Der Stelzenmann

Erstellt: 17. September 2011
Der Stelzenmann Siegfried Schreiber als Demonstrant auf den Stelzen. Foto: p

Siegfried Schreiber aus Ensingen, der gestern seinen 71. Geburtstag feiern konnte, sieht sich als Rentner, Christ, Künstler und Unternehmer. Man kann ihn auch – wenn man unbedingt will – als Berufsdemonstrant bezeichnen. Darüber ist er nicht böse. Denn Siegfried Schreiber steht über den Dingen.
Im Pulk der Menschen hat er den Überblick, schreitet durch die Massen, lacht und beruhigt die Gemüter – und das, obwohl auch er seine Wut manchmal laut rausbrüllen will. Schreiber ist einer von zwei Stelzenmännern bei den Demonstrationen gegen das umstrittene Großprojekt Stuttgart 21.
Von Fernsehkameras und Fotoapparaten werden Schreiber und die Nummer eins auf Stelzen, Matthias Back, immer wieder eingefangen. Die Stelzenmänner sind aber nicht nur die alles überragenden Gestalten bei den wöchentlichen Demos, sondern sie sind auch dazu da, die Massen zu beruhigen. „Wir sind quasi ein Deeskalationsteam“, formuliert es Schreiber.
Schreiber ist seit drei Monaten bei Protesten gegen Stuttgart 21 und für den Kopfbahnhof auf den Profi-Stelzen unterwegs. Ein Federsystem ermöglicht es dem Ensinger, mehr als fünf Stunden auf den Ersatzbeinen auszuharren. „Da kann man sich ein stückweit richtig reinlehnen“, erzählt Schreiber, der sich die klassischen Stelzen früher selbst hergestellt hat.
Auf den Stelzen kann Schreiber auch seinen Hang, sich zu exponieren, ausleben. „Ich wollte nie ein Häuptling sein, sondern immer ein Indianer. Aber ich habe eine Bereitschaft, mich innerhalb des Indianerseins hervorzuheben“, sagt Schreiber, der wegen seiner DKP-Mitgliedschaft vor 22 Jahren aus dem Schuldienst flog.
Siegfried Schreiber und seine Frau Gudrun sind seit Anfang an bei den Protesten in der Landeshauptstadt dabei. „Ich wusste zwar seit Jahren, dass Stuttgart 21 ein idiotisches Projekt ist.“ Aber erst seit November 2009, als es jede Woche die Montagsdemos gibt, ist „mehr entstanden“. Schreiber engagiert sich aktiv in der Protestbewegung, sieht heute die Montagsdemonstrationen als „wichtige Klammer“ für die verschiedenen Gruppierungen.
Bei den Kundgebungen gebe es einem das Gefühl, dass man mit seiner Meinung nicht alleine sei. Mit seinen 71 Jahren hat der Ensinger auch das Selbstbewusstsein, gegen den Mainstream zu sein, gegen das Fachidiotentum, wie er es formuliert. „Mein Horizont ist weiter als mancher Tunnelblick von Experten. Und mein Blick ist deswegen nicht weniger qualifiziert.“
Am Mittwochabend war Schreiber bei der Volksversammlung mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster wieder auf dem Marktplatz. Da ist es auch für den Aktivisten Schreiber „wahnsinnig frustrierend“, wenn man „zwei Stunden lang verarscht wird“. Da ist auf einer Seite die Wut gegen die Ignoranz der Mächtigen, auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass es Erfolge gibt. „Wir als Gegner beherrschen doch die Mikrofone, wir stellen die kritischen Fragen.“ Und es sei weiter positiv, „dass wir immer so viele sind“.
Im August war Schreiber für einige Tage in New York, stellte bei der International Gift Fair seine sinnlichen Holzobjekte aus. Per E-Mail ließ er sich immer über die Vorgänge rund um S 21 informieren. „Stuttgart 21 bindet mindestens die Hälfte meiner Arbeitskraft“, sagt Schreiber. Das Ehepaar hat auch schon einige Tausender für den Protest gespendet.
Und die Arbeit des Stelzenmanns geht weiter. Zu sehr ist die Überzeugung gereift, dass Stuttgart 21 ein „undemokratisches Projekt“ ist, wirtschaftlich und ökologisch völlig unsinnig. Die Volksabstimmung am 27. November sei die Wahl zwischen Pest und Cholera. „Nach menschlichem Ermessen ist das Quorum nicht zu schaffen. Wir haben keine Chance, aber wir nehmen sie wahr“, beschreibt Schreiber die Gefühlslage der Gegner. Und für seine Person ist die Entscheidung klar: „Ich werde weiter aktiv dagegen sein.“
Schreiber gehörte auch zu den 55 Besetzern, die den Nordflügel des Bahnhofs gestürmt haben. „Ich war dabei der absolute Senior.“ Auf Schreiber wartet deshalb noch ein Gerichtstermin wegen Hausfriedensbruch. Auch blühen Geldstrafen wegen Nötigung. Fünfmal hat sich der Ensinger bei Blockaden schon von der Polizei wegtragen lassen.
Diesen Mut vermisst Schreiber manchmal bei seinen Mitstreitern. Übermorgen geht es weiter – Montagsdemo. (ub)

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