Totenruhe hat Vorrang

Erstellt: 3. Februar 2009
Totenruhe hat Vorrang Besuch der Petitions-Kommission am Grab. Foto: Arning

Aurich (aa) – Der Fall ist für das Friedhofsamt bei der Vaihinger Stadtverwaltung eindeutig: Die beantragte Umbettung der Urne wäre eine Störung der Totenruhe. So schreibt es das Gesetz vor. Also wird dem Antrag nicht stattgegeben. Doch der landet beim Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags. Gestern tagte eine Kommission auf dem Auricher Friedhof. Die Petition 14/02604 von Charlotte Bauer war das Thema.
Charlotte Bauer ist 85 Jahre alt. Sie tut sich inzwischen schwer mit dem Laufen, kann sich nur mit zwei Gehhilfen fortbewegen. Doch sie will den regelmäßigen Besuch an der letzten Ruhestätte ihres Mannes Werner nicht missen. Er ist vor drei Jahren verstorben und wurde auf dem Auricher Friedhof in einem Urnengrab beigesetzt. Für Charlotte Bauer ist es unheimlich mühsam, zum Grab, das vom Bestatter zugeteilt wurde, zu kommen. Elf Treppenstufen müssen unter anderem bewältigt werden, die Gehwegplatten sind schief verlegt. Ganz hinten in der Ecke steht das Kreuz. Auf Hilfe kann die Seniorin nicht setzen, denn die Kinder wohnen nicht in Aurich.
2007 hat Charlotte Bauer deshalb bei der Stadt Vaihingen eine Urnenumbettung beantragt. Die Asche ihres Mannes möge doch bitte in den ebenen Teil des Auricher Friedhofs verlegt werden. Sie hat den Musterantrag auch zugeschickt bekommen und freute sich schon, dass die Aktion klappen würde. Doch dann kam von Amtsleiter Nils Deparade, Leiter der Bauverwaltungsabteilung und damit zuständig für das Friedhofswesen, am 26. Februar 2008 die Ablehnung. „Vorher wurde mit keinem Wort etwas von der Störung der Totenruhe ausgeführt“, sagt Charlotte Bauer. „Das hat die Mitarbeiterin schlicht versäumt“, entschuldigt sich Deparade.
Die Angehörigen wollten es nun genau wissen, es wurde der Petitionsausschuss des Landtags angeschrieben. Jedermann, der sich durch Entscheidungen von Ämtern und Behörden benachteiligt fühlt, kann sich mit seinem Anliegen (Petition) an den Landtag wenden. Als Anwalt der Bittsteller bemüht sich der Ausschuss darum, den jeweiligen Sachverhalt abzuklären und Lösungsvorschläge zu unterbreiten, die den Interessen der Beteiligten gerecht werden.
Es müsste öffentliches
Interesse vorliegen
Treffpunkt Rathaus Vaihingen. Die CDU-Abgeordnete Andrea Krueger ist Berichterstatterin. Mit dabei ist MdL Werner Wölfle (Grüne); Wolfgang Stehmer (SPD) hört mit, weil es sich um einen Fall aus seinem Wahlkreis handelt. Die Vertreterin des Ministeriums für Arbeit und Soziales, Sigrid Meierkord, erläutert die Grundlagen. Die Wahrung der Totenruhe sei ein sehr hohes Gut. Da müssten zum Beispiel Gründe des öffentlichen Interesses vorliegen, jedoch nicht wie hier weitgehend private Dinge: „Die mangelnde Möglichkeit der Grabpflege und der erschwerte Zugang reichen nicht aus.“ Meierkord bestätigt der Stadt Vaihingen: „Die Behörde hat richtig entschieden.“
Nils Deparade hat auch nichts anderes erwartet. Man gehe in Vaihingen sehr restriktiv mit Umbettungsanträgen um. Ihm sei die Urnen-Zusammenlegung von Vater und Sohn in Erinnerung, doch da sei in einem Fall die Liegezeit von 15 Jahren schon abgelaufen gewesen. Und auch an einen Fall in Ensingen erinnert er sich, als eine Urne von Vaihingen nach Ensingen gebracht wurde. Zuvor habe es aber in Ensingen noch keine Urnenwand gegeben.
Charlotte Bauer macht auf die in Aurich entstehende Urnenwand aufmerksam. Das Fundament ist gegossen, wenn es wärmer wird, soll die Wand errichtet werden: „Es wäre doch eine gute Sache, wenn mein Mann und ich gemeinsam in der Urnenwand einen Platz finden würden.“ Andrea Krueger stutzt: „Ich habe Ihren Antrag aber so verstanden, dass Sie gleich eine Umbettung ihres Mannes wollen.“ Die Tochter von Charlotte Bauer korrigiert: „Sie will schon, dass der Vater zuerst umgebettet wird. Es geht doch um den mühevollen Besuch.“
„Schauen wir uns den Friedhof mal an.“ Andrea Krueger bittet nach Aurich. „Ein gutes Zeichen, wenn die Kommission vor Ort geht“, findet Wolfgang Stehmer. Frau Bauer quält sich den Weg hoch. „Er ist viel besser als früher“, sagt sie. Hinten in der Ecke ist das Urnengrab ihres Mannes. „Der blödeste Platz auf dem ganzen Friedhof“, entfährt es Werner Wölfle. Im Prinzip zwar gut zugänglich, aber für eine gehbehinderte Frau…
„Wir können heute nicht entscheiden“, erklärt Andrea Krueger. Sie wird dem Ausschuss einen Vorschlag unterbreiten. Darüber wird am 11. März beraten. Die Empfehlung geht dann auch an die Stadt, die im Rahmen von Recht und Gesetz ihre Entscheidung treffen wird. Es deutet einiges darauf hin, dass Charlotte Bauer weiterhin den beschwerlichen Weg zum Grab ihres Mannes auf sich nehmen muss. So bizarr es klingen mag: Nach dem Tod von Charlotte Bauer könnte man sich eine gemeinsame Urnennische vorstellen. Totenruhe hin oder her.

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