Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 6 – Die Last mit dem Fluch


Holzauge sei wachsam. Foto: VKZ-Archiv
Holzauge sei wachsam. Foto: VKZ-Archiv

Liebe Leser,
imprägnieren, renovieren, Wäsche waschen – für den modernen Menschen der westlichen Welt kein Problem. Für mich schon, denn auf mir lastet ein Fluch. Wie sich das äußert, lesen Sie jetzt.

Beim Kauf von Nahrungs-, Putz- und Waschmittel, Kosmetik und so weiter und so fort, nimmt der Fluch von mir Besitz. Das äußerst sich darin, dass jede Packung, insbesondere die Liste mit den Inhaltsstoffen, genau durchgelesen werden muss. Das ist der Fluch. Das führt hin und wieder fast zum Nervenzusammenbruch. Und verschlingt in der Summe Jahre meiner Lebenszeit. Ganz abgesehen davon, dass meist nur promovierte Chemiker und Menschen mit Adleraugen eine Chance haben, die Liste mit den Ingredienzien richtig zu erfassen. Das hält mich nicht davon ab, es zu versuchen.
 Neulich war’s wieder schlimm. Dass die Mission „Imprägnierspray kaufen“ schwierig werden würde, war mir gleich klar. Denn das Wort Imprägnierspray steht seit Jahrzehnten für Alarmstufe rot. Schon von den Eltern wurde einem eingetrichtert, dass mit diesem Spray kein Schabernack zu treiben sein. In den Jahren 1979 bis 1983 sind insgesamt 224 Vergiftungen, zumeist bei Erwachsenen, durch Inhalation von Lederimprägniersprays bekannt geworden, schrieb das Ärzteblatt 2003. Durch zahlreiche Rezepturänderungen an diversen Inhaltsstoffen seien Gesundheitsstörungen durch Imprägniermittel in Deutschland seit 1985 nicht mehr beobachtet worden, so das Ärzteblatt damals.
Zu spaßen ist mit dem Nässeschutz aus der Spraydose immer noch nicht. Die Warnungen vor Gesundheistschäden sind auf den Dosen plakativ angebracht: „Vorsicht! Unbedingt beachten! Gesundheitsschäden durch Einatmen möglich! ...“ Eine Deklaration, die in dieser Form in der Bedarfgegenständeverordnung vorgeschrieben ist.
Macht die Sache für mich persönlich nicht besser. Klingt ungesund. Also bringe ich es nicht übers Herz, derartige Substanzen zu kaufen. Was tun? Auch hiesige Läden mit Öko-Angebot konnten nicht aus der Patsche helfen. Im Internet gibt es Tipps und dies und das zu kaufen. Wer sich aber in Sachen Internet und Bezahlung blöd anstellt, so wie ich, hat Pech.
Ein letzter Versuch also in einem Vaihinger Laden, und tätsächlich, da steht es, das Pumpspray, das mit umweltverträglichen Inhaltsstoffen wirbt und auch Textilschuhe schützen soll. Hurra, hurra! Dann noch ein letzter Blick auf die Inhaltsstoffliste. Oh Nein. Eindeutig sind am Schluss zwei Vertreter der Isothiazolinone aufgeführt. Es handelt sich dabei um Konservierungsstoffe. Vom Grundsatz her nicht verkehrt, denn dort wo Wasser und organische Substanzen aufeinandertreffen wie in jenem Pumpspray, fühlen sich auch Bakterien und Schimmelpilze wohl.
Aus der Gruppe der Isothiazolinone werden in der Hauptsache fünf Substanzen als Biozide, also Stoffe, die Keime im Keim ersticken sollen, verwendet. Allen gemeinsam sind komplizierte Namen, die in der Regel mit ...thiazolinon enden. Diese Substanzen können Kontaktallergien auslösen. Wer unter dem Inhaltsstoffe-Lesen-Fluch leidet, stellt irgendwann mit Schrecken fest, dass diese Substanzgruppe auch in Waschmitteln, in Wandfarbe, Tapetenkleister und vielem anderen lauern kann. Das mit dem Kleister entdeckte ich neulich bei einer Renovierungsaktion. Öko-Putz oder ähnliches für die Wand schien zu gewagt. Denn falls das misslingt, bekommt man das einfach wieder ab? Aber irgendetwas musste auf die nackte Wand. Tapezieren, aber bitte nicht mit Tapeziertisch, das halten meine Nerven nicht aus. Dann der Tipp einer Freundin: Versuch’s doch mit der Wandklebetechnik. Dabei wird die Wand eingekleistert und die Tapete direkt draufgeklatscht. Prima!
