Zwei nur vermeintlich schräge Vögel

Erstellt: 21. Juli 2014
Zwei nur vermeintlich schräge Vögel Rein ins neue Leben: Elling (l.) und sein Kumpel Kjell müssen den Weg zurück in die Normalität finden. Foto: Friedrich

Eberdingen (sf). Wie finden zwei neurotische Hauptfiguren aus der psychiatrischen Klinik wieder zurück ins normale Leben? Der Frage ging das Eberdinger Sommertheater dieses Wochenende zum Auftakt der neuen Saison nach. Inszeniert wurde das Buch „Elling“ des norwegischen Schriftstellers Ingvar Ambjørnsen in der Bühnenbearbeitung von Axel Hellstenius.

Sowohl der in Deutschland lebende Ingvar Ambjørnsen als auch Axel Hellstenius sind keine ganz unbekannten Vertreter ihres Fachs. Ambjørnsen hat mehr als dreißig Bücher publiziert. Hellstenius gehört zu den populärsten Autoren Norwegens. Mit „Elling“ haben beide ein einerseits anspruchsvolles Stück vorgelegt, das sich in die Tiefen der Psyche aufmacht. Andererseits ist es mit viel Humor gewürzt, der dazu führt, dass eine eventuell bedrückende Stimmung angesichts der Viten der beiden Hauptcharaktere erst gar nicht aufkommt, so seltsam diese auch auf den Zuschauer wirken müssen.

Der Plot greift nämlich auf eine Idee zurück, die eine skurrile Handlung verspricht: Zwei Männer, beide gerade aus der Psychiatrie entlassen, müssen unter fachkundiger Hilfe versuchen, den Weg zurück in die Normalität des Lebens zu finden. Gar nicht so einfach für die beiden, für die anfangs schon ein klingelndes Telefon eine schier unüberwindbare Hürde darstellt. „Elling“ ist übrigens auch verfilmt worden, war 2002 sogar als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert.

Es war also eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, der sich das Team des Eberdinger Sommertheaters zum Auftakt in die neue Saison gegenübersah. Nicht zuletzt gemessen an der Reaktion der Zuschauer, die sich sichtlich gut unterhalten fühlten, hat das Ensemble unter der Regie von Veronika Wernstedt sie problemlos gemeistert. Das Ensemble hat ein fesselndes und kurzweiliges Stimmungsbild auf die Bühne vor der Kirche gezaubert.

Das lag natürlich zuvorderst an den beiden Hauptdarstellern, die die ganze Geschichte tragen mussten: Steffen Scheunpflug in der Rolle des Elling, der ein bisschen zu sehr von seiner inzwischen verstorbenen Mutter geprägt worden ist, gleichwohl immer wieder analytisch Situationen beschreiben kann; sowie Dieter Hermann in der Rolle von Ellings Busenkumpel Kjell, der sich zwar zu gerne von seinen Hormonen steuern lässt, vor schwierigen Situationen aber lieber wegrennt. Das führt dazu, dass die Telefonrechnungen durch das Wählen der berüchtigten 0900-Nummern steil nach oben schießen, kaum haben sie die anfängliche Scheu vor dem Telefon an sich abgelegt.
Das Stück erzählt nun, wie die beiden vom norwegischen Staat eine Wohnung zur Verfügung gestellt bekommen haben. Ihnen zur Seite steht die taffe Sozialarbeiterin Franka (Stephanie Braden), die nichts weniger zu tun hat, als den beiden beizubringen, wie man emotionale Krisen durchsteht und lernt, die eigene Wohnung auch mal zu verlassen: unter die Leute gehen.

Es dauert, bis beide Protagonisten begriffen haben, warum das sinnvoll ist – und dass man auch am Leben „da draußen“ eine Menge Spaß haben kann, wenn man nicht gleich aufgibt und dran bleibt. Und sei es, dass die Kellnerin (Ann-Michelle Tröster) plötzlich doch servieren kann, was angeblich schon nicht mehr zu haben war. Außerdem ist die Bekanntschaft mit der schwangeren Reidun (Kathrin Fydrich) für beide ein weiteres Schlüsselerlebnis.

Klug in den Plot integriert fanden sich bedenkenswerte philosophische Betrachtungen über die moderne Welt mit all ihren Problemen und Herausforderungen. Es ist nicht zuletzt der intelligenten Inszenierung zu verdanken, dass die beiden vermeintlich schrägen Vögel schnell den Malus eines psychisch Kranken abgelegt haben. Stattdessen wurden sie als eigentlich sympathische Typen dargestellt, die schließlich jede Aufgabe meistern können.

Elling und Kjell finden gewissermaßen heraus aus der Angst und hinein in die Freuden des Lebens, die sich aus Sorge vor der eigenen Courage und dem zunächst fehlenden Mut, einfach mal etwas zu wagen, manchmal etwas zu leicht übersehen lassen. Diese Botschaft zu transportieren, ist dem Ensemble zum Auftakt der Freiluftsaison 2014 gelungen.

Das nächste Stück erwartet Theaterfans bereits am kommenden Wochenende: Am Samstag (26. Juli) um 18 Uhr und am Sonntag (27. Juli) um 17 Uhr führt das Team in Eberdingen „Siebene auf einen Streich“ auf – frei nach dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, aber mit einigen überraschenden Änderungen gegenüber dem Original.

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