Nominierungskrimi der CDU

Erstellt: 12. Juli 2010
Nominierungskrimi der CDU Fischer (links), Sieger Epple. Foto: Arning

Markgröningen (aa). Freitag, 22.17 Uhr. Albrecht Fischer steht wie versteinert an der Wand. Er hat in einem Abstimmungskrimi den Kampf um die Nominierung verloren. Der CDU-Landtagskandidat für den Wahlkreis 13 (Vaihingen) heißt Konrad Epple. Er lässt sich von seinen Anhängern feiern. Die Nominierungsversammlung ist an Dramatik kaum zu überbieten. 344 Stimmzettel liegen beim ersten Wahlgang in den Urnen, alle sind gültig, es gibt keine Enthaltungen. Um 21.15 Uhr verkündet Kreisvorsitzender Rainer Wieland das Ergebnis: Albrecht Fischer 172 Stimmen, Konrad Epple 171. Eine Stimme mehr für Fischer – und er hätte die absolute Mehrheit gehabt, wäre gewählt gewesen. Doch diese Stimme geht an den chancenlosen dritten Bewerber Ulrich Raisch. „Wir haben dreimal nachgezählt“, betont Wieland und bittet nochmals an die Urnen. Die Abstimmungszeremonie wird jetzt penibel genau durchgeführt: Die Mitglieder werden vor der Stimmabgabe auf Listen abgehakt. Um 21.50 Uhr ist der zweite Durchgang abgeschlossen. Hochspannung bei den Mitgliedern, die aus der Sauna der Stadthalle ins Freie geflüchtet sind; dort ist es einige Grad „kühler“. „Ich hab’ nicht mal meiner Frau gesagt, wen ich wähle“, sagt der Kreisvorsitzende bei einer Beruhigungszigarette. Dann das Ergebnis, mit dem nach der Vorstellungsrunde eigentlich niemand so recht gerechnet hat. Konrad Epple, 46-jähriger Schlossermeister aus Ditzingen, liegt drei Stimmen vor dem Weingärtner Albrecht Fischer (60) aus Gündelbach, der im Februar das Landtagsmandat von Günther Oettinger übernommen hatte, nachdem dieser als Energie-Kommissar zur EU gewechselt war. 339 Stimmen werden im zweiten Durchgang abgegeben (einige Mitglieder sind wohl schon nach Hause gegangen), 170 bedeuten die Mehrheit. Epple hat 171, Fischer nur 168. Und wieder wird der Musikpädagoge Raisch mit einer Stimme beglückt. Die Strohgäu-Fraktion hat sich knapp durchgesetzt, feiert ihren Konrad, der vor zwei Jahren schon für die Bundestagswahl nominiert werden wollte und damals Steffen Bilger einen zähen Kampf geliefert hatte. Während der überglückliche Epple von seinen Anhängern umarmt und abgeküsst wird, steht Albrecht Fischer wie vom Blitz getroffen im Saal. Er kann und will jetzt nichts sagen. Der Dank für den fairen Wahlkampf und die engagierte Arbeit im Landtag („Ich gehe davon aus, dass er sie bis zur Wahl im März 2011 auch fortsetzt“), den Rainer Wieland an ihn ausspricht, sind ein schwacher Trost. Fischer, langjähriger Zweitkandidat, der Oettinger im Wahlkreis Vaihingen immer den Rücken freigehalten hat, ist regelrecht geschockt. Und viele im Saal sind schlicht fassungslos. Epple und Fischer haben im Vorfeld der Wahl heftig geworben, ihre Anhänger mobilisiert und sich um neue Mitglieder bemüht. Noch vor der Stadthalle Markgröningen wird um Stimmen gebuhlt: Konrad Epple hat palettenweise Grünzeug gekauft (Bergbohnenkraut, Unsterblichkeitskraut und Rosmarin). „Nicht blumig, dafür frisch und kräftig“, steht auf den Töpfen. Fischer versucht es auf die traditionelle Weise mit Flyern und einem kräftigen Händedruck. „Ersatzfrau“ für Epple wird übrigens Claudia Thannheimer (43, Diplom-Verwaltungswirtin und Kreisrätin) aus Markgröningen. Beim Rennen um die Zweitkandidatur erhält sie kurz vor Mitternacht 148 Stimmen. Andreas Lederer (40, Kaufmann und Gerlinger Stadtrat) kommt auf 49 Stimmen, für Ulrich Raisch votieren immerhin fünf Mitglieder. Auf seinen Rechenschaftsbericht aus dem Landtag hat Albrecht Fischer nach dem Tiefschlag mit Einverständnis der Anwesenden verzichtet. Tief bewegt und mit der für ihn geltenden Akzeptanz dieser demokratischen Entscheidung hat er sich bei allen für die Unterstützung in seiner Amtszeit und bei der Nominierungsversammlung bedankt – und dem Tandem-Team Epple/Thannheimer seine Unterstützung im Wahlkampf zugesagt. „Natürlich bin ich enttäuscht über diesen Wahlausgang“, sagt Fischer am Tag danach zur VKZ. Er spricht von einer zweiten demokratischen Lehrstunde innerhalb von neun Tagen. „Zuerst die Bundespräsidentenwahl und jetzt dieses denkbar knappste Ergebnis, das überhaupt möglich ist.“ Fischer hat wiederholt auch von nicht dem Vaihinger Bereich zuzuordnenden CDU-Mitgliedern bestätigt bekommen, „dass der Kandidat mit den besseren inhaltlichen Aussagen und der eindeutig besseren Präsentation denkbar knapp unterlegen ist“. Er drückt sich vorsichtig aus: „Da müssen andere Dinge als meine Arbeit als Landtagsabgeordneter in den letzten Monaten den Ausschlag gegeben haben.