Langes Warten auf die Haare

Erstellt: 21. April 2012
Langes Warten auf die Haare Talia beim Spielen. Foto: p

Enzweihingen (sr). „Wir sind eine glückliche Familie“, sagen Stefanie und Cengiz Tekinbas aus Enz-weihingen. Und doch haben sie eine Odyssee zu Ärzten und Heilern hinter sich. Ihre kleine Tochter leidet an kreisrundem Haarausfall.
Talia ist drei Jahre alt und fällt auf. Denn das Mädchen aus Enzweihingen ist ein lebensfroher Wirbelwind – und hat eine Glatze. „Wir werden schon oft angesprochen“, sagen die Eltern Stefanie und Cengiz Tekinbas. Die meisten Fremden, die Talia sehen, denken, sie habe Krebs. „Sie ist im Grunde gesund, es sind nur die Haare“, erklärt Stefanie Tekinbas. Kreisrunder Haarausfall lautet die Diagnose. Von Alopecia areata, so der Fachbegriff, sind laut Techniker Krankenkasse (TKK) rund 20 von 10 000 Einwohnern betroffen. Bei Kindern sei die Erkrankung häufiger, sie komme bei jedem zehnten Kind unter 16 Jahren vor.
Als Talia im Januar 2009 geboren wird, „hat sie einen richtigen Haarflaum gehabt“, erzählt ihre Mutter. Genau wie bei der zwei Jahre älteren Schwester Alara wachsen einige Monate später zunächst die Haare im Irokesenstil. „Aber im Unterschied zu Alara war am Hinterkopf nichts“, so Stefanie Tekinbas. Zurückblickend fällt ihr auf, dass schon im Krankenhaus nach der Entbindung „viele Haare an Talias Mützchen hingen“. Auf einem Bild vom November 2009 lacht Talia mit einem hellbraunen Haarschopf in die Kamera. „Circa eine Woche später waren die Kopfhaare schon komplett weg“, erinnert sich die Enzweihingerin. Die kleine Talia steht von nun an unter besonderer Beobachtung und Stefanie Tekinbas stellt fest, dass auch die Augenbrauen und Wimpern äußerst licht behaart sind. Bei einer Vorsorgeuntersuchung spricht sie den Kinderarzt darauf an, der eine Hautklinik mit Kinderabteilung in Heilbronn empfiehlt.
Im Februar 2010 wird die Familie in der Heilbronner Klinik vorstellig. „Uns ist sofort gesagt worden, dass es kreisrunder Haarausfall ist.“ Bei einem so kleinen Kind sei die Erkrankung allerdings völlig ungewöhnlich. Die Leute in der Klinik seien sehr nett gewesen, sogar der Chef wird geholt. Er habe das selbst erlebt, als er mit seiner Doktorarbeit im Stress war, erzählt dieser. Großer Stress wird als eine Ursache des Haarverlusts diskutiert. An eine Begebenheit, die das bei ihrer kleinen Tochter ausgelöst haben könnte, können sich die Tekinbas nicht erinnern.
„Die Ursache des kreisrunden Haarausfalls ist nicht genau geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Entzündung im Bereich der Haarwurzeln, die den störungsfreien Ablauf der Haarbildung verhindert, so dass das Haar ausfällt“, schreiben Ärzte auf der Internetseite der TKK.
Der Mediziner in Heilbronn malt dem Paar eine Haarwurzel auf. „Und von überall drückt das Immunsystem gegen die Haarwurzel“, zitiert Cengiz Tekinbas sinngemäß die Worte des Arztes. Eine Autoimmunerkrankung sei die Ursache für das Wegbleiben der Haare. Dem Vorschlag, künstlich eine Entzündung auf der Kopfhaut der Kleinen zu erzeugen, um die Immunzellen mit einem echten Problem zu beschäftigen, wollen die Eltern nicht folgen. Auch der Möglichkeit, eine Allergie auszulösen, geben sie keine Chance. Das soll Talia selbst entscheiden, wenn sie groß genug ist.
