KW 49 - So niedlich wie nervig: der Zwergtaucher
Liebe Leser,
ein Blick in die Enz lohnt sich immer. Im Frühling, im Sommer und sogar jetzt. Denn es tummelt sich dort der Zwergtaucher, und der ist ein Schmankerl für Auge und Seele wintergebeutelter Menschen.
Es muss ziemlich genau ein Jahr her sein. Da schweifte mein Blick von der Enzbrücke der Auricher Straße in Vaihingen hinunter zum Gewässer. Huch, was macht da ein Küken auf der Enz, denke ich? Quasi mitten im Winter. Und schwupps, war das Tierchen auch schon abgetaucht. Es hat sich so einer näheren Betrachtung entzogen. Auch in diesem Jahr ist er wieder da und es kann sich nur um einen Zwergtaucher handeln.
Unser kleinster Wasservogel ist ebenso niedlich wie nervig. Denn der Naturfreund möchte gerne einen genauen Blick auf das Tier werfen. Sobald der Zwergtaucher sich aber beobachtet fühlt, taucht er ab. Bei anderen Wasservögeln reicht es, ein wenig zu warten und einfach die gleiche Stelle an der Wasseroberfläche zu fixieren. Irgendwann ploppen die Gefiederten wie ein Korken nach oben und können erneut beobachtet werden.
Der Zwergtaucher dagegen taucht ab und ist weg. Nichts Schlimmeres für den Beobachter als tolle Tiere, die eindeutig in der Nähe sein müssen aber nicht zu sehen sind.
Mehr Glück hat da der geübte und ausdauernde Vogelkundler Joachim Sommer aus Roßwag. „Der Zwergtaucher ist wirklich nicht selten bei uns“, weiß der Experte zu berichten. Zwischen Mühlhausen und Roßwag tummeln sich auf der Enz seiner Schätzung nach momentan acht der Zwerge. Einige davon sind wohl Wintergäste, vermutlich aus Skandinavien. Aber manche sind auch das ganze Jahr über bei uns, also Stand- oder Jahresvögel, sagt Sommer. Sogar von balzenden Pärchen kann der Roßwager berichten. Die haben bei Lomersheim an der Enz schon ihr Duett geträllert, verrät er. Das sei etwas ganz Besonderes, dieser gemeinsame Gesang. „Das kennen wir sonst von unseren heimischen Vögeln nicht“, erklärt der Vogelliebhaber.
Das auffälligste Merkmal des Zwergtauchers ist tatsächlich seine Zwergenhaftigkeit. Die erwachsenen Tiere werden knapp unter 30 Zentimeter lang, also nur ungefähr so groß wie eine Amsel. Eine Stockente verhält sich größentechnisch zu einem Zwergtaucher ungefähr so, wie die Weihnachtsgans zum Spatz. Wenn Tachybaptus ruficollis, so der wissenschaftliche Name, auf dem Wasser schwimmt, sieht es aus, als hätte man einer jungen Amsel das Gefieder buschig geföhnt und sie ins Wasser gesetzt.
Beim Zwergtaucher sehen Weibchen und Männchen äußerlich gleich aus. Und egal, wen man gerade fixiert, beide können tauchen wie Nachbars Lumpi – oder besser gesagt wie dessen Goldfisch. Joachim Sommer meint gar, dass sie die Hälfte der Zeit über und die andere unter Wasser verbringen. Sie necken ihre Beobachter, denn sie tauchen ganz bestimmt nicht wieder am gleichen Fleck auf.
Zwergtaucher sind die kleinsten Vertreters aus der Familie der Lappentaucher. Seine hervorragenden Schwimm- und Tauchfähigkeiten und seinen Namen verdankt der Zwergtaucher den Hautlappen, die sich entlang seiner Zehen befinden. Im Gegensatz zu beispielsweise Enten besitzen diese Tiere folglich keine Schwimmhäute. Ein Verwandter aus der gleichen Familie ist der wesentlich größere Haubentaucher.
