Macherin aus Riet

Erstellt: 11. November 2008
Macherin aus Riet Modellhafte Kindertagesstätte Polifant. Foto: Zeitenspiegel

Riet/Stuttgart (har) – Michaela Nowraty (40) aus Riet lässt der „Glaubenskrieg ums Kind“, so im Februar eine „Spiegel“-Titelgeschichte, kalt. Und auch Tanja Kuchenbeckers Pro-Krippen-Buch „Gluckenmafia gegen Karrierehühner“ hat die Kriminalhauptmeisterin im Stuttgarter Polizeipräsidium genauso wenig gelesen wie das Anti-Krippenwerk „Mütterkriege – werden unsere Kinder verstaatlicht?“ von Christine Brinck.
Dafür hat die dreifache Mutter aus dem Vaihinger Stadtteil Riet in ihrem beruflichen Umfeld schon 1999 gemeinnützig umgesetzt, was die neunfache Mutter Ursula von der Leyen in Berlin bis 2013 bundesweit realisieren will: neue Krippenplätze als „Meilensteine für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“.
Michaela Nowraty ist die Vorstandsvorsitzende von „Polifant e.V.“, einer Modelleinrichtung unter den bundesdeutschen Kindertagesstätten, die in Stuttgart 85 Kids von 5.30 bis 20.30 Uhr – zwischen Schnuller und Schulranzen – eine „Tagesfamilie“ bietet – und das nicht nur für die kleinen Schreihälse von Polizistinnen und Staatsanwältinnen, sondern auch von Journalistinnen und Bankerinnen, von Autoverkäuferinnen und Sozialarbeiterinnen. Gefördert wird „Polifant“ von der Feuerbacher Bernstein-Köllner-Stiftung – und teilfinanziert auch von der Stadt Stuttgart und ihren reichen Umlandkommunen, von denen aber mehrere mit Zuschüssen total geizen wie Ludwigsburg, Tamm, Benningen, Berglen und Calw.
„Das ist keine Kinderverwahranstalt“, lobt die Apothekerin Karin Wahl aus dem Kuratorium der Bernstein-Köllner-Stiftung die Modelleinrichtung „Polifant“, wo „Rabenmütter“ ihren Patchwork-Family-Nachwuchs „mit Einzelkinderproblematik ohne Sozialkontakte schräg aufwachsen“ lassen können, sondern im Gegenteil ein „Superprojekt“, das es berufstätigen Müttern erlaube, ihre Sprösslinge in einem ideologiefreien Umfeld „kosmopolitisch und weltoffen“ in einer „familienähnlichen“ Einrichtung auf gehobenem pädagogischen Level schulreif werden zu lassen, so der Stuttgarter Rechtsanwalt Philip C. Hansis, der Vorsitzende der Bernstein-Köllner-Stiftung.
Denn schon ab zweieinhalb Jahren lernen die kleinen Nachwuchsschwaben bei „Polifant“ spielerisch nicht Hochdeutsch, sondern Englisch als erste Fremdsprache: „Give me a Gummi-Bärle, please!“ Und schon im Vorschulalter werden Polifant-Kinder als „großartige Wissenserwerber, Erkenntnisverwalter, Forscher, Erfinder und Konstrukteure“, so das neue Pädagogen-Deutsch, wahrgenommen und gefördert: nach einem „Frühstück in familiärer Atmosphäre“ gilt es in „Bienen-, Schmetterling- und Marienkäfer-Gruppen“ bis zur „Abholphase“ zwischen 15.15 und 17.30 Uhr „zu erkennen, wo Kinder ihre Stärken haben, was sie besonders gut können und besonders gern tun, um auf dieser Grundlage pädagogische Angebote zu entwickeln.“ Dafür steht die pädagogische Gesamtleiterin der beiden „Polifant“-Kitas in der Stuttgarter Neckarstraße und der Feuerbacher Borsigstraße, Katrin Hoffmann, „staatlich anerkannte“ Erzieherin und „Fachwirtin für Kindertagesstätten“.
Katrin Hoffmann: „Die Kinder sind nicht in starre Gruppen eines bestimmten Alters eingeteilt. Vielmehr wollen wir, dass sie in verschiedenen Entwicklungs- und Altersstufen miteinander aufwachsen und voneinander lernen. Lernprozesse wie soziales Verhalten, Rücksichtnahme, Verantwortungsgefühl und Verständnis fürs Anderssein werden somit angeregt und verstärkt. Die Kinder können sich ihre Spielpartner nach Interesse und Fähigkeiten suchen. Das schließt jedoch natürlich nicht aus, dass es auch Angebote und Spielsituationen in homogenen Altersgruppen gibt.“
