Interview mit Bundesanwalt a.D. Jost

Erstellt: 13. Mai 2009
Interview mit Bundesanwalt a.D. Jost Bruno Jost. Foto: Arning

Vaihingen (aa/p). Die offizielle Pressemitteilung aus Karlsruhe liest sich nüchtern: „Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof Jost wird ab Mai 2009 in den vorläufigen Ruhestand nach dem Altersteilzeitmodell eintreten.“ Dann wird aufgezählt, was Bruno Jost in seiner Karriere als Staatsanwalt alles angepackt hat.
Wer ist Bruno Jost? Politisch Interessierte erinnern sich an seine Rolle im sogenannten Mykonos-Prozess (hier ging es um die Ermordung iranischer Oppositioneller) und an die Leuna-Affäre (Bezeichnung für angebliche Schmiergeldzahlungen an deutsche Politiker im Zuge der Privatisierung der Leunawerke und des Mineralölkonzerns Minol 1990/91). Dabei war Jost, der in einem Vaihinger Stadtteil wohnt, der Ankläger.
Der 60-Jährige, verheiratet, drei Kinder, begann seine berufliche Laufbahn im Jahr 1975 bei den Staatsanwaltschaft Flensburg. Nach seinem Wechsel in den Justizdienst des Landes Baden-Württemberg im Jahr 1978 war er als Staatsanwalt in Stuttgart tätig. Von dort wurde er im Mai 1983 zur Bundesanwaltschaft abgeordnet. Im August 1983 erfolgte seine Ernennung zum Staatsanwalt als Gruppenleiter. Im August 1986 wurde er für drei Jahre an das Justizministerium Baden-Württemberg abgeordnet. Nach seiner Ernennung zum Oberstaatsanwalt im September 1989 war er bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn tätig (zuständig für Rauschgift- und Jugendstrafsachen), bevor er sich von August 1991 bis Februar 1992 bei der Staatsanwaltschaft Leipzig unter anderem als kommissarischer Behördenleiter um den Aufbau der Justiz in den neuen Bundesländern verdient machte. Nach einer weiteren Abordnung zur Bundesanwaltschaft wurde er im Mai 1992 zum Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof ernannt.
Bis 1997 war er in der Abteilung für Strafsachen gegen die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zuständig. Unter anderem führte er die Ermittlungen in dem die Ermordung iranischer Oppositioneller im Berliner Lokal „Mykonos“ betreffenden Verfahren und erwirkte nach einer fast 250 Verhandlungstage dauernden Hauptverhandlung die Verurteilung der Haupttäter zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Im März 1997 wechselte er in die Abteilung für äußere Sicherheit, wo er im April 2000 Referatsleiter und im Dezember 2000 zum Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof ernannt wurde. Er leitete die Ermittlungen in zahlreichen Verfahren aus den Bereichen Spionage und Proliferation und zeichnete für eine große Zahl von Anklagen verantwortlich. Von April 2001 bis Januar 2002 war er zusätzlich für grundsätzliche Fragen der justiziellen Zusammenarbeit in der europäischen Union zuständig. Von Oktober 2003 bis Juni 2007 war er Geheimschutzbeauftragter der Bundesanwaltschaft.
Ab Dezember 2003 nahm er außerdem die Funktion des stellvertretenden Abteilungsleiters für den Bereich Spionage, Landesverrat und Völkerstrafgesetzbuch wahr. Das Fazit aus der Pressestelle der Generalbundesanwältin Monika Harms beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe: „Der Bundesanwalt Jost hat wesentlich zum Erhalt der äußeren und inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland beigetragen.“ Die Vaihinger Kreiszeitung wollte mehr wissen über den Mann, dessen Adresse natürlich nicht im Telefonbuch steht. Siehe Interview.

 

 

Einen Anschlag immer für möglich gehalten

Vaihingen (aa). „Guten Morgen!“ Der Mann, der zuletzt Geheimschutzbeauftragter der Bundesanwaltschaft war, stellvertretender Abteilungsleiter für den Bereich Spionage, Landesverrat und Völkerstrafgesetzbuch, heißt den Gast mit einem Baby auf dem Arm willkommen. Bruno Jost hat die Rollen gewechselt. Er ist jetzt vor allem Ehemann, Vater und Großvater. Ein Gespräch mit dem Bundesanwalt d. D., der im Vaihinger Stadtgebiet wohnt.

Herr Jost, Sie haben Ihre berufliche Laufbahn in Flensburg gestartet…
 …aber ich bin keineswegs ein Nordlicht. Ich bin in der Eifel geboren, in der Pfalz aufgewachsen und habe in Saarbrücken studiert. Ich wollte unbedingt Staatsanwalt werden und habe mich 1975 nach den beiden Examen in Flensburg beworben. Das klappte dann auch sehr schnell. Meine Frau und ich mussten innerhalb einer Woche umziehen.

Es war nur eine kurz Episode…
Ja, Norddeutschland war nicht unsere Welt. Ich bin 1978 nach Baden-Württemberg gekommen. Das war damals zwar auch nicht gerade einfach, aber nicht so kompliziert wie heute. Man muss inzwischen einen Tauschpartner haben.

Sie wurden bald zur Bundesanwaltschaft abgeordnet. Was versteht man darunter?
Ich war  zunächst ein sogenannter 20-Prozenter, der mit 20 Prozent seiner Arbeitskraft sozusagen an die  Bundesanwaltschaft ausgeliehen war. In gewisser Weise war das eine Auszeichnung. Damals saß ich bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Zimmer an Zimmer mit Klaus Pflieger, dem heutigen Stuttgarter Generalstaatsanwalt, der als 20-Prozenter mein Vorgänger war. Und wir haben übrigens in Sersheim Reihenhaus an Reihenhaus gewohnt.

