Eberdinger Sommertheater

Erstellt: 18. Juli 2011
Eberdinger Sommertheater Beifall für das ambitionierte Ensemble. Foto: Nauwerck

Eberdingen (pcn).  Mit seinem „Sommernachtstraum“ hat Shakespeare um 1595 ein Werk geschaffen, das sich beim Publikum über Jahrhunderte hinweg ungebrochener Beliebtheit erfreut. Es scheint, als hätte der Meister seinerzeit beim Griff zur Feder eine Rezeptur gefunden, die die menschliche Seele universell anspricht: Mit einem Mix aus märchenhaften Elementen und Emotionen, die so alt sind wie die Menschheit, hat er zielsicher die Ingredienzen gewählt für das, was man im Zeitalter von „Harry Potter“ und Co. neudeutsch als „Blockbuster“ („Straßenfeger“ oder Kassenschlager) bezeichnet.
Ganz großes Kino, pardon: Schauspiel, bot sich den Zuschauern am Wochenende beim 5. Eberdinger Sommertheater. Regisseurin Biggi Kunert hatte eine – wörtlich wie im übertragenen Sinne – traumhafte Inszenierung auf die Bühne gebracht, bei der es ihr gelungen war, in der leicht modernisierten Version den Charme des Originals zu transportieren. Während Amors Pfeil auf seinen Abwegen muntere Kapriolen schlug, paarten sich im Spiel der ambitionierten Akteure funkensprühender Humor und Poesie mit aktuellen Bezügen und einem sozialkritischen Unterton. Dabei hatte Kunert in ihrer Fassung des Sommernachtstraums reichlich „Spiel-Raum“ für die mit farbenprächtigen Kostümen und Masken ausgestatteten Darsteller geschaffen. Gleiches galt für die Interpretation des Stücks: Der Phantasie waren hier keinerlei Grenzen gesetzt; vielmehr ließen ihr das Ensemble und nicht zuletzt auch die zauberhafte Kulisse (Elfen-)Flügel wachsen.
Ideenreich brachte die Regisseurin die Widersprüchlichkeit der Liebe bildhaft zum Ausdruck: Während sie ihre anspruchsvollen Texte in altertümlicher Sprache und Versform rezitierten, trugen die jugendlichen Liebhaber Lysander (Jens Wernstedt) und Demetrius (Andreas Beck) Jeans und Turnschuhe. Die Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne, aber auch der Feen- und Menschenwelt wurde ebenso in der Bekleidung ihrer Partnerinnen (Stefanie Bandilla als Helena und Stefanie Braden in der Rolle der Hermia) – einer Kombination aus langem Gewand und Jeansmieder – offenbar. Vor märchenhafter Waldkulisse erschien doch so manche vergebliche Liebesmüh‘ aus dem wahren Leben gegriffen: „Je mehr ich liebe, desto mehr hasst er mich“ klagte das naive Blondchen Helena, das Demetrius wie ein unterwürfiges Hündchen hinterher läuft. Dabei blieb es eine Frage der Perspektive, ob Demetrius ein „hartherziger Magnet“ oder die Verschmähte eine Stalkerin war.
Dem Kobold Puck, in seinem Bekanntheitsgrad längst zum Synonym für den „Sommernachtstraum“ avanciert, verlieh die Regisseurin höchstselbst Gestalt als androgyner Feuergeist. Dieser weckte sowohl in seinem äußerlichen Erscheinungsbild als auch seinem Habitus – Kind und Erwachsener, Schüler und Meister in einer Person – Assoziationen an Peter Pan. Zwei Reiche der Natur, Flora und Fauna, symbolisierten indessen die streitbaren Protagonisten Oberon (optisch wie schauspielerisch ein echtes Wunder der Natur, gab er den Adonis mit Schalk im Nacken: Patrick Weiß) und Titania (Erzkomödiantin Sina Holzmann trat hier als eine gelungene Mischung aus Cats und Papagena in Erscheinung), die sich nach allerlei Irrungen und Wirrungen liebevoll in die Arme sanken und damit die Balance wiederherstellten.
Diese Harmonie war zuvor freilich ins Wanken geraten durch einen „Geist von geschäftstüchtigem Stand mit Potenzial zum Ausbeuten des Landes“, der aus Profitgier Raubbau mit der Natur betreibt und dabei zum Zwecke der Gewinnoptimierung Titanias Elfen (zuckersüß als Schmetterling, Erdmännchen und Katze: Vanessa Fütterling, Josefine Nachfolger und Elke Melber) versklavt. Verzaubert durch des Kobolds Kraut verliebte sich Titania in diesen „Esel“ (im Maßanzug statt mit Pappmache-Tiermaske), der die eigene Lebensgrundlage zerstörte. Als Fuchs/Zettel und geldgeiler Manager in Personalunion lief das schauspielerische Multitalent Steffen Scheunpflug zu Höchstform auf: Mühelos wie ein Chamäleon switchte er zwischen den einzelnen Charakteren hin und her. Titanias Herz war unterdessen an diesem Abend längst nicht als einziges „in fremden Landen zu Gast“. Und so durften sich die Zuschauer beim Show-down an einem herrlich temperamentvoll gespielten Zickenkrieg zwischen Helena und Hermia erfreuen. Nicht minder feurig ließen die Tänzerinnen der Phoenix-Dance-Company zu irischer Musik die Beine fliegen, dass Michael Flatley, der diese Stilrichtung unter dem Namen Riverdance populär gemacht hat, gewiss den Hut gezogen hätte.
„Bringt her den leichten Geist der Lust“ – Von diesem wurde das wunderbare Mondscheinspiel im Hof des Eberdinger Rathauses zweifelsohne in jeglicher Hinsicht getragen.

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