Schatz der Keltenfürstin gehoben

Erstellt: 21. März 2012
Schatz der Keltenfürstin gehoben Szenen der Live-Bergung zweier spektakulärer archäologischen Funde. Fotos: Elsässer

Ludwigsburg (elf). Die Grabkammer einer vor etwa 2600 Jahren bestatteten frühkeltischen Fürstin gehört seit dem Fund des Keltenfürsten in Hochdorf vor mehr als 30 Jahren zu den spektakulärsten archäologischen Ausgrabungen im Land. Gestern hoben Archäologen in Ludwigsburg die bislang kostbarsten Schmuckstücke aus dem Prunkgrab: eine Goldfibel sowie einen bandförmigen Ohrring aus Gold samt Anhänger.
Restauratorin Nicole Ebinger-Rist zitterte beinahe am ganzen Körper. Nach rund 2600 Jahren sollte sie die erste Person sein, die den großen Ohrring aus purem Gold in die Hand nehmen und ansehen durfte. Unter den interessierten Augen von Staatssekretär Ingo Rust legte sie mit einem Spatel und einem Pinsel mit Stachelschweinborsten vorsichtig das 26 Zentimeter lange und einen Zentimeter breiteSchmuckstück frei, das noch zum Teil in der Erde lag. Ehrfürchtig betrachtete sie den bedeutsamen archäologischen Fund, den offenbar ein etruskischer Goldschmied filigran bearbeitet hatte, und legte ihn auf das mit Samt überzogene Tablett, das ihr der Staatssekretär reichte. Nur wenige Minuten zuvor beobachtete sie gespannt, wie ihre Kollegen Margarethe Eska und Joachim Lang auf die gleiche Weise eine 11,4 Zentimeter lange Goldfibel freilegten. Dabei handelt es sich um eine von zwei Gewandspangen mit Nadeln aus massivem Gold.
Die beiden Funde allein gehören schon zum Spektakulärsten, was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und Mitteleuropa zutage gebracht wurde. Was die Ausgrabung allerdings noch beachtenswerter macht, ist die nahezu gesicherte Annahme, dass die frühkeltische Fürstin verwandt mit einem zwei- bis vierjährigen Mädchen war, deren Grab 2005 unweit des Fürstinnengrabs gefunden wurde und in dem auf gleiche filigrane Weise gearbeitete Goldfibeln und Goldohrringe niedergelegt waren. „Damit wird uns ein neues Fenster in die Vergangenheit geöffnet“, schwärmte Grabungsleiter Dirk Krausse im Rahmen der Live-Bergung vor Journalisten.
Die Grabkammer wurde 2010 im Umfeld des frühkeltischen Fürstensitzes „Heuneburg“ bei Herbertingen im Kreis Sigmaringen entdeckt und im Dezember 2011 in einem 80 Tonnen schweren Erdquader vom rechten Donauufer in eine Lagerhalle nach Ludwigsburg transportiert. Dort arbeitet sich seither ein sechsköpfiges Team unter der Leitung von Professor Dirk Krausse vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart Zentimeter um Zentimeter vor, um die zahlreichen wertvollen Grabbeigaben freizulegen.
Die Erhaltung des Prunkgrabes ist nach Meinung der Experten einmalig und liegt an der feuchten Umgebung am Fundort. Der feuchte Boden dort hat den Grabinhalt sehr gut konserviert. Bei dem Grab handelt es sich nach Aussagen von Krausse um ein 4,50 Meter langes und 3,60 Meter breites Kammergrab, das in einen Erdschacht eingelassen wurde. Der Boden der Kammer besteht aus Eichendielen und Tannendielen. Da die unterste Bodenschicht noch gut erhalten ist, lässt sich anhand der Jahresringe nahezu auf das Jahr genau bestimmen, wann die Bäume gefällt wurden. Da der jüngste Ring auf das Jahr 609 vor Christus datiert, handelt es sich um das älteste bisher bekannte Fürstinnengrab. Nach Meinung der Experten ist es um einige Jahrzehnte älter als das Fürstengrab von Hochdorf.
Die Fürstin, die um das Jahr 580 vor Christus im Alter von ungefähr 30 Jahren in die Grabkammer gelegt wurde, trug an den Ohren, um Hals, Hüfte sowie um Hand- und Fußgelenke edlen Schmuck aus Gold, Bernstein und Bronze. In einer Ecke des Grabs wurde eine zweite Person gefunden. Ob es sich dabei um eine Begleitperson oder um eine nachträglich ins Grab gelegte Person handelt, müssen die Wissenschaftler noch untersuchen. Weitere Fundstücke sind ein Paar Eberzähne, Felle, Tierhaare, Brustschmuck von Pferden, Glasperlen sowie ein junges Schwein als Speisebeigabe. „Es spricht einiges dafür, dass ein gesamter Wagen mit Zaumzeug in dem Grab ist“, sagte Krausse. Der gefundene Goldschmuck sei mit größter Sorgfalt hergestellt worden und gelte als „Meisterwerk für die damalige Zeit“. Die vielen Funde in dem Grab sind ein Beleg dafür, dass es als eines der wenigen nie ausgeraubt wurde. „Es handelt sich dabei um einen Schlüsselfund von interdisziplinärer Bedeutung für die Chronologie des 7. und 6. Jahrhunderts vor Christus in ganz Europa“, sagte Grabungsleiter Krausse.
Professor Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, bezeichnete die Ausgrabung als „ähnlich spektakulär“ wie den Fund des Hochdorfer Keltenfürsten im Jahr 1978. Die frühkeltische Fürstin sei eine hervorragende Ergänzung zum Fund im Eberdinger Ortsteil. Anders als dort sei das Grab der Fürstin allerdings sehr gut erhalten, weshalb darin auch Textilien, Geflechte und Gewebe zu finden seien.
Nachdem derzeit ein Drittel des Prunkgrabes freigelegt wurde, nehmen sich die Archäologen jetzt den Rest vor. Bis Ende des Jahres werden die Arbeiten voraussichtlich noch dauern. Dabei ist es für die Wissenschaftler von besonderem Interesse, was sich unter der zweiten toten Person verbirgt.
Was bislang in dem Grab gefunden wurde, soll bereits bei der Landesausstellung „Die Welt der Kelten“ gezeigt werden, die am 15. September in Stuttgart beginnt.
www.keltenblock.de

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