KW 5 – Wie kam das Salz in die Erde
Liebe Leser,
die vermeintlich einfachsten Fragen sind manchmal die schlimmsten. Ein Beispiel dafür: Wie kommt das Salz in die Erde?
Seit geraumer Zeit geistert das Thema Salz üppig durch die Medien. Zu verdanken ist das dem Schwinden des Streusalzes, das in immer mehr Gemeinden zur Mangelware wird. Der Winter hat in diesem Jahr einen langen Atem und fegt die letzten Streusalzreste hinweg.
Bei dem Salz für Straße und Gehweg handelt es sich chemisch betrachtet um die gleiche Substanz wie beim weißen Kristall für die Küche. Natriumchlorid sorgt für Geschmack im Essen und für schmelzendes Eis. Und wer hätte gedacht, dass sich der Stoff der Begierde unter anderem unter Heilbronn befindet. Hier hat einer der großen Salzproduzenten Europas, die Südwestdeutsche Salzwerke (SWS) AG, ihren Sitz. Die Förderkapazität der beiden Schächte „Franken“ und „Heilbronn“ des Heilbronner Steinsalzbergwerkes liegt nach Angaben des Unternehmens bei knapp vier Millionen Jahrestonnen. Das Salzlager unter Heilbronn reiche von Bad Friedrichshall bis in die Nordschweiz. In rund 230 Meter Tiefe liegt das Heilbronner Salzlager mit einer Mächtigkeit von rund 25 Metern.
Wie kam es aber dahin?
Um diese Frage zu beantworten, muss in der Erdgeschichte ein gewaltiger Schritt zurückgetan werden. Rund 250 Millionen Jahre ist es her, als sich in einer Perm genannten Epoche die großen Salzlagerstätten dieser Erde bildeten. Während noch Millionen Jahre zuvor zur Zeit des Karbon ein mildes Klima mit ausgedehnten Sümpfen herrschte, deren Niedergang uns große Steinkohlevorkommen bescherte, änderten sich die Bedingungen im anschließenden Perm dramatisch. Das Klima wird trocken, teilweise sogar wüstenhaft. Das Gesicht der Erde zeigt inzwischen einen einzigen, riesigen Konitnent namens Pangäa. Dieser wird von einem riesigen Ozean umspült. Nadelbäume und Palmfarne haben das Land erobert, durch die Unruhe der Landmassen faltet sich beispielsweise der Ural auf. Die Erdkruste hebt und senkt sich mehrmals über einen Zeitabschnitt von mehreren Millionen Jahren. Mitteleuropa kommt in Äquatornähe zu liegen. Gegen Ende des Perm kommt es zum dramatischsten Massensterben seit der Existenz der Erde. Rund 90 Prozent aller Meereslebewesen und 70 Prozent der Organismen an Land hauchen vor circa 250 Millionen Jahren ihr Leben aus.
Gleichzeitig ist es die Geburtsstunde unserer Salzlagerstätten. Eine heute noch gültige Theorie über die Entstehungsweise der weißen Wüsten unter Tage formulierte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Geologe Carl Ochsenius. In seiner Barren- oder Schwellentheorie beschreibt er, wie es zu den Einschlüssen von festem Steinsalz in einen stabilen geologischen Untergrund kommen kann. Durch das Heben und Senken der Landmassen bilden sich große Gewässer. In Buchten, die nur einen schmalen Zugang zum Meer haben, verdunstet Wasser und Salz reichert sich an. Gleichzeitig schwappt immer wieder Meerwasser hinzu. Wird die Bucht schließlich durch eine Schwelle oder Barre vollständig abgeriegelt, dann verdunstet das Wasser vollständig und die restlichen Salze setzen sich ab.
Weite Teile Europas sind in jener Zeit durch ein flaches Randmeer, eine Art Binnenmeer, bedeckt. Dieses Gewässer namens Zechsteinmeer hatte sich vor etwa 258 Millionen Jahren gebildet. Die Dimensionen sind riesig. Das Gebiet reichte in Nord-Süd-Richtung von Dänemark über Mitteldeutschland bis in die oberrheinische Tiefebene an den Alpenrand. Namensgebend sind geologische Schichten des Zechsteins.
Mit zunehmender Verdunstung des Wasser fallen die Salze aus der Flüssigkeit aus. Und zwar entsprechend ihrer Löslichkeit: zuerst die schwer löslichen Calciumsalze, wie beispielsweise Calciumcarbonat und -sulfat. Zwei Substanzen, die auch unter den Namen Kalk und Anhydrit bekannt sind. Dieses Anhydrit genannte Calciumsulfat kann unter Umständen zu großem Kummer führen. Denn die Substanz kann bei Aufnahme von Wasser bis zu 50 Prozent an Volumen zunehmen und wird dann Gips genannt. Kommt eine solche Anhydrit-Schicht beispielsweise durch Bohrungen mit Wasser in Kontakt, hebt sich der Boden mitunter unausweichlich. Die Stadt Staufen könnte das Opfer eines solchen „Vergipsungsvorganges“ sein. Beim Bau des Wagenburgtunnels in Stuttgart in den 60er Jahren kam es aus oben genannten Gründen zu Behinderungen, ebenso am Engelbergtunnel bei Leonberg. Einige Experten befürchten bei den Erdarbeiten für Stuttgart 21 ebenfalls Schwierigkeiten, da derart sensibles und quellfähiges Material im Baubereich liegt.
Nun aber zurück zu den Verdampfungsprozess in unserem Zechsteinmeer. Den Calciumsalzen folgt das von der Menge her dominierende Natriumchlorid, also unser Kochsalz, zuletzt setzen sich Kalium- und Magnesiumsalze ab. In den folgenden Millionen Jahren wird die Salzfläche mit Ton und Sand zugeweht und später sammeln sich Erd- und Gesteinsschichten über dem weißen Gold.
Norddeutschland ist durch die oben geschilderten Vorgänge das kochsalzreichste Gebiet Europas geworden, es ist unterlagert von einer riesigen Salzplatte. Dort, wo sie bis nahe der Erdoberfläche reicht, verursachte sie schon früh einträglichen Handel, beispielsweise in Lüneburg, wo sich auch das Deutsche Salzmuseum befindet. Das wohl älteste Salzbergwerk wurde vor rund 3000 Jahren in Hallstatt im Salzkammergut betrieben.
Auch Schwäbisch Hall und Heilbronn, Bad Reichenhall in Bayern, das Salzkammergut in Österreich oder der Salzstock im polnischen Wieliczka, mittlerweile Unesco-Weltkulturerbe, profitierten vom Kochsalz an den Randausläufern des Zechsteinmeers. Die zum Teil mächtigen Salzschichten müssen durch eine wasserundurchlässige Schicht geschützt sein, sonst werden sei durch eindringendes Wasser hinfort gespült.
Schon die alten Ägypter, Sumerer und Babylonier nutzten Salz als Gewürz und als Konservierungsmittel für ihre Nahrung. Gewonnen wurde das Salz entweder aus Meerwasser oder Salzwüsten. Auch bei der Mumifizierung der Toten wird Salz verwendet. Griechen und Römern ernteten Meersalz mit Hilfe von Sonne und Wind.
Einige Jahrhunderte vor Christus hatten schließlich die Kelten den Dreh mit der Salzgewinnung heraus: Sie ließen in der Gegend von Heilbronn Wasser aus salzhaltigen Quellen über dem Feuer verdampfen. Es entstanden regelrechte Salzstraßen quer durch Europa.
In Vaihingen sorgte Salz beispielsweise im Jahr 1552 für einen gewissen Unmut. Eine Zunahme des Handels mit dem wertvollen Mineral außerhalb der Stadt in den umliegenden Dörfern wurde beobachtet. Dies schmälerte das Einkommen der städtischen Handwerker. So hatte gar ein Oberriexinger Metzger einen Handel mit Licht und Salz, ist im Band der „Geschichte der Stadt Vaihingen Enz“ nachzulesen. Das war ein Aufreger für die städtischen Handwerker im 16. Jahrhundert.
1792 dagegen hätten sich sämtliche Handelsleute über die Vergabe des „Salzcommerciums“, des Monopols über den Salzhandel in der Stadt, an einen gewissen Kaufmann Seeger erregt. Der Salzhandel solle allen Handelsleuten gemeinsam überlassen werden, lautete die Forderung. Offensichtlich bezog Vaihingen sein Salz damals aus Schwäbisch Hall.
Nun, zu guter Letzt, die entscheidende Frage wie bei der Henne und dem Ei: Wie kam das Salz ins Meer? Haben wir an dieser Stelle schon mal beantwortet, Kurzversion: Auswaschung des Salzes aus Gestein. Die ganz scharfen Fragen, die sich dann noch stellen könnten sind: Wie entstand überhaupt Wasser? Und, vielleicht noch kniffliger, wie entstanden die chemischen Elemente? Hierzu jetzt und an dieser Stelle nur ein nebulöses „wir alle sind aus Sternenstaub“.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