In Feuerbach hatte das kinderlos gebliebene Bernsteinhändler-Ehepaar Köllner in der Nachkriegszeit jenes Vermögen erwirtschaftet, das jetzt die Stiftung speist. So hatte schon in den Siebziger Jahren die Unternehmerin Thea Köllner in Feuerbach die Sorge umgetrieben, Frauen neben dem Kinderwunsch auch eine berufliche Perspektive zu bieten, und das ohne „Rabenmutter“ –Schuldgefühle. Denn Betreuungsmöglichkeiten für Kids im Vor-Kindergarten-Alter gab es damals noch nicht.
Sozial gestaffelt sind die Gebühren, die „Polifant“ von den Eltern verlangt. Die „Preisliste“ reicht von 60 Euro für 30 Stunden wöchentliche Betreuung bei einem Bruttogehalt der Eltern von bis zu 3000 Euro bis zu 560 Euro für einen Säugling, den Eltern mit einem Bruttoeinkommen von über 7000 Euro wöchentlich 50 Stunden bei „Polifant“ untergebracht haben. Kostendeckend sind solche Gebühren jedoch nur, sagt die„Polifant“-Kassenchefin und Erste Kriminalhauptkommissarin Siegrun Knöller, wenn neben der Bernstein-Köllner-Stiftung und den Kommunen künftig auch Land und Bund verstärkt ihre Kita-sozialpolitische Verantwortung finanziell umsetzten, sprich: mehr Fördergelder fließen lassen. So hofft man nun auch bei „Polifant“, dass von der Leyens „Kinderförderungsgesetz“, das bundesweit bis 2013 immerhin zwölf Milliarden Euro locker machen soll, auch vom Bundesrat abgesegnet wird. Betreuungsplätze wie „Polifant“ sie bietet, gibt es bisher nur für 15,5 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Deutschland. Und fast hundert Kinder, davon die Hälfte noch im Mutterleib, wartet heute schon im Großraum Stuttgart auf einen „Polifant“- Platz, so „Polifant“-Chefin Michaela Nowraty.
Michaela Nowraty, damals noch kinderlose Kriminalobermeisterin, war es 1997 gewesen, die ihren damaligen Polizeipräsidenten Volker Haas („Frauen bedeuten eine Qualitätssteigerung in der Arbeit, sie verbreitern das Konfliktlösungspotenzial“) beim Wort nahm und mit der „Polifant“-Gründung auch den sich abzeichnenden Mutter-Kind-Berufs-Konflikt bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft mit zunächst 20 Betreuungsplätzen zu lösen begann. Verzweifelt hatte damals auch der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus Pflieger feststellen müssen, dass Paragraphen und Täterverfolgung – unter seinen jüngeren Kolleginnen – offenkundig nicht einziger Lebensinhalt geblieben war: „Jetzt ist schon die 22.Staatsanwältin schwanger geworden.!“
So fiel der Blick des Chefanklägers ausgerechnet auf eine „Kuhgebäranstalt“ aus dem Jahre 1918, die als heruntergekommene Holzbaracke im Hof der Staatsanwaltschaft Stuttgart die Jahrzehnte überdauert hatte, und die nun ab 1999 für die ersten „Polifant“-Kinder jener Hort wurde, der es Pfliegers gebärfreudigen Mitanklägerinnen erlaubte, tagsüber aggressive Akten zu texten, statt Babys zu wickeln. Der Malertrupp des Polizeireviers Innenstadt hatte zuvor außerhalb der Schichtzeiten das neue Revier auch für die Kids von Polizeibeamtinnen restauriert; Polizeizeichner Kurt Kindermann, sonst auf das Zeichnen von grausigen Phantombildern abonniert, hatte die neue Kita mit farbigen Clowns und Zauberern dekoriert. Ganze 20000 Mark hatte das damals gekostet.
Doch das ist schon Geschichte. Michaela Nowraty, Monika Wudy, die zweite Vorsitzende, und Siegrun Knöller planen nun – wenn denn einmal die dringend gesuchte größere „Polifant“-Kita in Feuerbach oder Umgebung mit mindestens 300 Quadratmetern und einem großen Herumtoll-Garten gefunden wurde – eine weitere Expansion ihrer gemeinnützigen Einrichtung: eine „Polifant“-Privatschule als Ganztagseinrichtung, für die „Polifant“-Kinder, die ins Schulranzenalter gekommen sind.

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