KW 28 – Gewittertierchen im Bildschirm

Erstellt: 11. Juli 2011
KW 28 – Gewittertierchen im Bildschirm So schön können Gewittertierchen sein. Foto: Ulitzka

Liebe Leser,
ein mickriges Insekt gleitet gerade in meinem Flachbildschirm herum. Es ist ein Gewittertierchen. Das sind die Burschen, die uns gerade den Aufenthalt im Freien vergällen können. Doch auch diese Tiergruppe, korrekt Fransenflügler genannt, hat mindestens einen Liebhaber.
Von Sabine Rücker
Der Zwerg, der sich zwischen den Buchstaben im Flachbildschirm tummelt, kann nur ein Fransenflügler, auch Thrips genannt, sein. Besser sind diese Insekten unter dem Namen Gewittertierchen bekannt.
Genau, das sind die meist nur einen Millimeter langen schwarzen Dinger, die zurzeit unendlich nerven. Draußen sitzen wird zur Qual. Denn die kleinen Biester stürzen sich auf jede freie Hautstelle und plagen einen. Dazu später von einem Experten mehr.
Fransenflügler können durch ihre Saugerei an Pflanzenzellen Schädlinge sein, aber auch durch Bestäubungsarbeit als Nützlinge gelten. Fransenflügler, die sich auf mir niederlassen, sind auf jeden Fall Lästlinge. Sie vermiesen einem vor allem bei schwülem Wetter jeden Aufenthalt im Freien.Wenn sie sich auf menschlicher Haut niederlassen, macht sich das durch einen widerlichen Juckreiz bemerkbar.
Die Kleinen werden meist passiv in der Luft mitgetragen, weshalb sie auch als Luftplankton bezeichnet werden. Mit ihren franseligen Miniaturflügelchen haben sie aerodynamisch kaum eine Chance.
Ein solches Tier im Bildschirm hat schon mehr Menschen beschäftigt. Da klagt einer in einem Forum im Internet, dass das Getier in der Mitte des Bildschirms verstorben sei. „Ich kann doch nicht immer auf eine tote Fliege starren“, schreibt der Geplagte aus Heilbronn, der sich fortan ständig mit dem Tod konfrontiert sieht. Fliegen sind zwar verwandt mit dem Fransenflügler, bilden aber eine eigene zoologische Ordnung.
Bei der Internetenzyklopädie Wikipedia sind auch Meldungen zu dieser Tiergruppe aufgelistet: „Dieses Insekt ist zu einer Plage für Besitzer von Flüssigkristall-(TFT)-Monitoren geworden. Vom Licht des Monitors angezogen, fliegt es durch die Lüftungsschlitze in den Flachbildschirm hinein und befindet sich dann hinter Panelglas und Diffusorfolie. Das Insekt stirbt und ist daraufhin im Monitorbild sichtbar. Garantieansprüche werden von den Herstellern unterschiedlich gehandhabt.“ Samsung bestätige, dass „zwischen Diffusorfolie und TFT-Panel weder Staub, noch Tiere oder Fremdkörper gelangen dürften“. Mein Gewittertierchen läuft übrigens gerade über das T von Tiere.
Bei Google Maps soll bei einem Luftbild von Aalen ein „50 Meter langes Tier“ zu sehen gewesen sein. Ursache war wohl ein winziges Gewittertierchen, das sich beim Bearbeitungsprozess der Bilder irgendwie dazwischengemogelt hat.
Thripse, wissenschaftlich Thysanoptera, kommen weltweit mit über 5000 Arten vor. Sie heißen auch Blasenfüße, da sich an den Füßen besondere Lappen befinden. Sie sind jedoch nicht nur lästig, sondern gelten im Acker- und Obstbau als Schädlinge. Beispielsweise wird Weizen gerne befallen. Auch Liebhaber von Zimmerpflanzen dürften die zarten Tiere kennen. Schon das Saugen durch die Mini-Insekten tut den Gewächsen nicht sonderlich gut. Zudem können einige Thripsarten Viren auf Pflanzen übertragen. Ein Bursche namens Kalifornischer Blütenthrips hat sich seit den 80er Jahren erfolgreich über den Globus verbreitet und kann das Bronzefleckenvirus einschleppen.