Etwas unternehmen wollen sie trotzdem. Wieder Zuhause erhalten Tekinbas einen Tipp von einer Freundin. Ein Bioenergetiker in der Nähe von Ansbach wird ihnen empfohlen. Cengiz Tekinbas: „Wir haben viel Geld und viel Zeit investiert.“ Und seine Frau Stefanie ergänzt: „Wir haben leider die Erfahrung gemacht, dass hier jemand auf dem Rücken eines Kindes viel Geld verdient hat.“ Doch zunächst stellt sich bei der Kleinen durch die Behandlung des Mannes eine leichte Besserung ein. Ein paar Härchen sprießen und die Eltern sind begeistert. Schließlich kommen sie dem Scharlatan aber auf die Schliche. Im November 2010 ist der letzte Kurs, den Tekinbas bei Ansbach belegen. Bei Talia fallen die Haare fast komplett wieder aus, an den Wimpern und Augenbrauen bleiben einige Härchen erhalten.
Talia komme im Grunde gut klar, sie sei ein wahnsinnig aufgeschlossenes und fröhliches Kind, sagt ihr Mutter. Und der Vater ergänzt: „Der Opa sagt Lachmaschine zu ihr.“ Doch wenn sie dann ihre Eltern fragt, wann sie sich eine Haarspange ins Haar machen kann oder eine rote Strähne wie ihre große Schwester bekommt, dann müssen die Eltern schon schlucken.
Eine andere Freundin legt den Enzweihingern den Besuch bei einem Heiler in einem kleinen Ort in der Nähe von Bad Kissingen ans Herz. Der Heiler empfiehlt Darmaufbau mit einem Antioxidansgetränk sowie den Besuch bei einer Ärztin in Würzburg. Auch diese Behandlung geht letztendlich ins Geld. Neun Monate lang bekommt die kleine Patientin den Saft, Vitamine und homöopathische Globuli. Im Frühjahr 2011 lassen Tekinbas die Therapie auslaufen. Die Ausgaben stehen in keiner Relation zum Erfolg, der gleich Null ist, stellen sie enttäuscht fest.
Eine befreundete Physiotherapeutin versucht dem Mädchen mit Elektrotherapie zu einer Haarpracht zu verhelfen. Das soll „den Haarwurzeln einen Schubs zu geben“, wie es die Mutter ausdrückt. „Das kribbelt und kitzelt, aber Talia war es unangenehm“, sagt Stefanie Tekinbas. Im Sommer 2011 bekommt die Familie auf einem Kindergeburtstag einen Hinweis auf Osteopathie, und auch nach diesem Strohhalm wird gegriffen. Im Herbst 2011 wird durch Drücken von Körperpunkten versucht, Verspannungen im kleinen Körper zu lösen. Doch auch hier bleibt ein sichtbarer Erfolg aus.
Mit gesunder Ernährung, Darmaufbau, Vitamin C und Schüsslersalzen wollen die Eltern seitdem weiterhin den Haarwuchs beim Töchterchen unterstützen. Eine Blutuntersuchung beim Kinderarzt und psychologische Kinesiologie hat Mutter Stefanie für die Zukunft geplant.
Die Prognose? Laut TKK ist bei kreisrundem Haarausfall die Spontanheilunsrate mit 50 Prozent sehr hoch. Allerdings sei es auch möglich, dass sich der Haarausfall weiter ausbreite, bis schließlich alle Kopfhaare und sogar alle Körperhaare fehlen.
Im Kindergarten werde Talia schon gehänselt. „Was machst du dann?“, fragt ihre Mutter, wenn sie Wind davon bekommt. „Ich sag’ ‚hör’ auf, lass mich‘“, antwortert ihr der selbstbewusste Dreikäsehoch dann. Doch Stefanie Tekinbas muss mit den Tränen kämpfen, wenn sie daran denkt, wie es ihrer Tochter in ein paar Jahren gehen mag. „Wir sagen halt, jede Krankheit hat eine Ursache und wir suchen danach“, sagt sie kämperisch.
Sie und ihr Mann geben noch lange nicht auf und hoffen auf die Hilfe der VKZ-Leser. Wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht? Wer hat Tipps, die natürlich ohne Nebenwirkungen sein sollen. „Wir sind für jegliche Hilfe dankbar und hoffen auf gutgemeinte Ratschläge“, sagt das Paar.
Kontakt zu Stefanie und Cengiz Tekinbas: Telefon 0 70 42 / 770 08 88 und unter E-Mail talia.tekinbas@yahoo.de.

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