Stolperstein in Vaihingen

Erstellt: 8. Oktober 2010
Stolperstein in Vaihingen Auch Vaihingen hat jetzt seinen Stolperstein. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Für den Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch sind keine Diskussionen nötig. „Klar, wir sind da dabei.“ So übernimmt die Stadt die Kosten für den ersten Stolperstein, der gestern verlegt wurde.
 Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des Vereins KZ-Gedenkstätte Vaihingen wurde zum Gedenken an den Vaihinger Widerstandskämpfer Wilhelm Eichel ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus am Kirchplatz 11 eingelassen. Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der schon seit Jahren in Deutschland für Menschen, die verschleppt wurden und zu Tode kamen oder vermisst sind, Stolpersteine verlegt, hat die Aktion gestern Morgen selbst erledigt.
„Die Zeitzeugen werden immer weniger. Es wird nicht mehr lange dauern, bis es niemand mehr gibt, der uns etwas über die schreckliche Zeit des Dritten Reiches sagen kann“, betonte Maisch. Deshalb müsse man an vielen Stellen deutlich machen, dass diese Schreckensherrschaft überall war – „auch in unserer Stadt“. Die Geschichte sei ein guter Lehrer, „nur finden sich oft zu wenig Schüler“.
Dank der Recherchen des Historikers Dr. Manfred Scheck, Vereinsmitglied bei KZ-Gedenkstätte, kann das Schicksal des Vaihinger Widerstandskämpfers aufgezeigt werden: Wilhelm Eichel wurde 1907 in Vaihingen geboren, erlernte das Mechanikerhandwerk und arbeitete nach der Lehre bis zu seiner Entlassung im Mai 1932 bei der Firma Storz in Kornwestheim. In seiner Freizeit engagierte er sich im Vaihinger Arbeiter-Kraftsportverein. Außerdem trat er 1930 der KPD bei. Im März 1933 wurde er daraufhin erstmals von den Nationalsozialisten verhaftet und im KZ auf dem Heuberg inhaftiert. Nach seiner Entlassung im Juni 1933 war er arbeitslos. Mit Unterstützung des damaligen Vaihinger Bürgermeisters Linkenheil wurde Eichel im Februar 1934 bei der Firma Bosch in Feuerbach angestellt.
1936 Prozess wegen
„Vorbereitung zum Hochverrat“
Nachdem er wegen seiner politischen Tätigkeit denunziert wurde, kam er im Sommer 1935 in Untersuchungshaft. Im Herbst 1936 fand in Stuttgart vor dem Oberlandesgericht der Prozess wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ statt. Das Urteil lautete: zwei Jahre und neun Monate. Er verbüßte die Strafe unter anderem im Zuchthaus Ludwigsburg und im Emslandlager.
Danach wurde er aber nicht freigelassen, sondern ins KZ Dachau überführt. Von Mai 1938 bis zum November 1944 blieb er bis auf eine kurze Verlegung ins KZ Mauthausen im KZ Dachau inhaftiert. Schließlich wurde er in das berüchtigte SS-Strafbataillon Dirlewanger überstellt. Er überlebte den Krieg und wurde zuletzt im Oktober 1945 im russischen Kriegsgefangenenlager in der Ukraine lebend gesehen. Wahrscheinlich überlebte er die Strapazen bei der Zwangsarbeit nicht. 1957 wurde er vom Amtsgericht Vaihingen rückwirkend auf den 31. Dezember 1945 für tot erklärt.
Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet.
Zum 50. Jahrestag setzte sich Demnig 1990 künstlerisch mit den Deportationen von 1000 Roma und Sinti aus Köln auseinander, die für die Nationalsozialisten eine Art Generalprobe für die nachfolgenden umfangreicheren Judendeportationen waren. Mit einer Art rollbaren Druckmaschine zog er den Deportationswegen folgende Spuren durch die Stadt.
Einen ersten mit einer Messingplatte versehenen und beschrifteten Stein ließ Demnig am 16. Dezember 1992, dem 50. Jahrestag des Befehls Heinrich Himmlers zur Deportation der „Zigeuner“, vor dem historischen Kölner Rathaus in das Pflaster ein. Auf dem Stein zu lesen sind die ersten Zeilen dieses Erlasses. Demnig mischte sich mit diesem Stein in die Diskussion um das Bleiberecht von aus Jugoslawien geflohenen Roma ein.
In Ausdehnung auf alle Verfolgtengruppen entwickelte Demnig in den Folgejahren das Projekt „Stolpersteine“. Zuerst war es eher ein theoretisches Konzept für die Veröffentlichung „Größenwahn – Kunstprojekte für Europa“, da Demnig von notwendigen sechs Millionen Stolpersteinen in ganz Europa ausging. Der Pfarrer der Antonitergemeinde in Köln animierte Demnig jedoch, wenigstens einige Steine zu verlegen, um ein Zeichen zu setzen. 1994 kam es so zu einer ersten Ausstellung von 250 Stolpersteinen in der Antoniterkirche in Köln. Am 4. Januar 1995 verlegte Demnig probeweise und ohne Genehmigung die ersten Steine in Köln. Im Folgejahr beteiligte er sich an der Ausstellung „Künstler forschen nach Auschwitz“ in Berlin-Kreuzberg und verlegte in der dortigen Oranienstraße ebenfalls ohne Genehmigung 51 Steine. Behördlich abgesegnet konnte er die ersten zwei Steine am 19. Juli 1997 auf Einladung von Gedenkdienst-Gründer Andreas Maislinger in St. Georgen bei Salzburg verlegen. In Deutschland dauerte es noch weitere drei Jahre, bis er im Jahr 2000 in Köln und amtlich genehmigt endlich weitere Stolpersteine verlegen konnte. In der nachfolgenden Zeit wurde das Projekt mehr und mehr zum Selbstläufer; mittlerweile hat es sich zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt.

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