Armierungsschuppen in Oberriexingen

Erstellt: 4. November 2013
Armierungsschuppen in Oberriexingen Besitzer Marc-Oliver Boger (rechts) und Till Kiener vom Arbeitskreis Bunkerforschung vor dem Armierungsschuppen aus dem Jahr 1937 in Oberriexingen bei der Burg Dauseck. Foto: Elsässer

Oberriexingen (elf). Eigentlich wollte Marc-Oliver Boger aus Bietigheim-Bissingen nur ein schönes Grundstück mit Wald, Obstwiesen und Äckern kaufen. Bei der Burg Dauseck in Oberriexingen wurde er fündig. Dass eine Scheune dort sogar historische Bedeutung hat, wurde dem Mann erst später gewahr. Bei dem Gebäude handelt es sich um einen ehemaligen Armierungsschuppen für den Ausbau der Neckar-Enz-Stellung aus dem Jahr 1937.
„Ein solches Grundstück im Großraum Stuttgart zu finden, ist fast unmöglich“, sagt Boger, der die 3,6 Hektar große Fläche im Frühjahr 2012 gekauft hatte. Recht hat er, denn das Areal ist nicht nur wegen seines Waldes, der Obstwiesen und der Äcker wertvoll, sondern auch wegen seiner Historie. Denn ganz oben stand einst die Burg Dauseck. Auf ihr saßen die Herren von Riexingen. Im Jahr 1311 zerstörte Graf Konrad von Vaihingen die Burg, im 18. Jahrhundert wurde sie abgerissen. Wo früher der Burggraben war, steht heute ein Stallgebäude und daneben ein unscheinbarer Schuppen.
Mit dem Kauf des Grundstücks hat Boger auch einen Ordner mit verschiedenen Unterlagen und Plänen erhalten. Auf einem der Dokumente wird der Schuppen als Festungsbau bezeichnet. Das rief den neuen Besitzer des Grundstücks auf den Plan. „Ich weiß von der Neckar-Enz-Linie und dass in Bissingen der Muesumsbunker Ro 1 ist“, sagt Boger, der vermutete, dass sein Schuppen etwas damit zu tun haben könnte. Also wandte er sich an den Arbeitskreis Bunkerforschung des Geschichtsvereins Bietigheim-Bissingen. Dort rannte er bei Till Kiener offene Türen ein.
Kiener sah sich das Gebäude an und war sich schnell sicher, dass es sich dabei um einen Armierungsschuppen handelt. „Im Kriegsfall sollten zwischen den Bunkern Erdstellungen und weitere Hindernisse entstehen, die die feindliche Infanterie aufhalten sollten“, klärt Kiener auf. Das notwendige Baumaterial und die erforderlichen Werkzeuge lagerten in sogenannten Armierungsschuppen, die zwischen den Bunkern standen.
Der Schuppen von Marc-Oliver Boger weist zahlreiche typische Merkmale auf. Schon sein Erbauungsjahr (1937) und seine Lage auf der Anhöhe sind laut Kiener deutliche Anzeichen. Betonplatten als Fußboden, außen anbetonierte Stützelemente als Verstärkung sowie die Stahlbeschläge an Türen und Fenstern mit Vierkantmuttern seien weitere Indizien dafür, dass Boger mit seinem Grundstück einen Armierungsschuppen erworben hat. „Man hat diese Schuppen sehr aufwendig und korrekt gebaut – deshalb steht dieses Gebäude heute auch noch“, sagt Kiener.
In Armierungsschuppen dieser Größenordnung – er ist etwa zwölf Meter lang und 4,5 Meter breit – habe man rund 1000 Pfähle, 250 Rollen Draht und Stacheldraht sowie 40 spanische Reiter gelagert. Mit den Hindernissen, die damit angefertigt wurden, sollte die feindliche Infanterie aufgehalten werden.
Militärstrategisch befindet sich der Armierungsschuppen im etwa drei Kilometer langen Abschnitt Muckenschupf, der vom Waldstück Muckenschupf bis zum Unteren Pulverdinger Holz reicht. In einem „Erläuterungsbericht zur Erkundung für den Sicherheits- und Verstärkungsbau der Neckar-Enz-Stellung, Abschnitt Muckenschupf (Mu)“ vom 21. März 1936, den Till Kiener aus dem Bestand des Geschichtsvereins hervorgezaubert hat, heißt es unter anderem: „Am linken Flügel der Neckar-Enz-Stellung ist ein feindlicher Angriff insbesondere von Vaihingen aus über Enzweihingen in Richtung der großen Straße auf Stuttgart zu erwarten. Da der vorläufige Ausbau der Neckar-Enz-Stellung über dem linken Flügel etwa an einer Linie 500 m westlich Westausgang Oberriexingen – Ostrand Unteres Pulverdinger Holz abschneidet, ist ein besonders starker friedensmässiger Ausbau des Abschnittes Mu, des linken Batl.-Abschnittes der zwischen Lauffen und Oberriexingen eingesetzten Division D angebracht. Das nach Oberriexingen flach abfallende Feingelände und das für eine Verteidigung wenig günstige, deckungslose Gelände zwischen Muckenschupf und Unteres Pulverdinger Holz lassen es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass ein Feindangriff diesen Abschnitt mit einschließen würde.“
Von den vier Armierungsschuppen in diesem Abschnitt Mu steht nur noch der bei der ehemaligen Burg Dauseck. „Von den anderen sind nur noch die Fundamente da“, sagt Kiener. Deshalb sei das Gebäude durchaus von historischer Bedeutung. „Es hat den Charme, dass es noch komplett erhalten ist“, so Kiener. Deshalb will Besitzer Boger den Schuppen in seinem Originalzustand erhalten: „Ich sehe es als Baudenkmal an.“ Gut für Kiener und den Arbeitskreis Bunkerforschung, der den Armierungsschuppen in naher Zukunft – mit Erlaubnis von Marc-Oliver Boger – in die regelmäßig stattfindenden Bunkerführungen einbeziehen will.
Die nächste Bunkerwanderung findet übrigens als Kurs der Schiller-Volkshochschule Ludwigsburg statt. Unter dem Titel „Die Neckar-Enz-Stellung in Vaihingen“ geht es am Sonntag (10. November) um 14 Uhr durch das Obere Pulverdinger Holz. Eine Voranmeldung über die Volkshochschule ist erforderlich, Telefon 0 71 41 /144 16 66. Die Teilnahmegebühr beträgt sechs Euro.

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