1983 wurden Sie mit 34 Jahren zur Bundesanwaltschaft abgeordnet.
Ich wurde dort wissenschaftlicher Mitarbeiter, das heißt, ich war für mehr als drei Jahre vollständig in Karlsruhe tätig, damals in der Terrorismusabteilung und in Revisionsstrafsachen. Danach war ich knapp drei Jahre als Abteilungsleiter für Jugend-und Rauschgiftstrafsachen bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn tätig.

Sie haben nach der Wende auch in Leipzig gearbeitet. Hat Sie das besonders gereizt?
Eine solche historische Chance kommt nie mehr, habe ich mir damals gesagt. Es war eine sehr, sehr interessante Zeit. Eingebunden war ich vor allem in das Waldheim-Verfahren. In der Kleinstadt Waldheim bei Chemnitz befand sich ein Gefängnis, in dem die DDR-Behörden Anfang der 50er Jahre rund 3600 ihnen von der sowjetischen Militäradministration übergebene angebliche oder tatsächliche „NS-Täter““ verwahrten. Die Inhaftierten wurden von Sondergerichten in Schnellgerichtsverfahren abgeurteilt, wobei die SED Prozessabläufe und Strafmaß zuvor festgelegt hatte. Über 30 von ihnen wurden zum Tod verurteilt und hingerichtet. Gemeinsam mit einem anderen aus Baden-Württemberg nach Leipzig abgeordneten Kollegen haben wir das DDR-Justizunrecht aufgearbeitet.

Ihr Name ist vor allem im Zusammenhang mit dem Mykonos-Verfahren ein Begriff. Das „historische Urteil“, das Irans Führung weltweit als Terroristen brandmarkt, versetzte deutsche Sicherheitsexperten in Alarmstimmung. Sie standen unter ständiger Bewachung.
In der Tat. Meine Familie und ich wurden rund um die Uhr bewacht. Wir wohnten damals in Gündelbach. Vor dem Haus stand ein Container, in dem sich die Polizisten ablösten. Dreieinhalb Jahre dauerte der Prozess. Mittwochs bis freitags war ich jede Woche in Berlin. Hunderte von Aktenordnern mussten gelesen werden, Parallelfälle in Wien, in Paris oder in der Schweiz galt es zu berücksichtigen.

Hatten Sie Angst vor Anschlägen gegen Ihre Person?
Ich habe einen Anschlag  für denkbar gehalten. Immerhin gab oder gibt  es im Iran angeblich ein Todesurteil gegen meinen Kollegen und mich.

Wie hat das Ihre Familie ertragen?
Meine Frau hat alles sehr gelassen genommen. Und für die Kinder war es wohl eher „interessant“.

Kann der Mykonos-Prozess als völlig normaler Strafprozess eingestuft werden?
Ja. Die Angeklagten wurden wie andere Beschuldigte auch behandelt. Es ging uns insgesamt allerdings darum, den politischen Hintergrund des Anschlags aufzuklären und deutlich zu machen.

Das zweite große Verfahren, das mit Ihrem Namen verbunden ist, ist das Leunaverfahren.
Auch das war eine höchst spannende Angelegenheit. Wir haben unter großem Zeitdruck gearbeitet und konnten die Sache in einem halben Jahr abschließen.

Warum ermittelt Bruno Jost jetzt mit 60 Jahren nicht mehr?
Es hat einfach gereicht. Als mir ein Angehöriger des Bundesrechnungshofs, den ich auf einer Zugfahrt zufällig kennengelernt hatte, von der möglichen Abschaffung der Altersteilzeit erzählt hat, habe ich vor fünf Jahren gleich einen Antrag gestellt. Ich will jetzt noch etwas vom Leben haben. Im Alter zählt jedes Jahr für fünf.

Werden Sie ein Buch schreiben?
Überlegt hab ich das schon mal, aber dann auch wieder verworfen.

Was macht ein Bundesanwalt im Ruhestand?
Ich bin für die Familie da, wir haben drei Kinder und bald auch einen dritten Enkel. Ich lese sehr gerne, vor allem Abhandlungen zur preußischen Geschichte und naturwissenschaftliche Werke. Ich wandere sehr gerne. Und der Garten ist mein Hobby. Mit einem Freund habe ich außerdem ein Obstbaumgrundstück gepachtet, das in Schuss gehalten werden muss. Und wenn ich Zeit hätte, würde ich mich gern der Imkerei widmen. Den Urlaub in Südfrankreich kann man jetzt noch mehr genießen als früher. Und in unserem Wohnort fühlen wir uns sehr wohl und nehmen an vielen Veranstaltungen teil. Bis vor 4 Jahren haben wir vorübergehend im Badischen gewohnt, uns dort aber nicht wohl gefühlt. Hier in Vaihingen stimmt alles.

Lesen Sie gerne Krimis oder sehen sich Spionagegeschichten an?
Damit habe ich nicht viel am Hut. Die Fernsehfilme gehen meiner Meinung nach eist völlig an der Wirklichkeit vorbei.

Wie stufen Sie aus Ihrer langjährigen Erfahrung heraus die aktuelle Sicherheitslage in Deutschland ein?
Ich bin kein Terrorismusexperte. Ich glaube aber, dass, wenn ein gravierender Anschlag zu erwarten ist, dann weder von links- noch von rechtsextremistischer Seite, sondern am ehesten aus Kreisen fanatisierter Islamisten, wie sie zurzeit in Düsseldorf vor Gericht stehen.

 

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