Schöne Zeit mit Pflegekindern

Erstellt: 26. Februar 2010
Schöne Zeit mit Pflegekindern Kinder brauchen Geborgenheit und Halt. Foto: VKZ-Archiv

Vaihingen (sr) – Unbeschwert sollte Kindheit sein, aus glücklichen Kindern wertvolle Erwachsene formen. Die Ansprüche sind hoch, Eltern häufig überfordert. Manchmal werden Kinder aus der Herkunftsfamilie genommen und finden in einer Pflegefamilie Halt. Eine Pflegemutter aus Vaihingen erzählt von ihren Erfahrungen.
30 Pflegekinder hat Renate Schmid unter ihrem Dach in den letzten 15 Jahren versorgt. Und natürlich ihre drei leiblichen Kinder, die bis auf die 18-jährige Tochter das Haus in einem Vaihinger Stadtteil schon verlassen haben. Manche dieser 30 Pflegekinder bleiben nur einige Wochen, andere, wie der zwölfjährige Martin, sind seit ihrer Geburt bei den Schmids daheim.
 Die Namen der Kinder und der Pflegemutter sind in dieser Geschichte geändert, um die Anonymität zu wahren. Alles andere stimmt. So wie die Zahl, die Sozialpädagogin Regina Wißmann-Hähnle nennt. 260 Kinder leben im Landkreis Ludwigsburg aktuell in Vollzeitpflege. Das bedeutet 260 Schicksale, in denen sich Mutter und Vater nicht in der Lage sehen, die Verantwortung für das eigene Kind zu übernehmen. Oder in denen das Kind nicht mehr nach Hause will. Oder in denen das Jugendamt die Kinder aus den Herkunftsfamilien nehmen muss und in einer Pflegefamilie unterbringt.
Gründe dafür, ein Kind in einer Pflegefamilie unterzubringen, gibt es viele (siehe Hintergrund-Kasten). Oft eilt es und in kürzester Zeit muss ein behüteter Platz selbst für die Allerkleinsten gefunden werden. Das ist der Moment, in dem Pflegemütter wie Renate Schmid aus Vaihingen informiert werden. Dann heißt es für die 49-Jährige mitunter in Windeseile alles für die Ankunft eines Neugeborenen vorzubereiten. „Die Kleinen, die sind meine Herzensangelegenheit“, sagt Schmid, die selbst zweifache Oma ist. Es sei so eine besondere Atmosphäre im Haus, wenn ein Baby da ist. Gleich im Doppelpack kam dieses Glück vor drei Jahren zu den Schmids. Neugeborene Zwillingsmädchen mussten in Bereitschaftspflege – das heißt zeitlich begrenzt für maximal einige Monate – untergebracht werden. „Wir haben die Frühchen in den vier Wochen, in denen sie in der Klinik waren, schon besucht“, erinnert sich Renate Schmid.
Zum Geburtstermin sind sie dann aus dem Krankenhaus zu Schmids nach Hause gekommen. „Da braucht man die Familie“, sagt die Pflegemutter. Ohne die Unterstützung des Partners, der Kinder und Großeltern wäre die Aufgabe nicht zu meistern. Oft sei sie morgens aufgewacht und habe sich über die ruhige Nacht gewundert. Bis sie gesehen hat, dass ihr Mann die Kleinen schon mit Schoppen versorgt hatte. Nach drei Monaten hieß es Abschied nehmen von den Zwillingsmädchen: „Das hat mir schon weh getan, der Abschied von den zwei Herzele.“ Doch man bekomme auch Routine, sagt Schmid.
Angefangen hatte das Leben als Pflegefamilie durch einen Schicksalsschlag im Heimatort. Als die jüngste Tochter den Kindergarten besuchte, verunglückte die Mutter von deren Freundin tödlich. Renate Schmid bot ihre Hilfe an und nahm mit dem Wissen des Jugendamts das kleine Mädchen ein Jahr lang bei sich auf. Daraus entwickelte sich die Idee, als Pflegemutter weiterzumachen. Mit ihren drei Kindern in ihrem Beruf als Medizinisch Technische Assistentin zu arbeiten, sei utopisch gewesen, und die „Abneigung gegen das Büro“, das sie ihrem selbstständigen Gatten hätte führen können, spielte sicherlich auch eine Rolle. Schmid: „Wir haben uns dann offiziell beim Pflegekinderdienst im Landratsamt Ludwigsburg beworben.“
Inzwischen zähle zum Bewerbungsverfahren beispielsweise ein Qualifizierungsseminar, ergänzt Sozialpädagogin Wißmann-Hähnle. Nach dem O.K. des Jugendamts und einigen Monaten Wartezeit kam Baby Martin in die Familie. Aus der Bereitschaftspflege wurde eine Dauerpflege. „Martin ist unser Kind“, sagt Renate Schmid über ihren Zwölfjährigen. Seine leibliche Mutter war aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht in der Lage, sich um das Kind zu kümmern. Auch der Vater kam als Erziehungsberechtigter nicht in Frage. „Jedes Kind bringt sein Päckle mit“, sagt Wißmann-Hähnle. Die Aufgabe, Pflegekinder aufzunehmen, sei eine große Herausforderung. Martin sei durchaus „erzieherisch interessant“, sagt Schmid.