“ Und er findet es schade, „dass einige meiner Anhänger unter den CDU-Mitgliedern nicht anwesend waren oder nach dem ersten Wahlgang gegangen sind“. Immerhin hatte er bei der zweiten Abstimmung vier Stimmen weniger als beim ersten Versuch. Jetzt wird in Fischers Umfeld gerätselt, wie das passieren konnte. Und es gibt Mitglieder, die sogar an eine Anfechtung der Abstimmung denken. Reiflich überlegt… Markgröningen (aa). Jeweils 15 Minuten dürfen sie reden, die drei Kandidaten. Konrad Epple, 46, evangelisch, ledig, stürmt mit einem „herzlichen Grüß Gott“ auf die Bühne. Die Bewerbung habe er sich reiflich überlegt und „durch d’r Kopf ganga lassa“. Schon als die Kanzlerin am 23. Oktober 2009 Oettingers Nominierung als EU-Kommissar bekanntgegeben habe, sei es ihm klar gewesen, dass man ja einen Nachfolger brauche im Wahlkreis. Viele hätte ihn angesprochen: „Konrad, bewirb dich!“ Epple erzählt, dass er seit 30 Jahren CDU-Mitglied ist, einst Schlosser gelernt hat, die einjährige Meisterschule besuchte, auch noch als Sanitärinstallateur ausgebildet ist. Er sieht sich als Tatchrist. Vier Tage lang sei er jetzt erst nach den Unwettern als Feuerwehrmann (immerhin ist er stellvertretender Stadtkommandant in Ditzingen und war auch schon mal Kommandant) im Einsatz gewesen. Früher habe er auch Kleintierzucht betrieben, erfährt man. „Wenn i anderer Meinung bin, sag i’s au“, betont der Ditzinger Stadtrat und CDU-Stadtverbandsvorsitzende. Auf Flyer habe er zur Nominierung verzichtet: „I hab beim Gärtner Pflanzen kauft, die hen Sie von mir.“ „Wieviel Zeit hab i no?“, will Epple nach zwölf Minuten wissen. „Drei“, kommt die Antwort. „Die schenk ich Ihnen“, lacht der Kandidat und ruft in den Saal: „Tun Sie was dafür, dass au mol an Handwerker en Landtag kommt.“ Albrecht Fischer, 60, ebenfalls evangelisch, seit 39 Jahren verheiratet, Vater von drei Söhnen, ist hoch konzentriert. Der ehemalige Vaihinger Stadtrat, der seit 1994 auch dem Kreistag angehört, weiß, worum es geht. Er will das Landtagsmandat auch im kommenden Jahr einnehmen. Er hat es „verschmackt“, wie man so schön sagt. Nur eine Politik aus christlicher Verantwortung heraus könne der richtige Wegweiser für die Zukunft des Landes sein, unterstreicht er. Das sei für ihn gelebte Überzeugung. Die Politik müsse von Vernunft, von der Nähe zum Menschen, von Bodenständigkeit, von Ausgleich, Gerechtigkeit und Menschlichkeit geprägt sein. „Das sind die Gründe, warum ich in die CDU gegangen bin.“ Von Signalen, wie sie etwa aus Nordrhein-Westfalen kämen, dürfe man sich nicht verunsichern lassen, „dort basteln Rote und Grüne ganz offen an einer Allianz, die von extremistischen Linken, sagen wir es deutlich, von Kommunisten getragen wird“. Er habe im Landtag Fuß gefasst, habe Anerkennung von den Kollegen erfahren. Wichtige Politiker habe er in den letzen fünf Monaten in den Wahlkreis geholt, „denn Politik für das Land zu gestalten, das geht nicht nur von Stuttgart aus“. Es lohne sich, für die Menschen im Wahlkreis zu arbeiten. Als Weingärtner habe er einen gesunden Betrieb aufgebaut, in 32 Jahren 80 jungen Menschen einen Ausbildungsplatz gegeben. Er habe 1994 das zweite Windrad im Land aufgestellt, als andere von der erneuerbaren Energie nur geredet hätten. Fischer, der im Gegensatz zu Epple immer wieder von Beifall unterbrochen wird, sieht die Politik nicht als große Show. „Sie ist Arbeit mit Menschen, für Menschen, muss glaubwürdig, offen und ehrlich sein, ohne Tricks und Verschleierung, in einer Sprache, die die Menschen verstehen.“ Angerissen werden von ihm die Themen Bildung („Wir brauchen uns vor Rot-Grün nicht zu verstrecken“), Arbeit und Ausbildung sowie Verkehr („Wirtschaft funktioniert nur mit rollenden Rädern, nicht mit Staus“). Der Musikpädagoge Ulrich Raisch (50) findet mit seinen Ergüssen über seine umfangreiche Studien kaum noch Zuhörer. Kreisvorsitzender Wieland muss ihm fast mit körperlicher Gewalt vom Mikrofon entfernen, nachdem er die Zeit überzogen hat. Kurze Fragerunde. Fischer und Epple sprechen sich klar gegen Koalitionen mit den Grünen aus. Bei Epple werden konkrete politische Aussagen vermisst. Dann haben die Mitglieder das letzte Wort. Ergebnis siehe oben.

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