Totes Holz als neuer Lebensraum

Erstellt: 28. August 2009
Totes Holz als neuer Lebensraum Mühlackers OB Arno Schütterle (rechts) und Forstbezirksleiter Guido Wölfle schaffen es gemeinsam nicht, den riesigen Stamm einer 400 Jahre alten Eiche zu umfassen. Fotos: Küppers

Mühlacker (rkü). „Im toten Holz gibt es ein unwahrscheinlich reges Leben von Insekten“, sagt Guido Wölfle. Er ist Forstbezirksleiter für Mühlacker. Die große Kreisstadt im Enzkreis hat ein Alt- und Totholzkonzept aufgelegt, um gerade im Bereich der Insekten für eine große Artenvielfalt im Wald zu sorgen.

Im Laubwald sei die Lebensgemeinschaft in totem Holz eine ganz andere als im lebenden, erklärt Wölfle. Oberbürgermeister Arno Schütterle ergänzt: „Die meisten Käferarten sind darauf angewiesen, den Lebensraum Totholz nutzen zu können.“ Käfer, Insekten, Kleingetier – wo die kleinen Glieder der Nahrungskette gedeihen, finden sich auch Tiere ein, die sich davon ernähren. Waldfledermäuse, allerlei Vögel, insbesondere Eulen und Käuze, kommen in solchen Gebieten besonders zahlreich vor. Darunter sind auch viele seltene Arten.

Mühlackers Oberbürgermeister betont, dass die große Kreisstadt der größte kommunale Waldbesitzer im ganzen Enzkreis sei. Von den 5432 Hektar Gesamtfläche seien 938 Hektar mit Stadtwald und nochmals mehr als 400 Hektar mit Staatswald bestanden. Im Rahmen des Alt- und Totholzkonzepts soll der Mühlacker Gemeinderat in Kürze festlegen, dass auf manchen Flächen das abgestorbene Holz im Wald verbleiben soll, um zu einem neuen Lebensraum zu werden. Das soll für etwas mehr als ein Prozent der Waldfläche gelten, also rund zehn Hektar. Bislang ist die größte zusammenhängende Fläche, in der Alt- und Totholz nicht weggeräumt werden, zwei Hektar groß. Das Areal im Tränkwald zwischen Heidenwäldle und Lienzingen ist mit Buchen, Eichen und Hainbuchen im Alter von 160 bis 250 Jahren bestanden. „In den vergangenen 30 Jahren haben wir nur einzelne Bäume entlang des viel begangenen Wegs gefällt“, berichtet Wölfle. „Das war nötig, um die Waldbesucher nicht zu gefährden.“

Den Blick auf die Sicherheit vergessen die Förster trotz der großen ökologischen Bedeutung nicht. „Die größte Gefahr für unsere Waldarbeiter sind abgestorbene Äste, die in der Krone hängen und plötzlich herunterfallen“, sagt Wölfle. Darum sollen die Bestände mit Alt- und Totholz, die in dieser Hinsicht eine besondere Gefährdung darstellen, auf den Forstwirtschaftskarten und auch im Wald besonders gekennzeichnet werden. „Außerdem liegen die Flächen meist nicht direkt an den Wegen.“ Denn sonst müsste so viel an Sicherungsmaßnahmen unternommen werden, dass von dem ursprünglichen Ansatz nicht viel übrig bliebe, das alte oder abgestorbene Holz an Ort und Stelle zu belassen.

Der Forstexperte erklärt, dass sowohl liegendes als auch stehendes Totholz eine große Bedeutung habe. So liegen am Boden des „Lienzinger Urwalds“, wie die Fläche im Tränkwald im Volksmund genannt wird, einige Stämme, die von dickem Moos überzogen sind und beim Verrotten einer Vielzahl von Lebewesen als Biotop dienen. Andere Bäume sind ganz oder teilweise abgestorben, stehen aber noch senkrecht. „Die werden hier nicht gefällt“, unterstreicht Wölfle. Höhlen in den Stämmen, geschaffen vom Schwarzspecht und bewohnt von Fledermäusen, sind Zeichen neuen Lebens in den sterbenden Bäumen.

Weitere zusammenhängende Flächen an Alt- und Totholzbeständen sind derzeit bereits im Plattenwald Richtung Wiernsheim und zwischen Lienzingen und Illingen zu finden. Schon in den vergangenen Jahrzehnten nahmen Förster Rücksicht auf die ökologische Bedeutung der zerfallenden Stämme und ordneten ihre Planungen nicht immer der Gewinnmaximierung im wirtschaftlich genutzten Wald unter. Jetzt ist es soweit, dass im Land das Alt- und Totholzkonzept auf den Staatswald verbindlich angewendet wird. Die Stadt Mühlacker passt dies auf ihre Verhältnisse an und stößt in die gleiche Richtung vor. Schütterle: „Wir warten nicht auf neue EU-Vorschriften, in denen uns aus Brüssel gesagt wird, was wir machen sollen.“

Dass es nicht immer Gesetze sind, die im Forstbetrieb Ordnung schaffen, unterstreicht Wölfle: „Die 400 Jahre alte Stieleiche hier gilt nicht als Naturdenkmal. Aber für uns Förster steht sie unter Naturschutz.“ Übrigens: Nicht alles Totholz ist erwünscht. Während vermodernde Laubbäume als Biotop für erwünschte Insekten gelten, drohen Fichten der Ausgangspunkt für eine Borkenkäferplage zu werden.

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