Montag, 06. September 2010

KW 9 – Gelenkige Gelbbauchunke


Die Kahnstellung der Gelbbauchunke. Foto: Christoph Leeb
Die Kahnstellung der Gelbbauchunke. Foto: Christoph Leeb

Liebe Leser,
trunken vor Liebe stellen sie sich Fahrzeugen in den Weg, rufen ihre Herzdame und nehmen beschwerliche Wanderungen auf sich. Lurche erscheinen gerade wieder auf der Bildfläche. Darunter ein ganz seltenes Tierchen, die Gelbbauchunke.

Tragische Meldung des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) in der  letzten Woche: Von 70 wandernden Springfröschen sind in der Nähe von Köln 66 überfahren worden. Das ist ja mal richtig furchtbar. Die sonnenerwärmten Lurche sind in diesem Jahr anscheinend schneller gewesen als jeder Naturschützer, der mit einem Schutzzaun herbeieilte.
20 Lurch-Arten tummeln sich in Deutschland, allesamt Charakterköpfe. Ganz besondere Schätze sind dabei. Zum Beispiel unsere heimischen Unken. Sie gehören ebenso wie Frosch und Kröte in der Klasse der Amphibien, auch Lurche genannt, zu den Anura, den Schwanzlosen oder Froschlurchen. Wissenschaftlich heißt die Gattung der Unken Bombina, nicht zu verwechseln mit der Gattung der Hummeln, Bombus. Beides klingt stark und unverwüstlich, was leider auf beide Tiergruppen nicht unbedingt zutrifft. Der wissenschaftliche Gattugsname Bombina leitet sich von der lateinischen Bezeichnung bombus ab, die für „tiefer Ton“ steht. Er bezeichnet die Tonlage des Unkenrufes, insbesondere der Rotbauchunke und vermutlich das tiefe Brummen einer Hummel.
Unsere heimische Gelbbauchunke, Bombina variegata, gilt als stark gefährdet und ist lange nicht so feist wie der Unkerich aus den Salamander-Lurchi-Büchern. Eher zart und klein kommt sie daher, nur rund fünf Zentimeter lang wird die Unke. Ihr Körper ist über und über mit Warzen bedeckt. Mit ihrer etwas derb geratenen Schnauzenregion und den glupschigen Äuglein erhält sie ein ganz besonderes Aussehen. Das Sahnehäubchen des Unkenkörpers sind die herzförmigen Pupillen, mit denen die Unke in die weite Welt blickt und das leichte Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielt.
Dieses kleine skurrile Wesen ist in seinem Dasein stark gefährdet. Der Bedrohung durch den Menschen, der ihm den Lebensraum raubt, kann der tapferste Unkenrufer nichts entgegensetzen. Baden-Württemberg habe eine besondere Verantwortung für die Gelbbauchunke, auch europaweit, da „wir im Verbreitungszentrum dieser Unkenart liegen“, sagen beispielsweise die Grünen im Landtag und stellen Forderungen zum Schutz der Tiere.
Ursprünglich war die Gelbbauchunke in Klein- und Kleinstgewässern der Überschwemmungsaue von Bächen und Flüssen beheimatet. Zwei Drittel dieser Überschwemmungsflächen seien allerdings in Deutschland zerstört worden, so die Grünen. Die kleine Gelbbauchunke hat deshalb, wie einige andere Spezialisten auch, in Kiesgruben, Steinbrüchen, Truppenübungsplätzen und Fahrzeugspuren einen neuen Lebensraum erobert.
Theoretisch kann das Tierchen ein erstaunlich hohes Lebensalter erreichen und soll in Gefangenschaft über 20 Jahre alt werden können. In vielen Regionen Europas und Deutschlands wird sie aus dem einfachen Grund nicht alt, weil sie gar nicht mehr vorkommt. Ihr Leben beginnt klassischerweise frühestens im April als befruchteter Laich in einem vegetationsarmen Tümpel. Sonne ist willkommen, Schlamm am Pfützengrund ebenfalls. Ein paar Hälmchen sind auch nicht verkehrt, denn dort wird gerne das Ei mit bis zu 30 Geschwistereiern befestigt. Die größte Gefahr für die neue Generation ist in diesem Stadium das Austrocknen des Heimatgewässers. Die Kaulquappen müssen sich sputen. Und so werden aus den Eiern bei entsprechender Wärme in rund vier Wochen kleine Unken, die Ausschwärmen können. Die Eltern sind eher standorttreu und bleiben in der Nähe des Gewässers. An Land verkriechen sie sich unter Bruchholz oder Steinen, im Gras und Moos und mümmeln Kleingetier wie Asseln, Würmer und Insekten.