Dazu braucht der Heimwerker spezielle Tapeten, zum Beispiel Vliestapeten. Die enthalten aber ungesunde Weichmacher. Nach langem Hickhack endlich eine Lösung in Sicht: eine so genannte Vliesfasertapete, die ohne Weichmacher und recht natürlich daherkommt und die in Wandklebetechnik aufgebracht werden kann. Also losgerast, die besagte Tapete gekauft und was die begnadete Heimwerkerin sonst noch so braucht, unter anderem Kleister.
Und, was soll ich Ihnen sagen, selbst im Kleisterpulver dümpelt Isothiazolinon, das nach dem Tapezieren lustig in die Raumluft entweichen kann. Das macht vielleicht Sinn, wenn das angerührte Zeug für bessere Zeiten aufgehoben werden soll. Will ich aber nicht tun. Ich will die Sache schnell hinter mich bringen. Bei nochmaligem Nachforschen zeigt sich, dass die gleiche Firma einen Kleister im Angebot hat, der „für Allergiker geeignet“ ist, sprich ohne Konservierungsstoffe und der für meine Spezialtapete geeignet ist.
Halleluja.
Die Vielfalt der chemischen Keule, die uns umgibt, ist immens. Eine Substanz von vielen ist ein Biozid namens Triclosan, das seit Jahrzehnten in unseren Alltag geschleust wird. Neuerdings kann sie in Kleidung, Zahnpasta, Kosmetika, Plastikgeschirr und so weiter gefunden werden. Gute Güte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnte schon vor Jahren davor, dass die breitgefächerte Anwendung zu einer Antibiotikaresistenz in der Bakterienwelt führen könnte. Und ebenfalls schon lange bekannt ist die Tatsache, dass sich unter Sonneneinstrahlung aus Triclosan Substanzen bilden, die toxisch wirken und zur Stoffklasse der Dioxine gehören. Das hatte ein japanischer Wissenschaftler mit Hilfe einer Triclosan-behandelten Socke herausgefunden. Wenn Klamotten beispielsweise mit dem vollmundigen Prädikat sanitized oder antibakteriell daherkommen, besteht der berechtigte Verdacht, dass Triclosan enthalten ist.
Im letzten Herbst hat die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ den Zuwachs in der keimtötenden Branche gemeldet. Beispielsweise hätten in nur fünf Jahren „silberhaltige Bakterienkiller ihr weltweites Marktvolumen mehr als verzehnfacht“. Und das sei nur ein Bruchteil des antimikrobiellen Gesamtmarktes. Der Mensch als getriebener der Mikroben. Desinfektionsmittel und -tüchlein schützen das fragile Leben, sobald man das sterile Zuhause verlassen muss.
 Dabei siedeln in und auf dem gesunden Menschen an die 100 Billionen Bakterien. Wir sind Mikroben-Bomben, wandelnde Biotope, Heimat für den Mikrokosmos. Unsere körpereigenen Zellen bringen es maximal auch „nur“ auf die gleiche Zahl. Unser Körper gehört also irgendwie nur zur Hälfte uns. Oder anders gesagt: Wir bestehen zur Hälfte aus Bakterien.
Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle, dass auch natürliche Stoffe Allergien auslösen können und giftig sind. Eines der stärksten oder sogar das stärkste bekannte Gift ist ein ganz natürlicher Wirkstoff, das Botulinumtoxin, auch Botox genannt. Das Bakterium Clostridium botulinum ist in diesem Fall die Giftküche. Die Toxizität hindert manche Zeitgenossen nicht daran, sich das Zeug unter die Haut spritzen zu lassen. Mich hindert diese Erkenntnis nicht daran, weiterhin Inhaltsstofflisten zu lesen und Sicherheitsdatenblätter zu studieren. Auch, wenn meine Familie entnervt mit den Augen rollt, lautet mein Motto: Holzauge sei wachsam.
Und nun ein frommer Wunsch zum Schluss: Falls Sie mich mal beim Rauchen erwischen, sagen Sie bitte nichts.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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