Dabei mache die Betreuung der Kinder vielleicht nur ein Drittel der Arbeit und Belastung der Pflegemutter aus, schätzt Schmid. Viel schwerer wiegen die Familiengeschichte des Kindes und die Treffen mit den Eltern. Schmid: „Die packen einem das ganze Schicksal mit auf.“ Außerdem kommen Experten ins Haus und begutachten das Kind, Therapeuten sind möglicherweise zu konsultieren, Kinderarztkontakte können sich häufen… Hin und wieder ist die Arbeit von Jugendamt und Pflegeeltern besonders schwierig. Wißmann-Hähnle: „Das Elternrecht wird sehr hoch bewertet, worunter die Bedürfnisse des Kindes unter Umständen leiden.“ Schmid: „Manchmal betreiben wir Schadensbegrenzung.“
 Ob sie ihre Entscheidung, Pflegemutter zu sein, bereut? „Jeden Tag einmal“, lacht Schmid. Relativiert aber sofort: Es sei zwar anstrengend, „aber jedes Mal eine schöne Zeit“. Zum Beispiel bei Fabian. Der Kleine war drei Monate alt, als er bei den Schmids ankam. Er war völlig apathisch. „Der hatte sich schon aufgegeben“, sagt die Pflegemutter. Ein halbes Jahr später trafen die Schmids zufällig die behandelnde Ärztin des Kleinen, die ihn seitdem nicht gesehen hatte. Die habe ihn nicht mehr erkannt, „weil er so gelacht und gestrahlt hat“ und sei vor Rührung in Tränen ausgebrochen.
Momentan leben der zwölfjährige Martin und ein 17-Jähriger in Dauerpflege bei den Schmids sowie ein achtjähriges Mädchen in Bereitschaftspflege. So lange sie kann, möchte sie weiter als Pflegemutter arbeiten, sagt Schmid. Und zu Sozialpädagogin Wißmann-Hähnle gewandt: „Jetzt habe ich lauter Schulkinder, tagsüber ist’s öde.“ Das könnte sich nächste Woche ändern. Da zieht vielleicht wieder ein Baby bei den Schmids ein.
Hintergrund: Pflegefamilien
Wenn Eltern nicht in der Lage sind, Gefahren für das Wohl ihres Kindes abzuwenden, muss eine Lösung gefunden werden. Häufig werden Kinder dann in Pflegefamilien untergebracht. „260 Kinder sind im Landkreis Ludwigsburg in Vollzeitpflege untergebracht“, sagt Regina Wißmann-Hähnle vom Pflegekinderdienst im Landratsamt Ludwigsburg. Bei der Vollzeitpflege verbringen die Kinder Tag und Nacht in der neuen Familie. In den letzten Jahren sei diese Zahl „gewaltig hochgegangen“, so die Sozialpädagogin. Zum einen gelte eine Unterbringung in Familien im Vergleich zur Heimunterbringung als besser. Zum anderen sei „nach unserer Einschätzung die Zahl junger Eltern, denen ganz grundlegende erzieherische Fähigkeiten fehlen“, gestiegen. Meistens melden sich Kinderärzte, Hebammen, Kliniken oder auch die Schulen und die Polizei. Die Kinder kommen zunächst, bis zur weiteren Klärung, zeitlich begrenzt in eine Pflegefamilie (Bereitschaftspflege). Für alle Beteiligten bringt eine solche Entscheidung mitunter große Emotionen mit sich. Die leiblichen Eltern werden vielleicht von Ängsten und Selbstvorwürfen geplagt. Möglicherweise befindet sich die Herkunftsfamilie in einer akuten Krise. Lange Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Todesfälle, Partnerprobleme oder anderes machen die Trennung vom Kind nötig. Die Kinder reagieren individuell auf die Veränderung. Manche bauen einen Abwehrpanzer um sich herum auf, andere „kleben“ förmlich an den neuen Eltern. Angst oder Aggression, Bettnässen und Nägelkauen können auftreten. Und auch in der Pflegefamilie kann es zu Eifersüchteleien und Problemen kommen. Wie bei einem Mobile bringt das neue Familienmitglied das Gefüge erst mal durcheinander. Grundsätzlich können auch Unverheiratete und Einzelpersonen Pflegepersonen werden. Es ist keine pädagogische Berufsausbildung nötig. „Wir sind froh über jede Familie, die sich bei uns meldet und sich interessiert“, sagt Wißmann-Hähnle. Informationen beim Pflegekinderdienst, Landratsamt Ludwigsburg, unter der Telefonnummer (07141) 1442532.

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