Kiefern rupfen für den Heide-Schutz

Erstellt: 22. Oktober 2013
Kiefern rupfen für den Heide-Schutz Zum Erhalt der Heide am Heulerberg werden junge Kiefern aus dem Boden gerupft – auch Ortsvorsteherin Haid (2.v.l.) packt an, links daneben: Bettina Marx. Foto: Rieger

Riet (clar). Es ist ein besonderer Naturschatz am Rande des Vaihinger Stadtteils Riet: Das Naturschutzgebiet Heulerberg ist eines der wenigen verbliebenen großen Heideareale im Landkreis Ludwigsburg. Im Zuge des Landes-Aktionsplans Biologische Vielfalt packten gestern viele kleine und große Helfer bei einem Pflegeeinsatz an und rückten Mini-Kiefern zu Leibe.
Der Laie mag es kaum glauben, aber auch ein Naturschutzgebiet wie der Heulerberg in Riet braucht Pflege. Die Heidelandschaft ist Lebensraum zahlreicher, teils gefährdeter Tier- und Pflanzenarten: So wachsen hier beispielsweise Deutscher und Fransenenzian, Küchenschelle und Kartäusernelke; diverse Schmetterlings- und Heuschreckenarten finden Nahrung und Rückzugsorte. Zum Problem können allerdings die Kiefern werden: Würden sie sich zu stark ausbreiten, ließen sie den lichtliebenden Heidepflanzen kaum noch eine Chance. Deshalb müssen die weit verteilt nachwachsenden Mini-Bäumchen entfernt werden. „Derzeit ist der Kiefernwuchs sehr stark; wir brauchten Hilfe“, sagt Bettina Marx vom Referat Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Stuttgart (RP). Das RP hatte deshalb eine Pflegeaktion im Heulerberg initiiert, bei der gestern 26 Mädchen und Jungen der Grundschule Riet, Lehrer, Eltern und Riets Ortsvorsteherin Rowitha Haid gemeinsam mit Beschäftigten der Theo-Lorch-Werkstätten aus Bietigheim anpackten.
Hunderte kleine Kiefernbäumchen rupften die Helfer aus dem Boden. „Maschinell lassen sie sich nicht entfernen und auch die Schafe, die hier regelmäßig weiden, fressen die nicht“, so Marx. Der Nachwuchs hatte sichtlich Spaß an der Aufgabe und einen scharfen Blick: Wo die Erwachsenen Jungpflanzen übersehen hatten, griffen die Schulkinder noch mal zu. Die Belohung, frische Laugenbrezeln, waren Vaihingens Bürgermeister Klaus Reitze und Pressesprecherin Martina Fischer denn auch schnell los.
Der gestrige Einsatz gehört zum sogenannten 111-Arten-Korb, der wiederum ein Baustein des Aktionsplans Biologische Vielfalt der Landesregierung Baden-Württemberg ist. „Ziel des Aktionsplans ist es, den Artenschwund zu minimieren – auch, indem Lebensräume von Tier- und Pflanzenarten gepflegt und damit erhalten werden“, berichtet Marx. Für solche Pflegeprojekte würden auch Paten gesucht, die sie – finanziell oder mit Schaffenskraft – unterstützten.
Im Naturschutzgebiet Heulerberg, dessen Eigentümer die Stadt Vaihingen ist, funktioniert die Pflege seit Jahren über verschiedene Aktivitäten: Stadt und Landkreis Ludwigsburg haben mit Zuschuss des Landes einen Landwirt und einen Schäfer samt Schafherde mit Pflegemaßnahmen beauftragt. Seit rund sieben Jahren packen auch Birgit Körber, Rektorin der Rieter Grundschule, ihre Kollegen und die Schulkinder an. Außerdem halfen junge Teilnehmer von Internationalen Jugendworkcamps, die die Untere Naturschutzbehörde beim Landkreis organisiert.
Als Unterstützung der gestrigen großen Aktion hatte das RP nun auch die gemeinnützigen Theo-Lorch-Werkstätten engagiert, die für Menschen mit Behinderungen Arbeits- und Betreuungsplätze bieten. Sieben Beschäftigte der Gartengruppe vom Bietigheimer Standort der Werkstätten halfen beim Herausziehen der Jungbäume – besonders bei den widerspenstigen Exemplaren – und transportierten das Grün anschließend zum Häckselplatz. „Wir wollen für unsere Beschäftigten möglichst viele Verknüpfungen in die Gesellschaft schaffen. Dabei helfen natürlich solche Projekte“, so Gruppenleiter Christian Jansen. Und Naturschutzexpertin Marx wollte nicht ausschließen, dass der gemeinschaftliche Pflegeeinsatz, wie er gestern erstmals stattfand, fortgesetzt werden könnte.
Denn der Aktionsplan Biologische Vielfalt und der Baustein 111-Arten-Korb – er beinhaltet 111 Tier- und Pflanzenarten, für die Baden-Württemberg besondere Verantwortung trägt – sollen auch in den Köpfen etwas verändern: „Wir wollen ein Bewusstsein schaffen für die Vielfalt und deren Erhalt“, sagt Bettina Marx.
Immerhin ist das rund 5,6 Hektar große Heidegebiet am Heulerberg inzwischen eine Besonderheit im Landkreis Ludwigsburg. Bis auf das Leudelsbachtal bei Markgröningen und die Gerlinger Heide, die allerdings sehr urban sei, gebe es hier keine größeren Heideflächen mehr. „Das war früher anders“, so Marx. Am Heulerberg sorge Oberer Muschelkalk für extrem magere Böden, die für Ackerbau nicht geeignet seien. Deshalb war das Gebiet bis in die 1930er Jahre als Schafweide genutzt worden. „Die heutige Heidevegetation geht darauf zurück“, berichtet die Fachfrau. Von den 20er bis in die 40er Jahre wurde in einem Steinbruch auch Muschelkalk abgebaut, danach sei die Fläche in einen Dornröschenschlaf gefallen. „In den 80ern wurde es brisant, als es konkrete Pläne für eine Siedlung mit Wochenendhäusern gab.“ Daraufhin hätten sich die Stadt Vaihingen und die Landesverwaltung Naturschutz zusammengetan, um das natürliche Areal „vor anderen Ideen“ zu bewahren. Die Stadtverwaltung kaufte es; 1982 erfolgte die Ausweisung als Naturschutzgebiet.
Das darf im Übrigen auch besucht werden, allerdings gelten einige Regeln: Pflanzen und Tiere sollten in Ruhe gelassen, die Wege nicht verlassen werden. Feuer und Lager sind verboten und Hunde müssen an die Leine.

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