, um was es geht. Jeder kann frei entscheiden, ob er in das Café geht oder nicht.“

Info
2009 wurde in Brasilien erstmals ein sogenanntes Bookafé eröffnet. Der Name kann zum einen als Kombination aus den Worten „Book“ (Buch) und „Café“ gelesen werden, zum anderen als „Book a fé“. „A fé“ ist portugiesisch und bedeutet „der Glauben“ beziehungsweise „zum Glauben“. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 500 solcher Cafés, unter anderem in den meisten Ländern Südamerikas, in den USA, Kanada, Spanien, England, Holland, der Schweiz und Rumänien.
Das Vaihinger Bookafé soll dienstags bis freitags von 14 bis 19 Uhr geöffnet sein sowie samstags von 10 bis 14 Uhr. Nach dem Hauskreis am Sonntag kann das Café bis circa 17 Uhr besucht werden. (cmr)

Weiterlesen
Das steht morgen in der VKZ

Das steht morgen in der VKZ

Drucken Diese und weitere Themen lesen Sie wie gewohnt morgen früh in der gedruckten Zeitung oder als E-Paper-Abonnent schon heute Abend ab circa 22.30 Uhr online. Ludwigsburg: Kreistag entscheidet über Anträge zum Freimessmüll Vaihingen: Junge Leute löchern Kandidaten... »