Nach dem Brand in Aurich: Eine Familie vor dem Nichts

Erstellt: 22. Januar 2011
Nach dem Brand in Aurich: Eine Familie vor dem Nichts Eindrücke nach dem Brand in Aurich. Fotos: Arning

Aurich (aa). „Wenn ich in der Nacht aufwache, sehe ich nur Flammen vor mir.“ Thorsten Kiessling ringt nach Worten. Am frühen Montagmorgen hat ein Brand das Haus seiner Familie in Aurich vollkommen zerstört. Das Gebäude muss abgerissen werden, die fünfköpfige Familie, die vorläufig bei Nachbarn untergekommen ist, steht vor dem Nichts. Zwischen der Schreinergasse und der Brotgasse ragt eine Ruine in den grauen Januarhimmel. Das war einmal das Gasthaus „Krone“. Der ehemalige Ortsvorsteher Albrecht Müller kann sich noch an die Vorbesitzer erinnern. „Bis 1988 hat Hilde Gayer das Wirtshaus betrieben. Danach war es bis 1999 an wechselnde Betreiber verpachtet.“ Vor zwei Jahren hat Thorsten Kiessling das leerstehende Haus gekauft und ist mit seiner Lebensgefährtin Yvonne Aisenpreis und deren drei Kindern hier eingezogen. Ein richtig schönes Heim für die fünfköpfige Familie sollte es werden. Kiessling hat jede freie Minute mit dem Ausbau des alten Gemäuers verbracht. Der gelernte Industriemechaniker, der bei Daimler als Qualitätssicherer arbeitet, hat sich in den letzten Jahren keinen Urlaub gegönnt, hatte nur das Haus im Kopf. Sogar die neuen Fenster hat er selbst eingebaut. Und jetzt liegt alles in Schutt und Asche. „Ich und die Kinder haben meiner Freundin das Leben zu verdanken“, sagt Kiessling, „wenn Yvonne nicht durch das Knistern der Flammen wach geworden wäre, ich weiß nicht, wie das ausgegangen wäre…“ Im Bühnenraum ist in der Nacht zum Montag das Feuer ausgebrochen. Die Ursache ist nach wie vor unklar. Ein halbes Dutzend Experten hat sich in den vergangenen Tagen in den verkohlten Gemäuern umgesehen. „Das wird eine schwierige Nummer“, sagt der Ludwigsburger Polizeisprecher Peter Widenhorn, „die Experten des Landeskriminalamtes haben sich die Reste des Hauses angesehen. Das Feuer hat so stark gewütet, dass es unter Umständen nicht nachvollziehbar sein wird, wie es entstanden ist.“ Von der Stadt Vaihingen war der Baukontrolleur vor Ort. In Abstimmung mit dem Ordnungsamt wurde eine Vollsperrung der Schreinergasse angeordnet. „Die Standsicherheit der Giebelwand kann bei starkem Wind nicht gewährleistet werden“, meint Monika Georges vom Bauverwaltungsamt. Der Hausbesitzer sei aufgefordert worden, sich mit einem Statiker um das Problem zu kümmern. Ordnungsamtsleiter Heinz Pechbrenner spricht von Gefahrenabwehr. „Was von unserem Haus übriggeblieben ist, muss sicher abgerissen werden“, sagt Thorsten Kiessling. Er sieht keine Chance, hier noch etwas zu retten. Eine kleine Besichtigung gefällig? Der Eingang ist von der Brotgasse her. Hier ist der Anbau erst vor wenigen Tagen fertig geworden. Die Fugen zwischen den rustikalen Platten an den Wänden sind noch kaum trocken. In einem Zwischengang steht ein Aquarium; die Fische liegen tot am Boden. Verwüstete Kinderzimmer. Alles war am Montagmorgen überflutet: „Das Löschwasser stand so hoch, dass es in die Toilette gelaufen ist.“ Eine Treppe höher. Hier befinden (befanden) sich das Elternschlafzimmer, Küche, Büro, Wohnzimmer, Bad. Schwarzes Chaos pur. Es macht so gut wie keinen Sinn, hier nach etwas Verwertbarem zu suchen. Der Brand ist im Bühnenraum hinter einer stählernen Brandschutztür ausgebrochen. Doch die Tür konnte die Flammen in dem weit über 100 Jahre alten Haus nicht stoppen. „Alles ist weg! Unsere Vergangenheit ist gelöscht.“ Thorsten Kiessling braucht es gar nicht groß zu betonen: Ausweise, Scheckkarten, Autoschlüssel, Versicherungsunterlagen, Fahrzeugpapiere, Handy, PC, persönliche Erinnerungen, etwas Bargeld. Das Paar und die drei Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren (Hendrik hat noch im Januar Geburtstag) müssen ganz neu anfangen. Im Schlafanzug mit einer Jeans drüber ist Thorsten Kiessling am Montag mit seiner Familie aus dem Haus gerannt. Es galt, das Leben zu retten. „Früher“, so meinen die Älteren, „wäre bei einem solchen schlimmen Feuer der halbe Flecken abgebrannt.“ Aurich hat noch einmal Glück gehabt, auch dank des professionellen Einsatzes der Feuerwehr. „Wir sind für die große Hilfe aus dem Ort und auch aus den umliegenden Gemeinden unendlich dankbar“, sagt der 42-Jährige. Er berichtet, dass da einfach mal ein Sack Kartoffeln vor der Türe steht, andere geben ein großes Stück Fleisch ab, ab und zu bekommt er einen Schein zugesteckt, Bürger bieten sich an, um die Wäsche zu waschen. Untergekommen sind die Obdachlosen ganz in der Nähe ihres Hauses in der Richthofenstraße 9 bei der Familie Holz. Dort können sie bis auf weiteres in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben. Hund „Leo“ ist bei einem Bekannten untergekommen. Wie läuft die Spendenaktion, die von Pfarrer Hans-Peter Müller betreut wird? „Gut“, freut sich Müller, „es herrscht eine große Solidarität. Wir haben bislang zahlreiche Angebote für die unterschiedlichsten Sachspenden von rund 40 Personen. Und auch auf dem Sonderkonto, das weiterhin bestehen bleibt, tut sich etwas.“ In der kommenden Woche wird der Pfarrer zusammen mit der Familie die Angebote für Möbel, Elektrogeräte, Kinderspielzeug oder Kleider sondieren. Die Spender erhalten eine Mitteilung. Wer noch Angebote hat: Sachspenden können unter der E-Mail-Adresse des Pfarramtes (pfarramt.aurich@elk-wue.de) gemeldet werden. Das Spendenkonto hat den Namen Nothilfe Aurich, Kontonummer 48 230 014 bei der Enztalbank, BLZ 600 698 58.

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