Ten Years After

Erstellt: 26. April 2010
Ten Years After Lang, länger, schnell am schnellsten: Ten Years After bei ihrem Konzert in der Vaihinger Stadthalle. Foto: Schulz

Vaihingen (abs). Ten Years After in der Vaihinger Stadthalle: Das wollten am Samstagabend 700 Fans sehen – und hören. Zwei Stunden schufteten die Rocklegenden. Das Publikum war begeistert.
 Die Freunde des gediegenen und in epischer Länge zelebrierten Gitarrensolos kamen am Samstagabend voll auf ihre Kosten. Zwar ist der von seinen Anhängern als Gitarrengott verehrte Alvin Lee schon lange nicht mehr Frontmann der legendären britischen Band Ten Years After. Aber speziell der des Spiels mit den sechs Saiten kundige Teil des Publikums dürfte sich kurz vor Mitternacht gefragt haben, ob dieser Verlust nicht mehr als wett gemacht wurde.
Joe Gooch heißt der Mann, dem es in der Stadthalle gelungen sein dürfte, genau das zu beweisen. „Es ist schon verrückt“, gibt Ten-Years-After-Bandleader und Bassist Leo Lyons zu, „die Legende lebt einfach weiter, obwohl Alvin schon so viele Jahre weg ist“. Lyons, 65 Jahre alt, hatte die Truppe 1967 im britischen Nottinghamshire ins Leben gerufen, gemeinsam mit Schlagzeuger Ric Lee, 64 und Keyboarder Chick Churchill, 64, die heute noch mit ihm auf der Bühne stehen. Und einem gewissen Alvin Lee eben, dessen Gitarrenkünste Ten Years After weltberühmt machten, als sie durch den Film vom sagenumwobenen Woodstock-Festival 1969 einem globalen Auditorium zugänglich wurden.
Dass nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Band wieder in der Originalbesetzung zu reanimieren, 2002 Joe Gooch als dauerhafter Ersatz für Alvin Lee an Bord geholt wurde, um der immer noch lebhaften Nachfrage nach Live-Auftritten gerecht werden zu können, hat viele Hard-Core-Fans auf die Barrikaden gebracht. Teilweise bezeichnen sie es gar als Betrug, dass die Musiker ohne Lee unter dem Namen Ten Years After auftreten. „Dabei hat Joe inzwischen mehr Konzerte mit uns gegeben als Alvin“, rechnet Leo Lyons vor. Joe Gooch, mit 32 Jahren gerade einmal halb so alt wie seine drei Mitmusiker, macht es längst nichts mehr aus, ständig auf den berühmten Vorgänger angesprochen zu werden. „Das lässt sich in diesem Fall nicht vermeiden“, sagt Gooch, „aber immerhin haben mich die Kollegen nie dazu gedrängt, Alvin zu kopieren – meine Instrumente, mein Stil, da konnte ich mich frei entscheiden.“ „Die Leute versuchen oft, einen Vergleich zwischen Joe und Alvin herzustellen“, wundert sich Leo Lyons, „anstatt einfach die Musik zu genießen.“
Musikalische Reise
in die Vergangenheit
Die Konzertbesucher in Vaihingen hatten an diesem Samstagabend ganz offensichtlich genau das vor. Das zeigte sich schon bei der begeisterten Begrüßung der Vorgruppe Tiny Scud. Die lokalen Rockmusik-Helden sind zwar noch nicht ganz so lange im Geschäft wie Ten Years After, aber 35 Jahre kommen da auch schon zusammen – für die vielen älteren Semester im gut gemischten Publikum war also gleich eine doppelte musikalische Reise in die Vergangenheit angesagt. Und wie es das Gesetz von der Duplizität der Ereignisse will, ließ sich noch eine weitere Parallele zwischen den beiden Kapellen ziehen: Auch bei Tiny Scud waren mit Manfred Rösch (Keyboards, Flöte, Gesang) und Manfred Auch (Bass, Gitarre) zwei Mitglieder der Originalbesetzung von 1973 am Start – und präsentierten ein „Band-Baby“, das altersmäßig aus dem Rahmen fiel: Röschs Tochter Verena. Das zum großen Teil aus den goldenen Zeiten von Tiny Scud in die Gegenwart gerettete Programm wurde stürmisch bejubelt, vor allem, als Manfred Rösch zur Querflöte griff. „Ein Tiny-Scud-Konzert ohne Flöte ist wie ein Auto ohne Motor“, merkte er nicht ganz unzutreffend an. Doch werden sich viele Zuhörer insgeheim die Frage gestellt haben: „Und was wäre ein Tiny-Scud-Konzert ohne Verena?“ Spätestens mit dem stimmgewaltig in den Saal geschmetterten Bonnie-Tyler-Song „Total Eclipse oft he Heart“ löste die Sängerin einen Beifallssturm aus.
