„So kennen wir Vaihingen noch gar nicht“

Erstellt: 4. Februar 2012
„So kennen wir Vaihingen noch gar nicht“ Eines der Bilder aus den 1930er Jahren, das dem Vaihinger Stadtarchiv jetzt vorliegt, zeigt die Stuttgarter Straße (Heute Fußgängerzone) vom marktplatz aus gesehen.

Vaihingen/Tübingen (clar). Es ist ein kleiner Schatz, den das Vaihinger Stadtarchiv seit wenigen Tagen in seiner Sammlung hat: Dutzende Ansichten zeigen Leben und Stadtbild des Ortes in den 1930er Jahren. Gefunden hatte sie vor zwei Jahrzehnten ein Tübinger Geschäftsmann. Nun half das Internet, dass er und das Archiv zueinander fanden.
Eine Treppe führt zum zweiten Eingang der Stadtkirche, die Gerberstraße ist ein schmaler und matschiger Weg, um die Schlossbergschule sind offenbar Streuobstwiesen angelegt: Rund 50 Schwarz-Weiß-Fotografien, die dem Stadtarchiv Vaihingen seit einigen Tagen vorliegen, geben bislang kaum gekannte Einblicke. „So kennen wir Vaihingen noch gar nicht“, sagt Archivmitarbeiterin Andrea Majer beim Blick auf die Fotos, die vermutlich aus den 1930er Jahren stammen. In dem bereits rund 8000 Bilder umfassenden Bestand der Einrichtung sind diese Stadtansichten etwas Besonderes, denn viele Motive haben selbst die erfahrenen Mitarbeiter dort noch nicht gesehen. „Es scheint eine Serie zu sein. Die Gebäudestrukturen und manchmal auch Personen sind gut erkennbar“, so Stadtarchivar Lothar Behr.
Diverse Straßenzüge mit Gebäuden, die zum Teil längst abgerissen wurden, sind da zu sehen – zum Beispiel in der Franckstraße/Einmündung Angelstraße (nahe der heutigen Zweigstelle des Landratsamtes), wo eine Mauer die erste Hausreihe ersetzt hat. Der Marktplatzbrunnen, wie man ihn heute kennt, existierte noch nicht. Dafür zeigt eines der Fotos direkt vor dem Rathaus eine eckige Verkleidung, unter der Andrea Majer den vorherigen Brunnen vermutet. Ab und zu sind Personen zu sehen. „Das müsste der Friseur Toberer sein“, sagt sie über einen weiß gekleideten Mann, der auf einem Bild der heutigen Fußgängerzone in der Stuttgarter Straße (vom Marktplatz aus gesehen) in einem Hauseingang steht. Datieren konnten die Fachleute die Aufnahmen auf die 1930er Jahre auch deshalb, weil darauf an Häusern angebrachte Hakenkreuzflaggen zu sehen sind.
Dass die alten Ansichten den Weg ins Stadtarchiv gefunden haben, ist der modernen Kommunikation per Internet zu verdanken. Vor einiger Zeit hatte Lothar Behr zufällig einige der alten Aufnahmen, zusammengestellt zu einem kurzen Film, auf der Online-Plattform Youtube entdeckt. Sie schienen zunächst nichts Besonderes zu sein. Dann meldete sich ein US-Amerikaner bei der Einrichtung, der nach seinen Vorfahren aus Vaihingen forschte und ebenfalls die Fotos im Internet erwähnte. Ein zweiter Blick auf die Youtube-Seite offenbarte Behr und Majer, welch interessanter Fotoschatz da schlummerte. Und der sollte ins Stadtarchiv aufgenommen werden.
Vergangene Woche kontaktierte Andrea Majer den Urheber des Internetfilms – und traf prompt auf Hilfsbereitschaft. Das Archiv bekam die Fotos als Negative zugeschickt und durfte Kopien für sich machen. „Es gibt durchaus Menschen, die uns solche Bilder verkaufen. Aber in diesem Fall gab es nur zwei Auflagen: Wir sollten dem Herren Untertitel mit Ortsbeschreibungen liefern und die Bilder nicht kommerziell verwenden“, berichtet sie.
Der besagte Herr ist Ivo Lavetti aus Tübingen. Er vertreibt seit 25 Jahren Gebrauchtes, das aus Haushalts- oder Geschäftsauflösungen stammt. Und bei einer dieser Entrümpelungen im Kreis Tübingen stieß er seiner Aussage nach vor immerhin 20 Jahren auf zwei alte Leitzordner voller Pergamentblätter, in denen unzählige Negativstreifen steckten. Geschätzte 2000 bis 3000 könnten es sein. „Die waren beschriftet: Heilbronn, Marbach, Weil der Stadt, Vaihingen stand drauf“, berichtet er. Doch damals weckten die alten Aufnahmen kein Interesse bei dem Geschäftsmann. „Ich wusste nicht, was ich damit tun sollte und habe sie beiseite gelegt.“
Warum er den Fund in dieser Zeit nicht weggeworfen hat? „Es war mir schon klar, dass das ein kleiner Schatz ist“, so Lavetti. Zwei Jahrzehnte später entdeckte er durch besagte Internetplattform die Möglichkeit, Bilder hochzuladen, zu Filmen zusammenzustellen und vielen anderen Menschen zugänglich zu machen. Er kaufte einen Scanner, mit dem Negative digitalisiert werden können. „Zwei, drei der Städte habe ich schon geschafft.“ Danach nahm der Tübinger teils selbst mit Stadtarchiven Kontakt auf, teils wandten sie sich an ihn. Den Einrichtungen wolle er die Aufnahmen kostenlos zur Verfügung stellen, sagt der 53-Jährige. „Dort sollten sie für die Nachwelt erhalten bleiben. Das ist schließlich Geschichte.“ Ein wenig Geschäftssinn zeigt Lavetti in der Sache dennoch: In den vergangenen Tagen hat er die Internetseite nostalgus.de erstellt, wo er Abzüge der Bilder verkauft.
Wessen Wohnung er damals entrümpelte, daran kann sich Ivo Lavetti nach so langer Zeit allerdings nicht mehr erinnern. Nur so viel: „Ich habe im Hinterkopf noch, dass es ein Architekt gewesen sein könnte.“
Für das Vaihinger Stadtarchiv spielt die Herkunft eine untergeordnete Rolle. Hier haben sich Andrea Majer und Lothar Behr mit Stadtführer und -kenner Knut Berberich zusammengesetzt, um zu erforschen, was im Detail auf den Fotografien zu sehen ist. „Er kann beim Blick darauf genau sagen, wer wo gewohnt hat“, sagt Majer. Doch auf den Aufnahmen gibt es so viel zu entdecken, dass wohl noch eine längere gemeinsame Sitzung notwenig sein wird.
Wer neugierig ist auf noch mehr Fotografien von Vaihingen vor 80 Jahren, der kann die Bilder jedoch schon im Stadtarchiv begutachten: Sie wurden sowohl digital im Computer und auf CD archiviert als auch als Abzüge. In diesem Zusammenhang haben die Archivmitarbeiter eine Bitte an die Bürger: „Wer Bilder mit Stadtansichten daheim findet, den bitten wir, sie nicht zum Entrümpler zu geben, sondern zu uns zu bringen.“

Weiterlesen

Mehrere verletzte Schüler durch Böller im Klassenzimmer

Drucken Mühlacker (p). Wie die Polizei meldet, ist in Mühlacker kurz nach 10 Uhr im Klassenzimmer einer in der Lindachstraße gelegenen Realschule ein Böller in der Hand eines Schülers explodiert. Er selbst erlitt dabei schwere Handverletzungen und kam... »