KW 48 - Gartenkreuzspinne vernascht Mann
Liebe Leser,
mit seiner Kamera hat ein Leser aus Vaihingen ein Drama im Alltag dokumentiert. Ein frisch verliebtes Spinnenmännchen wird auf den Bildern jäh aus dem Leben gerissen.
Ein zarter Spinnenmann haucht in den Fängen seiner robusten Liebsten sein Leben aus. Den Fotografen Joachim Kathariner hat der Anblick dauerhaft erschüttert. Nach Informationen unserer Zeitung wird die Abfolge der grausigen Spinnenhochzeit zur Schock-Bewältigung immer wieder mal erzählt.
Kathariner hat das Pärchen als Gartenkreuzspinnen identifiziert. Das scheint korrekt. Jeder kennt sie irgendwie, diese Gartenkreuzspinnen, und sei es nur vom Blick aus dem Augenwinkel. Und doch weiß man herzlich wenig über ihr Dasein. Auf jeden Fall wurde der Tierart in diesem Jahr eine Ehre zuteil: Sie trägt den Titel „Europäische Spinne des Jahres 2010“.
Dieser Ritterschlag löst normalerweise Sorge um das geehrte Wesen aus, was allerdings in diesem Fall unbegründet ist. Denn das Gliedertier mit den acht Beinen wurde nicht wegen akuter Gefährdung des Bestandes gekürt, sondern eher als einer der bekanntesten Vertreter der Tiergruppe gehuldigt. „Betrachten wir die Gartenkreuzspinne im Speziellen, aber Spinnen allgemein als Nützlinge“, schreibt die Arachnologische Gesellschaft, die das Tierchen mit dem Titel ausgezeichnet hatte.
An der Spinne zeigt sich die Schwierigkeit des Begriffs Schönheit. Denn eigentlich ist die bis zu 1,7 Zentimeter lange Spinnendame schön. Die Gartenkreuzspinne ist auf ihre Art entzückend. Araneus diadematus, so die wissenschaftliche Bezeichung, brilliert mit feinem Muster auf dem Buckel und das Weibchen zudem mit einem feisten Körperbau. Die Zeichnung auf dem Rücken, die einem Kreuz ähnelt, verleiht der Art den Namen. Die Gartenkreuzspinne gehört zur Familie der Radnetzspinnen, die in Europa mit rund 50 Arten vertreten sind, und hat als solche steif behaarte Beine. Diese Härchen gebraucht die Spinne als feine Fühler für das, was in ihrer Umgebung geschieht.
Das Leben einer unserer häufigsten Spinne beginnt gut geschützt als Ei in einem ganz speziellen Kokon. Gelbliche Fäden hüllen die Nachkommen ein, die dort überwintern. Die Spinnenmutter gibt sich beim Bau der guten Stube im September/Oktober viel Mühe. Dort schlüpft und überwintert das Jungvolk und schwärmt erst im folgenden Frühjahr aus.
Wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben gelingt es den Spinnen, ein stabiles Netz zum Beutefang zu bauen. Vornehmlich nachts machen sie sich daran, zunächst das alte Netz zu entfernen, indem sie es fressen und wiederverwerten. Beim Bau der neuen Falle für Fliegen und Co. gehen die Tiere nach einem ganz speziellen Muster vor. Meist wird in Bodennähe gebaut, wo auch mal ein unglücklicher Grashüpfer im Radnetz landen kann. Zunächst wird mit den Spinnwarzen am Hinterleib eine Art Außenrahmen gebaut. Dort hinein zieht die Spinne von innen nach außen die Speichen ihres Radnetzes. Immer wieder erspürt sie dabei mit den Beinen, wo noch eine Lücke geschlossen werden muss. Danach folgt, ebenfalls von innen nach außen ein Spiralwerk, um dem Gebilde Stabilität zu verleihen. Und zu guter Letzt wird, nun von außen nach innen, Runde um Runde der Fangfaden eingezogen. In ihm zappelt später die Beute an Leimtröpfchen.
Die weibliche Spinne hat nämlich schier unglaubliche Möglichkeiten in Sachen Spinnfäden. Mit sechs Spinndrüsen kann sie sieben unterschiedliche Spinnfäden produzieren. Darunter jene Fangspirale mit den klebrigen Tröpfchen. Die Produktion von „Klebstoff“ unterscheidet sie von Spinnenarten, die sich auf eine andere Taktik verlassen, nämlich die, dass ihre Beute sich in einer feinen Fangwolle verheddern. Vor allem bei Spinnenarten in trocken-heißen Gebieten scheint das von Vorteil, denn der klebende Substanz der Gartenkreuzspinne braucht Feuchtigkeit zum Quellen. Die Tröpfchen werden auf den Faden gesetzt und entfalten erst duch das Aufquellen mit Wasser ihre Qualitäten als Tierfänger.
Auch an Netzarten mangelt es im Spinnenreich nicht. Von Baldachin-, über Trichter-, bis zu Wurfnetzen reicht die Pracht. Die Art und Weise ist typisch für die jeweilige Spinnenart.
Die Gartenkreuzspinne sitzt nun also in ihrem schönen Radnetz. Verfängt sich darin ein Beutetier, spürt die Spinne dies in ihrer Ruheecke. