KW 7 – Tolles Früchtchen Sanddorn
Liebe Leser,
Premiere in meinem Garten: Der Sanddorn wurde in diesem Winter völlig abgegrast. Schneemassen ließen die Vögel über die Vitamin-Bombe am Gehölz herfallen. Die nächste Ernte gehört aber mir.
In der DDR war er ein Star der Volksgesundheit. Die Zitrone des Nordens, wie der Sanddorn auch genannt wird, wurde schon Ende der 60er Jahre systematisch auf ostdeutschem Grund angebaut. Und so konnten Anfang der 70er Jahre die ersten Züchtungserfolge gemeldet werden. Beim großen Bruder Russland spielte der Sanddorn schon seit vielen Jahrzehnten eine große Rolle als Vitaminlieferant, weshalb dort großes Wissen in Sachen Sanddorn-Züchtung und Produktherstellung angehäuft worden war.
Zu Zeiten der Wende waren in der DDR rund 200 Hektar Land mit dem Gehölz aus der Familie der Ölweidengewächse bedeckt. Falls das bis zu sechs Meter hohe Gewächs als Republikflüchtling die Grenze in Richtung Westen verlassen hat, kämen Vögel als Fluchthelfer in Betracht. Anscheinend bleibt bei schwimmenden Früchten aber auch die Keimfähigkeit der Samen eine gewissen Zeit erhalten. Verdriftete Zweige können ebenfalls Grenzen überwinden und in einer neuen Heimat wurzeln.
Die Vorzüge der tollen Früchte sind in anderen Regionen der Erde schon seit Langem bekannt. Im 12. Jahrhundert soll Dschingis Khan, der berüchtigte Kriegsherr der Mongolen, angeblich immer Sanddornöl bei sich gehabt haben. Seine Mitstreiter und die Pferde wurden damit gepflegt und geheilt. Auch die alten Seefahrer setzten auf die knallige Scheinbeere und beugten damit der Vitamin-C-Mangelerkrankung Skorbut vor.
Bei uns startet die Wildfrucht seit einigen Jahren voll durch. Es gibt fast nichts, was es nicht mit Sanddorn-Zusatz gibt: Bonbons, Brotaufstriche, Liköre, Kosmetikprodukte, Naturheilmittel, Fruchtschnitten, um nur einiges zu nennen. Immerhin kann die kleine Frucht mit zehnmal mehr Vitamin C als die Zitrone aufwarten. „Sanddorn wird also viel Gutes nachgesagt, aber leider auch viel angedichtet“, heißt es im Ratgeber Gesundheit der ARD. Fakt sei dagegen, dass im Sanddorn ein Vitamin- und Mineralcocktail steckt, der für das Immunsystem ein echter Kick ist: „Die B-Vitamine und Mineralien bringen den Körper nach einer Schwäche wieder in Schwung.“ Auch die wundheilende Wirkung des Sanddornöls gelte als belegt, ebenso wie dessen Schutzwirkung für reife Haut. Ha! Bei Öl aus den Früchten kann es sich um Öl des Fruchtfleisches oder der Samen oder einem Gemisch von beidem handeln.
Wilde, ausgedehnte Sanddornvorkommen bedeckten einst unser Land, wurden aber vor Jahrtausenden auf wenige Standorte zurückgedrängt. Wilden, heimischen Sanddorn findet man heute in Deutschland an den Küsten und in der Alpenregion. All die anderen Sanddorne sind ausgebüxt oder eingewandert. Als sich vor mehr als 15000 Jahren die Eismassen der letzten großen Kaltzeit aus Europa zurückzogen, konnte der ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammende Sanddorn bei uns Fuß fassen. An Kälte und Trockenheit gewöhnte Gehölze dominierten den kargen Boden. Es wuchsen kleine Weiden- und Birkenarten und eben der Sanddorn. Mit zunehmender Erwärmung eroberten aber wieder andere Gehölze das Land zurück. Kiefer, Hasel und schließlich Eiche und viel, viel später Buche, setzten sich in deutscher Erde durch. Sie wanderten wieder aus ihren westeuropäischen Refugien ein. Dorthin hatten sie sich während der Eiszeit verkrümelt.