Bis in den August hinein rufen die Männchen ihr unwiderstehliches „uh...uh...uh“, dem die Weibchen liebestrunken folgen. Mit dem Gesang macht der Unkenmann seinen Konkurrenten gleichzeitig klar, dass er ein Revier besitzt und in diesem halben Quadratmeter keine Widersacher duldet. Die Weibchen eilen für eine erneute Eiablage ans Mini-Gewässer und werden dort von ihren Partnern an der Hüfte geschnappt. Im Wasser erfolgt die äußere Befruchtung der Eier, dann lässt das Männchen von seiner Auserwählten ab und verfährt nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“. Immer wieder überfällt die Tiere der Liebesrausch. Diese lange Phase der Paarungsbereitschaft gilt als Anpassung an das Risiko dafür, dass die Pfütze trocken fällt. Zum Schutz wenigstens einiger Nachkommen verteilt Mutter Unke ihre Eier gleichmäßig im Gewässer und häufig auf mehrere Tümpelchen. Das Gelbbauchunken-Weibchen betreibt, wie der Wissenschaftler sagt, räumliche Risikostreuung. Klingt irgendwie nach Bankenkrise.
Noch gibt es die Gelbbauchunke auch in unserer Gegend. Im Glemstal bei Markgröningen wurde sie vor zwei Jahren vom Nabu kartiert. Das auffällige Muster am Bauch wird dabei dokumentiert, da es bei jedem Tier individuell gestaltet ist. Auch in Gündelbach, im Gebiet des Großen Fleckenwaldes, kann mit ihrem Vorkommen gerechnet werden. Das tangiert unter anderem den Planfeststellungsbeschluss für die Ethylen-Pipeline-Süd: Bei einem Vorkommen der Art müsse dafür Sorge getragen werden, dass die Tiere nicht in den Rohrgraben plumpsen und festsitzen. An den Illinger Seen sollen früher massenhaft Gelbbauchunken vorgekommen sein.
Glücklich sind diejenigen, die den kleinen Unkerich schon zu Gesicht bekommen haben. Aber vielleicht sind sie dabei erschrocken. Denn der Lurchkörper verbiegt sich bei drohender Gefahr auf merkwürdige Weise. Das Tierchen wird dann nicht etwa von Krämpfen geschüttelt, sondern zeigt seine Warntracht. Im Gegensatz zur unscheinbar schlammfarbenen Oberseite ist der Bauch in kräftigem Gelb und Grau gezeichnet. In der sogenannten Kahnstellung, einem Unkenreflex, biegt die Gelbbauchunke ihr Rückgrat sensationell widernatürlich durch und präsentiert ihre Warnfärbung. Zusätzlich stößt sie ein übelriechendes Gift aus, das Fressfeinden den Appetit verderben soll. Derer gibt es genug. Selbst die Amsel soll sich die Unke einverleiben, was doch recht unwahrscheinlich anmutet. Schlangen und größere Vögel langen bei den Unken aber bestimmt kräftig zu.
VKZ-Informanten zufolge soll die Kahnstellung der Gelbbauchunken den gleichnamigen ehemaligen Torhüter inspiriert haben. Kombiniert mit einem Sprung aus dem Torkasten heraus brachte ihm eine ähnliche Verrenkung den Spitznamen Karate-Kahn ein. Vielleicht ist es aber auch andersrum. Leidenschaftliche Fußballer unter den Unken kupferten die Abwehrstellung Kahns vom Spielfeldrand aus ab und nannten sie Kahnstellung.
 Die Moral der heutigen Geschichte lautet wie folgt: Geh sorgsam mit den Pfützen um, dort treibt sich gern die Unke rum. Alternativ: Biegt der Kahn den Rücken durch, sieht er aus fast wie ein Lurch.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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