Ökosparbuch hilft der Steillage

Erstellt: 6. Oktober 2012

Roßwag/Illingen (clar). Sie sind elementar für den Weinbau in der Roßwager Steillage, zugleich kulturelles Erbe und wichtiger Lebensraum: Doch die Trockenmauern in den Wengert brauchen viel Pflege – und die kostet. Mithilfe der seit 2011 im Land geltenden Ökokontoregelung wird nun ein Teil saniert. Ein Beispiel, das in Baden-Württemberg Schule machen könnte.
Der Blick von der Rosswager Steillage hinab auf Enz und den Vaihinger Ortsteil ist an diesem Freitagnachmittag atemberaubend: Saftige Rieslingtrauben lugen unter den Blättern der Rebstöcke hervor, die Sonne lässt das Flusswasser glitzern, von der Höhe ist der ganze Ort zu sehen. Was man von hier nicht sieht: Zwischen den Rebstöcken bröselt es. Der Wengert, der dem Roßwager Heimatverein Backhäusle gehört und ganz knapp auf Illinger Gemarkung liegt, hat 805 Quadratmeter der hier typischen Trockenmauern zu bieten. Doch 80 Prozent davon sind eingefallen, wie eine Untersuchung vor zwei Jahren ergab. Die Sanierung der für die Terrassen im Steillagenweinbau so wichtigen Mauern ist teuer: Eine Schätzung geht von 270 000 Euro aus. „Wir allein können das gar nicht finanzieren“, sagt Bernd Essig, Vorsitzender des Vereins.
Dennoch fällt am gestrigen Nachmittag – im Beisein von Alexander Bonde (Grüne), Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz – der offizielle Startschuss für die Erneuerung des ersten Abschnitts: 180 Quadratmeter Trockenmauer sollen in den kommenden drei Monaten wieder hergerichtet werden – zumindest finanziell kostenfrei für den Backhäusleverein. Möglich wird das aufgrund der 2011 in Baden-Württemberg eingeführten Ökokonto-Verordnung. Zur Erklärung: Wer freiwillig ökologische Aufwertungsmaßnahmen quasi auf Vorrat durchführt, kann sich dafür Ökopunkte auf jenem Konto gutschreiben lassen. Die Punkte können später, wenn für Eingriffe in Natur und Landschaft zum Beispiel durch Baumaßnahmen ein Ausgleich nötig wird, eingesetzt werden. Aber die Punkte dürfen auch gehandelt, das heißt, an Dritte im Land weiterverkauft werden. Ein Ökokonto können Privatpersonen, Stiftungen, Vereine, Firmen oder Kommunen führen. Die Projekte dürfen nicht staatlich gefördert sein. Damit die ökologische Aufwertung und der Handel sinnvoll passieren, gibt es strenge Auflagen.
Das „Ökosparbuch“ kommt nun dem Weinbau in Roßwag zugute: Der Verein Backhäusle bekam Kontakt zur Flächenagentur Baden-Württemberg, die als Dienstleister auch Ökopunkte und Kompensationsflächen vermittelt. Zu den Gründern der Agentur wiederum gehört die LBBW Immobilien Landsiedlung GmbH. Das Unternehmen investiert jetzt 80 000 Euro in den ersten Sanierungsabschnitt. Dafür bekommt es ein „Sparguthaben“ an Ökopunkten und verkauft diese später mit einem Aufschlag weiter – unter anderem an Firmen, die eine „Ökoschuld“ zu tilgen haben. „Ein erster Käufer wird der Steinbruch Zimmermann sein“, berichtet Bernhard Kübler, Geschäftsführer der LBBW Immobilien Landsiedlung und der Flächenagentur. „Für uns ist wichtig, dass das Geld in die Mauern und nicht vor allem in Gutachter fließt“, sagt er und nennt ein weiteres Anliegen: Flächen sparen. „Wir lenkenAusgleichsmaßnahmen in Bereiche, die für die Landwirtschaft uninteressant sind, um möglichst keine Flächen wegzunehmen. Oder aber die Landwirtschaft wird in die Maßnahme integriert, so wie hier.“
In der Tat wird der betreffende Weinberg, den der Backhäusleverein von der Gemeinde Illingen kaufte, intensiv genutzt. Dort bietet die Genossenschaftskellerei Roßwag-Mühlhausen das Freizeitprojekt „Wengerter für ein Jahr“ an (VKZ berichtete).
Weil der Wengert direkt an der Grenze Illingen / Vaihingen-Rosswag und damit auch der Grenze der Kreise Ludwigsburg und Enz liegt, sind gestern beim offiziellen Start der Mauersanierung auch zahlreiche Vertreter von Verwaltungen, aber auch Landtagsabgeordnete, des Heimatvereins und der Genossenschaft dabei. Minister Bonde stellt die Besonderheit des Steillagenweinbaus heraus: für den Weinbau, als Teil der historischen Kulturlandschaft und als Lebensraum für geschützte Tier- und Pflanzenarten. Ihr Erhalt benötige zusätzlichen Aufwand. „Mit dem neuen Instrument Ökokonto steht dafür eine weitere Möglichkeit zur Verfügung.“
Wie wichtig diese ist, betont Hermann Hohl, Präsident des Weinbauverbandes Württemberg. „Aus diesem Projekt sollte ein Großprojekt werden“, sagt er und appelliert eindringlich: Die Wengerter schafften den Mauererhalt aus ihren Erlösen nicht mehr. Allein im Kreis Ludwigsburg gebe es 900 000 Quadratmeter Weinbergmauern. Die Sanierung gehe „ohne Steuergeld nicht“.
Und der Grünen-Landtagsabgeordnete Markus Rösler erinnert daran, dass früher Ausgleichsmaßnahmen nach gewisser Zeit gern mal in Vergessenheit gerieten. Dies soll das neue Ökokonto ändern. Auch deshalb bittet er um Rückmeldung, was bei dem Projekt gut oder auch schlecht läuft.
Am Laufen ist es schon: Seit drei Wochen sind die Roßwager Firmen Hans Schmid Garten- und Landschaftsbau und Baugeschäft Arnold mit der Sanierung des ersten Mauerabschnitts beschäftigt. Ein riesiger Kran im Wengert zeigt es an. Und offenbar wird es nicht bei einem Abschnitt bleiben. Wenn die Ökopunkte für die erste Maßnahme verkauft, das Geld wieder in der Kasse der LBBW Immobilien Landsiedlung ist, geht es weiter, stellt Kübler in Aussicht. Drei bis vier Abschnitte sollen mindestens saniert werden. „Wenn es sich rechnet“, vielleicht auch der gesamte Bereich.

Weiterlesen
Kein Anschluss unter diesen Vorzeichen

Kein Anschluss unter diesen Vorzeichen

Drucken Aurich (elf) – Die Umwandlung einer Gewerbebrache in ein Wohngebiet ist eine vielerorts willkommene Angelegenheit. Doch oftmals gestaltet sich die Realisierung recht schwierig, wie das Beispiel „Römerbergle“ in Aurich zeigt. Nach Jahren der Vorbereitung stand das Bebauungsplanverfahren... »