Vollgas bei der Renovierung

Erstellt: 3. November 2009
Vollgas bei der Renovierung Rauschmayer mit den Schlosshunden Bella und Emma. Foto: Rücker

Mühlhausen (sr) – Glück für das Schloss im Mühlacker Stadtteil Mühlhausen: Ein „Vollgasgeber“ hat sich seiner angenommen und es vor dem endgültigen Verfall bewahrt. Roland Rauschmayer, Schmuck- und Trauringfabrikant aus Pforzheim, verpasst dem Prachtstück aus dem 16. Jahrhundert eine Rundumkur. Zu dem Anwesen kam der Schlossherr fast ein wenig wie die Jungfrau zum Kind.

Mühlhausen. Roland Rauschmayer ist ein Mann der Tat. Schon in jungen Jahren lenkte der gebürtige Pforzheimer sein Schicksal in die gewünschten Bahnen und gab Vollgas. Vollgas – ein Wort, das dem 67-Jährigen oft und gerne über die Lippen kommt. Schaufenstergestalter hatte er gelernt und sich im zarten Alter von 20 Jahren in einem gänzlich anderen Metier selbstständig gemacht: mit Trauringen. Die Kreativität, das Design zu machen, das war seine Leidenschaft. Heute zählt der Mitarbeiterstamm nach eigenen Angaben „einige hundert Hände“ verteilt auf drei Firmenstandorte.
Eigentlich hätte sich der Vater von drei erwachsenen Kindern in seinem schmucken Pforzheimer Haus zurücklehnen und einen Gang herunterschalten können. Doch da kam ihm die Sache mit dem Schloss Mühlhausen zu Ohren. Bis dahin hatte er das Kleinod noch nicht einmal gekannt. Die Zwangsversteigerung war schon angesetzt. Rauschmayer ließ sich die Immobilie zeigen. Vier Tage Bedenkzeit blieben dem Pforzheimer von der ersten Besichtigung bis zum Kauf. Und Rauschmayer schlug zu. Am 5. Februar 2008 wechselte das 1,4 Hektar große Anwesen für 1,25 Millionen Euro den Besitzer.
„Der Schreck beim Anschauen war schon groß“ , erinnert sich der Schlossherr. Immerhin stand das Gebäude seit zehn Jahren leer, acht davon ohne Heizung. Eine steinerne Schönheit im Dornröschenschlaf. Leider trotz einer 110 Zentimeter dicken Sandsteinmauer vom Verfall bedroht.
„Jeder meiner Freunde hat mich für verrückt erklärt“, so Rauschmayer weiter. Warum er sich den Stress antut? Vor allem die Natur rund um sein Schloss, die habe es ihm angetan. Und die Menschen, die ihn nebst Gattin und Söhnen so herzlich aufgenommen haben.
Rauschmayer, ganz Mann der Tat, hat vier Wochen nach dem Erwerb erneut „Vollgas gegeben“, die Renovierungsarbeiten konnten beginnen. Bis zu 30 Arbeiter verschiedener Gewerke hätten sich gleichzeitig an dem rund 450 Jahre alten Schloss zu schaffen gemacht.
Manche, philosophiert der Unternehmer, würden an einem solchen Objekt fünf bis zehn Jahre herumrenovieren. Bei Rauschmayers war vor rund einem halben Jahr der Tag des Einzugs. Daran konnte auch der achtwöchige Baustopp im letzten Sommer nichts ändern. „Da haben dem Denkmalamt ein paar Sachen nicht gefallen“, erklärt Rauschmayer. Beispielsweise seien schon 40 Fenster mit sechs Sprossen eingebaut gewesen. Rauschmayer: „Die Fenster sollten laut Denkmalamt aber acht Sprossen haben.“ Die Folge: 40 Fenster ausbauen und wegschmeißen.
Rauschmayer legt halt Geschwindigkeit vor, da kommt das Denkmalamt mitunter nicht mehr mit: „Ich bin immer ein bissle schneller als die.“ Mit dem Herrn des Denkmalschutzamts in Karlsruhe sei das folgendermaßen gewesen: „Er versteht mich und ich verstehe ihn.“ Rauschmayer weiter: „Im Amt in Mühlacker gibt’s aber auch Leute, die engstirniger sind.“
Für drei Geschosse des vierstöckigen Gebäudes musste ein 600 Seiten starkes sogenanntes Raumbuch fürs Denkmalamt erstellt werden. Fast Zentimeter um Zentimeter wurde in jedem Raum der Putz vorsichtig aufgeklopft, um nach historischen Wandgemälden zu fahnden. Satte 8000 Euro verschlingt beispielsweise das Freilegen einer historischen Wandmalerei – pro Fenster. „Bei jedem Fenster kann man das nicht machen“, räumt Rauschmayer ein. Denn die Renovierungskosten werden auch ohne weitere Sonderposten „den Kaufpreis bei weitem übersteigen“, so Rauschmayer. Besonders bitter für den neuen Besitzer: Weder beim Erwerb, noch bei der Renovierung des Objekts stehen dem Schlossherrn Zuschüsse zu. „Weil die Stadt Mühlacker es versäumt hat, dieses Schloss als Sanierungsgebiet auszuweisen.“ Mittlerweile laufe zwar das Antragsverfahren, das jedoch frühestens in drei Jahren abgeschlossen sein wird. Rauschmayer: „Bis dahin wollte ich mit der Renovierung nicht warten, sonst wäre das Gebäude vollends kaputt gewesen.“
Inzwischen rückt das Ende der Handwerker-Ära auf dem Anwesen näher. In der dem Schloss vorgelagerten Vorburg lähmt zwar ein vom Denkmalamt verfügter Baustopp die Vollendung. Doch der Bauherr ist guter Dinge, im Frühjahr seinen Schlossbesen in dem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert eröffnen zu können. „Geselligkeit, dass die Leute sich treffen können, das ist meine Intention“, sagt Rauschmayer. Ausstellungen und Veranstaltungen sollen in der Vorburg ebenfalls Platz finden. Und ganz sicher wird dann der Schlossherr ab und an im Schlossbesen zu finden sein. Über kurz oder lang strebt der Unternehmer an, den Wein von seinen Weinbergen auch selbst zu keltern. Ein Weingut aufbauen, aus Spaß und Hobby, „ich habe genug Ringe gesehen“, so Rauschmayer.
Stolz ist der Schlossbesitzer vor allem darauf, dieses Schloss wieder mit Leben erfüllt zu haben und dass das Gemäuer nun gelassen den nächsten 500 Jahren entgegen blicken könne.
Die ganze Familie, inklusive den beiden Hundedamen Bella und Emma, seien glücklich in Mühlhausen. Roland Rauschmayer zitiert zur Verdeutlichung seinen Sohn. Wenn dieser vom Firmenstandort aus dem smogverhangenen China komme, seien seine Worte: „Des isch wie im Paradies hier.“

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