Beim Siegeszug der großen Bäume macht der Sanddorn einen Rückzieher und siedelte sich dort an, wo andere sich nicht wohl fühlen würden. Selbst das Salz in den Küstenregionen lässt Hippophae rhamnoides nicht kümmern. In Deutschland werden bei den Wildformen drei Unterarten unterschieden. Die Unterart, die den kiesigen Wuchsort entlang der Alpenflüsse bevorzugt, soll besonders viel Vitamin C besitzen.
Der sommergrüne Busch kann mit seinem kräftig-ausladenden Wurzelwerk gut instabilen Böden wie Sanddünen Halt geben. Trockenheit ist für ihn kein Problem und die Nährstoffarmut der Böden schlägt er ein Schnippchen, indem er sich von einem symbiotischen Pilz, der im Wurzelwerk lebt, Stickstoff aus der Luft aufbereiten lässt. Aufgrund der schmalen Blättchen könnte er glatt mit einer Weide verwechselt werden, die Blüten, die im April/Mai wachsen, sind kaum zu sehen und zudem noch auf getrennten Individuen. Es gibt also Männchen und Weibchen und wer Früchte ernten mag, der sollte sich am besten gleich ein Pärchen in den Garten holen.
Wer Früchte ernten will, sollte sich ein Pärchen zulegen
Das habe ich damals nicht getan, kann mich aber in diesem Fall über Dummenglück freuen, denn mein Sanddorn hat Früchte. Zwar nicht viel, aber von irgendwoher muss der Wind ein paar Pollen anwehen. Ist die Bestäubung geglückt, entwickelt sich ab Ende August die Frucht. Bei ihr handelt es sich anscheinend nicht um eine Beere, sondern im botanischen Sinne um eine Steinfrucht. In einem schön gefärbten Fruchtfleisch-Mantel liegen die Samen.
Jeder, der das Gehölz kennt, fragt sich womöglich, wie die Früchte geerntet werden. Denn am ganzen Busch wacht eine Unzahl von Dornen über das Wohl der Pflanze. Die Ernte darf nicht zu spät nach dem Reifen der Frucht stattfinden, da sonst Buttersäure die Köstlichkeit ungenießbar macht. Vielleicht ein Grund dafür, dass die Früchte am Baum bei Vögeln ohne Not meiner Beobachtung nach nicht der Renner sind. Privatleute und Hobbyanbauer tun etwas Außergewöhnliches, um die Sträucher abzuernten: sie melken. Mit geübtem Griff streift der in der Regel handschuhbewehrte Erntehelfer alles, was am Zweig hängt ab, inklusive Fruchtmatsch.
Eleganter wird die Sache in Großbetrieben gelöst, wo die Zweige samt Früchten in kleinen Stücken abgeschnitten werden. Die Beute wird bei minus 40 Grad Celsius schockgefroren, dann werden die Früchte abgeschlagen und weiterverarbeitet. So handhabt das auch einer der größten Sanddornanbieter Deutschlands (rund 90 Hektar Plantagen), die Ludwigsluster Sanddorn Storchennest GmbH in Mecklenburg-Vorpommern. Weltweit gilt China mit über einer Million Hektar Anbaufläche als als größter Produzent von Sanddorn.
Deutschland kann da mengenmäßig nicht mithalten, hat aber die meisten Erfindungen und Zuchterfolge zu verbuchen.
Wenn ich mir das alles so zu Gemüte führe, dann werden die Amseln bei der nächsten Ernte in die Röhre gucken. Ich werde meinen Sanddorn melken und mir die Pampe aufs Gesicht klatschen. Frei nach dem Motto: Faltenfrei mit Sanddornbrei.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
