Zwei Nussdorfer sind auf die Heckengäulinse gekommen

Erstellt: 7. April 2012
Zwei Nussdorfer sind auf die Heckengäulinse gekommen Die Dörrers zeigen das Hafer-Linsen-Gemisch, wie es vom Acker kommt, und die fertige Packung. Foto: Rieger

Nussdorf (clar). Seit Wochenbeginn schlummern sie in der Erde, die Samen der Heckengäulinse auf dem Acker von Bernhard Dörrer in Nussdorf. Der Landwirt und seine Frau Carmen bauen die alte Sorte nun im dritten Jahr an – als einzige im Landkreis Ludwigsburg.
„Früher, nach dem Krieg, haben viele hier Linsen angebaut“, sagt Bernhard Dörrer. Das wisse er von seinen Eltern. Schon der Vater und der Großvater waren Landwirte, 1990 übernahm er den Hof in Nussdorf. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts war der Anbau von Linsen nicht nur im Schwabenland, sondern in ganz Deutschland durchaus verbreitet, verschwand dann aber völlig.
Dass er selbst einmal jene Feldfrucht anpflanzen würde, hätte sich Bernhard Dörrer wohl nicht träumen lassen. Er und Ehefrau Carmen leben vor allem vom Getreide- und Kartoffelanbau. Aber vor zwei Jahren sprach ihn ein Bekannter an, der sich mit anderen Bauern im Landkreis Böblingen zur Erzeugergemeinschaft Heckengäu zusammengetan hat. „Sie wollten die Heckengäulinsen hier wieder etablieren und haben noch Mitstreiter gesucht“, sagt Dörrer. Dabei handele es sich um eine alte, zurückgezüchtete Sorte, die bissfesster und nahrhafter sei als die bekannte Tellerlinse.
Wieviel Arbeit der Anbau macht, wusste der Landwirt da noch nicht. Das Saatgut kommt aus der Erzeugergemeinschaft und wird Anfang April zusammen mit Hafer, der als Stützpflanze dient, ausgebracht. Nach der Blüte Mitte Juni reifen in kleinen Taschen an der Pflanze jeweils zwei Linsen. „Wenn die Taschen dunkel sind, kann geerntet werden – etwa Mitte August.“ Bis dahin sei die Pflanze allerdings verdorrt. „Damit sie nicht umfällt, stützt der Hafer die Linse. So können wir sie mit dem Mähdrescher erwischen.“ Das Gemenge aus Hafer und Linsen wird zunächst getrocknet, danach maschinell gereinigt und das Getreide – es wird an Pferdehalter verkauft – aussortiert. Es folgen eine erneute Trocknungsphase von vier bis sechs Wochen, die Nachreinigung per Maschine und die Nachlese von Hand. „Das machen mein Onkel und eine Bekannte für uns“, sagt der Nussdorfer und ergänzt: „Der Aufwand ist Wahnsinn.“
Im ersten Anbaujahr, 2010, sei er „fast durchgedreht“, so der gelernte Silomeister. Alle ihm bekannten Reinigungsmethoden habe er probiert, bis er irgendwann die geeignete gefunden habe. Damals ernteten die Dörrers auf ihrem 70-Ar-Acker – das ist etwa die Größe eines Fuballfeldes – nur 200 Kilogramm Heckengäulinsen. „Wenn meine Frau nicht gesagt hätte, wir sollten’s noch mal probieren, hätte ich es vielleicht gelassen“, meint der Landwirt. 2011 waren es dann aber schon 586 Kilo. Was 2012 bringt, hängt auch von der Witterung ab, sagt Carmen Dörrer. „Der Acker sollte so schlecht wie möglich sein. Die Linse ist eine Stickstoff produzierende Pflanze, wenn davon schon zuviel im Boden ist, schießt sie zu sehr ins Grün“, so Bernhard Dörrer. Da Hafer viel Stickstoff brauche, sei er auch in diesem Fall ideal. Pflanzenschutz und Dünger sind auf dem Linsenfeld tabu, „weil dies entweder die eine oder die andere Pflanze nicht verträgt“.
Dabei bauen die Nussdorfer nur so viel an, wie sie selbst vermarkten können. Während die anderen sechs Bauern in der Erzeugergemeinschaft ihre Erträge gemeinsam über eine Mühle bearbeiten und vermarkten, wollten die Dörrers unabhängig bleiben. Zwei Hofläden – Hettler in Eberdingen und Mattes in Unterriexingen – haben ihre Linsen im Sortiment. „Wir bekommen gute Rückmeldungen und die Kirchengemeinde Nussdorf hat unsere Linsen zu Weihnachten an ihre Mitarbeiter verschenkt. Das macht schon ein bissle stolz“, sagt Landwirt Dörrer. Von der Ernte 2011 seien nur noch gut 60 Kilo übrig.
Verkauft werden die Hülsenfrüchte unter dem Namen Nussdorfer Linsen – „weil es zwar Heckengäulinsen sind, aber wir nicht im sondern nur am Rand des Heckengäus liegen“. Ab 2013 würde auf die Verpackung aber auch die Bezeichnung Heckengäulinsen mit aufgedruckt. Und die, das haben die Dörrers selbst probiert, schmecken nicht nur mit Spätzle, sondern auch in Sülze und Salat, als Bratling oder Küchlein.

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