Donnerstag, 09. Februar 2012

Oktober: Das Herbsten


Freude bei der Weinlese. Foto: Arning
Freude bei der Weinlese. Fotos: Arning
Der Herbst als schönste Jahreszeit im Weinberg.
Der Herbst als schönste Jahreszeit im Weinberg.

Vaihingen (aa) – Die Vaihinger Kreiszeitung begleitet in der Serie „Von der Reben ins Glas“ ein Jahr lang jeden Monat die Mitglieder des Arbeitskreises der Vaihinger Weinbaubetriebe, um zu zeigen, welcher Aufwand betrieben werden muss, bis der Wein getrunken werden kann. Die achte Folge beschäftigt sich mit dem Höhepunkt des Jahres, der Lese.
Weinlese sagen die einen, Traubenlese die anderen. Und „Herbsten“ ist im Schwäbischen ein Begriff. Gemeint ist die Ernte in den Weinbergen. „Die Weinlese beginnt im September und kann sich bis Dezember hinziehen“, sagt das Lexikon nüchtern. „Die Weintrauben können frisch als Tafelobst, getrocknet als Rosinen oder Korinthen, gekeltert als Süßmost genossen und zu Wein bereitet werden.“ Wir bleiben hier natürlich beim Wein und haben uns für die achte Folge unserer Serie in Ensingen umgesehen.
„Am Montag werden Lemberger gelesen!“ Das ist das Signal von Werner Winkler, Vorsitzender im Vorstand der Ensinger Weingärtnergenossenschaft. Einen Selectionswein soll es geben von der Lage unterhalb der Eselsburg. 90 Grad Öchsle bei einem maximalen Ertrag von 80 Kilogramm/Ar hat Winkler als Vorgabe. Er hat das Jahr über ja auch kräftig ausgedünnt und so eine gute Grundlage für hohe Mostgewichte geschaffen.
Mit klammen Fingern
bei der Arbeit
Es ist lausig kalt an diesem Montagmorgen. Auf der Regentonne im Winkler-Hof hat sich schon eine Eisschicht gebildet. Doch die Helferschar darf das nicht stören. Es hat immerhin schon fünf Grad, als die Truppe in die Zeilen am „Hohen Berg“ einrückt. 77 Lenze hat der Senior auf dem Buckel, 17 der jüngste Helfer. Die Winkler-Zwillinge Emma und Noah (2) zählen noch nicht. Sie werden in die Obhut des Vaters gegeben, der mit ihnen durch die Anlagen patroulliert. Mit klammen Fingern werden die Trauben abgeschnitten. Winkler hat zwar auch einen Vollernter, doch beim Selections-Lemberger legt man Hand an. Es ist eine bewährte Mannschaft, die sich durch die Zeilen arbeitet. „Das muss man nicht groß erklären, auf was es ankommt“, freut sich Werner Winkler. Freunde, Bekannte, Verwandte zücken die Rebscheren, schwätzen Zeile um Zeile den Hang hinunter. Buttenträger braucht man in den von Maschinen bewirtschafteten Weinbergen nicht mehr. Werner Winkler hat 300-Liter-Zuber angeschafft, die auf der Grasnarbe talwärts gezogen werden, bis sie zu schwer sind. Dann kommt er mit seinem Schmalspurschlepper, nimmt die Ware mit und kippt sie in die Bottiche auf den Anhängern.
Fünf Hektar bewirtschaftet die Familie Winkler. Die Lese wird ohne fremde Erntehelfer bewältigt, Verwandte und Freunde bilden hier ein erfahrenes Lese-Team. Andere Wengerter können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, Helfer zu finden. Das „eingeladen werden zum Herbsten“ war schon immer eine fragliche Ehre. „Wenn es nur ein, zwei Tage geht, ist es ja okay“, meint Winkler.
Die Trauben hängen prall an den Stöcken. „Das macht Freude“, ist es zwischen den Blättern zu hören. Es müssen kaum faulige oder grüne Beeren herausgeschnitten werden. Die warmen Jacken sind längst abgelegt. In der Sonne hat es jetzt mindestens 20 Grad. Riesling-Trauben würden jetzt nicht mehr geerntet. „Dafür sollte es kühl sein, um elf Uhr ist da Schluss“, erzählt der WG-Vorsitzende.
Mitte September hat in Ensingen der Herbst begonnen. Da zeichnete es sich schon ab, dass die Menge etwas hinter den Erwartungen zurückbleiben würde. Im Juni und Juli war es einfach zu trocken. Winkler: „Das war nicht mehr aufzuholen.“
Klagen ist jedoch keineswegs angesagt. Beim Trollinger haben sich Durchschnittswerte von 80 Grad Öchsle ergeben, beim Spätburgunder waren es 92, beim Lemberger um die 86. „Die Qualitätssteigerung durch konsequentes Eingreifen in das Wachstum der Trauben ist nicht zu übersehen“, freut sich Winkler zusammen mit den Mitgliedern in der WG.
Wer entscheidet, wann gelesen wird? Da gibt es eine Kommission, die sonntags durch die Weinberge streift und den Stand der Dinge begutachtet. Jeden Dienstag gibt es dann den aktuellen Leseplan, der an der Kelter ausgehängt wird und per Mail bzw. Fax an die Mitglieder verschickt wird. Der Leseplan muss mit der Logistik der Kelter der Weingärtner der WG Horrheim-Gündelbach abgestimmt werden, denn die Ensinger Wengerter verarbeiten ihre Trauben seit vier Jahren in der Horrheimer Kelter. Das hat sich bewährt. Die Kelter in Ensingen wird inzwischen ausschließlich als Flaschenlager genutzt. „Es war alles viel zu eng dort“, erinnert sich Winkler, „und das Absaugen der angelieferten Trauben hat ewig gedauert. Außerdem sind die Transportfahrzeuge der WZG aus Möglingen durch geparkte Autos von Anwohnern nicht mehr zur Kelter durchgekommen.“
Ortswechsel. An der Horrheimer Kelter herrscht um die Mittagszeit schon Hochbetrieb. Auch an den Klosterberghängen wird noch gelesen. Gabelstaplerfahrer Werner Dürr erledigt seinen Job mit Routine. Die Zuber stehen alle so geschickt auf Holzpaletten, dass er sie ohne großes Geruckle greifen kann. Der Zuber wird festgeklemmt und in den Trichter der Raspel geschüttet. Das Gewicht der Trauben wird ermittelt, wenn die Kämme (grüne Stiele, an den sich die Beeren gebildet haben) weg sind. Und der durchschnittliche Öchsle-Grad wird natürlich dabei auch gleich festgehalten. Die Maische landet in Edelstahltanks, deren Inhalt von Tankzügen der Möglinger Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) täglich abgeholt wird. Klar, dass die Ensinger Maische nicht in die Horrheimer Tanks gepumpt wird. Zum Verständnis: Die Kellermeister der WZG bauen die aus Ensingen angelieferten Trauben in der modernst ausgestatteten Kellerei, nach Vorgaben der Winzer aus Ensingen, in Möglingen aus. Zurückgeliefert werden zum Verkauf fertig ausgestattete Flaschen, die durch die WG Ensingen im Fachhandel angeboten werden.
Die Kämme der Trauben werden übrigens nach einer Kompostierung wieder in den Trauben-Anlagen als Dünger eingearbeitet. Der Trester, der beim Pressen entsteht – für die Ensinger WG sind es rund 60000 Kilogramm – wird in die Biogasanlage Mühlacker geliefert.
Zum Abschluss ein
zünftiges Vesper
Zurück im Weinberg. Es ist inzwischen 12 Uhr und die Arbeit ist erledigt. Annette Frey-Winkler hat für das Vesper ihrer Helfer gesorgt. Das gehört zur Tradition. Unter strahlend blauem Himmel sitzt die Gruppe am Weg und lässt es sich gut gehen. Ins Wengerthäusle will heute niemand. Sie heben ihr Glas auf ein gutes Jahr und freuen sich schon auf das Endprodukt. Zum Wohl!
Die Weinlese im Vaihinger Umfeld wird Ende dieser Woche – am Samstag wird im Stadtgebiet als letzte Sorte der Lemberger in den Normallagen gelesen – zu Ende gehen. Im Gespräch mit vielen Weingärtnern ist der Tenor einstimmig: „Wir haben durch Trockenheit in dieser Saison Einbußen bei Menge und Öchslegraden, dennoch werden wir unseren Weinfreunden einen sehr fruchtigen und gehaltvollen Wein anbieten können. Das Traubengut wurde dieses Jahr überwiegend von Fäulnisbefall verschont, deshalb auch die relativ späten Lesetermine.“
Unsere nächste Folge dieser Serie beschäftigt sich mit den Prämierungen der Weine von Vaihinger Betrieben.