Der Boden war bereitet für den Top-Act und Ten Years After ließen dem teils komplexen Tiny-Scud-Stücken erdigsten Gitarrenrock folgen. Einfach durchschaubare Gitarrenriffs, geradliniger und treibender Rhythmus von Schlagzeug und Bass, nur selten durch überraschende Einwürfe und Breaks aufgepeppt, gestützt von meist – aber nicht immer – zurückhaltender Keyboardbegleitung – das rockte. Und immer wieder Joe Goochs Gitarrensoli: Lang, länger, schneller, am schnellsten. Nicht so ausgeprägt bei den neueren Songs aus der Feder von Lyons und Gooch, die seit dem Einstieg des jungen Gitarristen auf den beiden Studio-CSs Now (2004) und Evolution (2008) erschienen sind. Dafür umso flächendeckender bei den Welthits aus der Alvin-Lee-Ära. Als siebter Titel stand „5000 Miles beneath my Brain“ auf dem handgeschriebenen Programmzettel – die ersten Takte lösten auch bei denjenigen ein Aha-Erlebnis aus, denen der Name des Stücks kein Begriff war. Wer bei Joe Goochs mit atemberaubender Geschwindigkeit gespielten Soloparts, auch in Alvin-Lee-Klassikern wie „Love like am Man“ immer noch dem Altmeister nachtrauerte, dem war wirklich nicht zu helfen.
Fast ebenso erstaunlich, dass sich das Seniorentrio an Goochs Seite nicht etwa an die Wand spielen ließ. Leo Lyons, der mit seiner silbernen Mähne noch am ehesten ins Klischee „alternder Rockstar“ passte, ist zwar nicht mehr besonders gut zu Fuß, aber immer noch ein Freund des flotten Fingers – auch wenn er sich bei Passagen mit Tiefton-Dauerfeuer bisweilen selbst zu überholen drohte. Im Gegensatz zu ihm wären Ric Lee und Chick Churchill bei einem Nachmittagsspaziergang durch die Vaihinger Innenstadt vermutlich als versprengte Mitglieder einer Seniorenreisegruppe durchgegangen. Auf der Bühne waren ihnen sechs Jahrzehnte nicht anzumerken. Churchill bearbeitete sein Instrument beim Keyboardsolo so inbrünstig, dass selbst Orgel-Rabauke John Lord von Deep Purple seine Freude daran gehabt hätte. Ric Lee lieferte ein beinahe zehnminütiges schweißtreibendes Schlagzeug-Feuerwerk ab, das zwei Fragen aufwarf: Wie konnte er das durchhalten in dem Alter? Und wie ist die Telefonnummer seines Fitnesstrainers?
Band, Publikum und
Veranstalter hatten Spaß
Straffe zwei Stunden schufteten Ten Years After – und hatten sichtlich Spaß dabei Wie auch das Publikum und der Veranstalter, die Vaihinger Kulturinitiative Schbieldesle. Deren Macher Armin Schubert konnte sich seines breiten Grinsenes zu vorgerückter Stunde kaum mehr erwehren. „Bei 570 Besuchern waren wir aus der Verlustzone. Jetzt bekommt die Band etwas mehr, und der Verein auch. Damit können wir dann die kleineren Veranstaltungen im Löwensaal finanzieren, die leider immer nur 80 Leute anlocken.“ Über weitere Großprojekte wollte Schubert eigentlich nicht sprechen. „Das hatten wir vom Erfolg des Ten Years After-Konzerts abhängig gemacht.“ Dann kann er es aber doch nicht für sich behalten: „Manfreds Mann’s Earth Band in der Stadthalle – das wäre noch so ein Traum.“

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