Wer den kleinen Kerl so sieht, kann sich nur wundern. Wie schafft es der Zwerg, in der eisigen Enz zu bestehen? Zum einen ist sein Gefieder ausgesprochen dicht und gleicht fast schon einem Pelz. Zum anderen verfügt er, wie andere Wasservögel auch, über ein Gegenstromprinzip des Blutes in den Beingefäßen. Dies beugt einem zu großen Wärmeverlust vor. Die Schlagfrequenz des Herzens kann ebenfalls reduziert werden. Und so taucht er lustig vor sich hin und kann unter günstigen Bedingungen wohl über 15 Jahre alt werden. Dies soll der Fund eines beringten Tieres belegt haben.
Feinde hat er aber auch genug. Gefiederte Jäger aus der Luft schlagen ebenso zu wie Raubfische, die die kleinen Küken verschlucken. Allen voran macht aber der Mensch den Zwergtauchern das Leben schwer, denn der Vogel reagiert sensibel auf Störungen durch Sportler und Sonstiges in seiner Nähe.
Die verbesserte Wasserqualitiät weiß er dagegen zu schätzen und richtet sich gerne auch in Kleinstgewässern häuslich ein. Wenn die Seen und Tümpel zufrieren, wandern aber auch viele Zwergtaucher südwärts. So wird berichtet, dass sich jeden Winter in der Schweiz am Genfer See bis zu 6000 der kleinen Lappentaucher einfinden.
Bei der Partnersuche legt sich das Männchen gerne ins Zeug. Besonders ab März wird der Liebsten imponiert, indem ein Pflänzchen mitgebracht und überreicht wird.
Insgesamt scheinen aber beide an der Balz Gefallen zu finden. Denn der vorher schon erwähnte Balzgesang wird im Duett vorgetragen. Auch der Hochzeitstanz wird von beiden vollführt, indem sie auf- und abtauchen und aufeinander zuschwimmen. Das Nest wird als treibende Heimat auf Unterwasserpflanzen konstruiert. Vom Frühjahr an können zwei Bruten großgezogen werden. Die Eier werden von beiden Partnern bebrütet und nach rund drei Wochen schlüpfen die Kleinen.
Auch jetzt arbeiten die Eltern noch Hand in Hand, oder Lappen in Lappen. Die Zwergtaucherküken werden eine Zeitlang von den Eltern gefüttert. Außerdem dürfen die gestreiften Kleinen einige Tage lang auf dem Rücken eines Altvogels Platz nehmen, um nicht im Wasser auszukühlen. Immer wenn der eine taucht, um zu füttern, hütet der andere die Brut. Schwimmen und tauchen können die Jungtiere als Nestflüchter aber von Anfang an. Vor allem Insektenlarven, Kleinkrebse, Schnecken und Muscheln sind ihre Nahrung. Bei den Erwachsenen kommen auch noch Fische hinzu, die von geschickten Tauchern erwischt werden können. Beim Flug und dessen Start macht der Vogel dagegen eher einen unglücklichen Eindruck. Der Zwergtaucher muss etliche Meter auf der Wasseroberfläche Anlauf nehmen, bis er abhebt. Und dann flattert er recht plump durch die Luft. Er ist eindeutig ein Vogel, der fürs Schwimmen und Tauchen gemacht ist.
Ob die Tierart gefährdet ist, darüber lassen sich verschiedene Autoren unterschiedlich aus. Sicher scheint, dass der Vetter des Zwergtauchers aus Madagaskar, der Delacour-Zwergtaucher, augestorben ist. Er machte im Mai wohl zum letzten Mal Schlagzeilen, als seine Auslöschung von dieser Erde verkündet wurde.
So weit ist’s beim Zwergtaucher noch nicht. Was für ein Glück. Und wenn er sich einmal in Ruhe angucken lassen würde, wäre das fast so schön wie Weihnachten.
Sabine Rücker
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