Im Gewächshaus hilft man sich gegen den Befall beispielsweise mit dem Aussetzen eines Gegenspielers, nämlich von Raubmilben. Auf der Internetseite www.nuetzlinge.de werden Nützlinge für die Innenraumbegrünung wie Raubmilben, Florfliegenlarven sowie eine räuberische Thrips-Art und die Kleine Erzwespe empfohlen.
Denn Thripse neigen mitunter zur starken Vermehrung. Das lässt sich schon daran erkennen, dass ein Weibchen ordentlich viele Eier legen kann. Auf Männchen wird in dieser Tiergruppe gerne verzichtet. Selbst ist die Frau, denn die Fransenflügler-Dame legt meist unbefruchtete Eier ab, aus denen sich folglich ohne männliches Zutun der Nachwuchs entwickelt.
Unsere heimischen Thripse werden maximal zwei Millimeter groß. Manche Arten entwickeln sich im Boden, andere direkt an der Pflanze. Richtig wohl fühlen sie sich, wenn hohe Temperaturen und wenig Luftfeuchtigkeit herrschen. Zur Bekämpfung an Zimmer- und Kübelpflanzen rät deshalb „Der Bio-Gärtner“ im Internet „befallene Pflanzen ins Freie setzen oder lauwarm überbrausen und in Folienbeutel packen und für zwei bis drei Tage zubinden“.
Thripse haben aber auch erklärte Liebhaber. Der Biologe Dr. Manfred R. Ulitzka hat eigens einen Internetauftritt für die Tierchen geschaffen. Dort lässt der Mann, der über die Blasenfüße promovierte, seiner Begeisterung freien Lauf. „Fransenflüglergesellschaften deutscher Wälder“ lautete der Titel seiner Doktorarbeit.
Der Thripse-Spezialist bricht eine Lanze für die Tierchen: Oft werde bei Fransenflüglern nur an Schädlinge gedacht. Dabei ernähre sich die Hälfte der bekannten Arten in der Laubstreu oder im Totholz von Pilzen. Außerdem gibt es räuberische Arten und nicht zu vergessen die Blütenbestäuber unter den Thripsen. Und: Wer so klein und häufig ist, spielt im Nahrungsnetz normalerweise eine wichtige Rolle.
Ulitzka weiß auch Antwort auf die Frage der VKZ, wie es die Tiere denn nun eigentlich mit dem Beißen und Saugen halten: „Als Gewittertierchen werden vor allem die Arten der Gattung Limothrips bezeichnet. Diese schwärmen bei schwülwarmem Wetter und können dann – wohl angelockt durch den Geruch (Capronsäure, Buttersäure) oder ein elektrisches Potenzialgefälle, das die Tiere wahrnehmen können – den Menschen ‚angreifen‘. Dieses Stechen ist aber in den meisten Fällen ein Aufsaugen von Schweiß. Es ist jedoch auch beschrieben, dass bei besonders empfindlichen Menschen durch diese Saugversuche Entzündungen und Ekzeme hervorgerufen werden können. Untersuchungen in Florida ergaben, dass Limothrips cerealium und Frankliniella trici, beide Arten kommen auch bei uns vor, Menschen stachen. Besonders betroffen waren Menschen, die weiße oder blaue Kleidung trugen. Ob die Tiere wirklich Blutsaugen wollten, oder einfach eine ‚falsche Blüte‘ erwischt haben muss aber offenbleiben. Aus Trinidad ist eine einzige Art bekannt, die regelmäßig Menschen sticht und sich am Blut nährt: Karnyothrips flavipes.“
Viel mehr Informationen zu den zarten Kleinen gibt’s auf der Internetseite von Ulitzka unter www.thysanoptera.de. Das Ansinnen des Biologen, den Fransenflüglern beruflich treu zu bleiben, scheiterte. Es gebe in der Forschung kaum noch Platz für diese Themen der klassischen Biologie. Nun arbeitet Ulitzka, wie er selbst sagt, mit der gleichen Begeisterung als Lehrer. „Mit Engagement versuche ich auf die kleinen Dinge aufmerksam zu machen, die aber für den Gesamtzusammenhang unentbehrlich sind. Kleine Dinge, wie Thysanopteren.“
Daran können wir jetzt immer denken, wenn sie wieder über uns herfallen, die kleinen Quälgeister.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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