Weingärtnergenossenschaft
Ensingen eG
Dennefstraße 61
71665 Vaihingen-Ensingen
Gegründet 1950
Vorstand: Werner Winkler (Vorsitzender), Otmar Haas, Rolf Schneider

Geschäftsführerin: Sabine Bildmann, Telefon (07042) 24093,
E-Mail.wgensingen@gmx.de

91 Mitglieder
Weinverkaufsstelle:
 Getränkemarkt Bausch, Dennefstraße 1, 71665 Vaihingen-Ensingen
Die Weine sind auch in ausgewählten Getränkemärkten erhältlich.

Lage: Ensinger Schanzreiter
Rebfläche: 27 Hektar
davon
Trollinger: 11 Hektar
Lemberger: 8 Hektar
Riesling: 2 Hektar
Portugieser: 1,5 Hektar
Spätburgunder:1,5 Hektar
Kerner: 1,5 Hektar
Dornfelder: 0,7 Hektar
Müller-Thurgau: 0,4 Hektar
„Verschiedenes“: 0,4 Hektar
(Acolon, Schwarzriesling, Helfensteiner, Muskattrollinger, Silvaner)
Im Verkauf: Trollinger QbA
Trollinger-Lemberger, trocken und halbtrocken QbA
Lemberger Weißherbst QbA
Schiller QbA
Riesling QbA
Acolon QbA
Lemberger Spätlese trocken und halbtrocken
Spätburgunder Spätlese
Riesling Spätlese
Riesling Sekt

Literzahl:
Jahrgang 2007:rund 270000 Liter
 Verhältnis 2008:rund 9000 Liter/ha

Philosophie:
Es sollen junge, frische, fruchtige Weine erzeugt werden. Mit ertragsreduzierten Anlagen will man sich mit Qualität in der Premiumsschiene einen Namen machen.


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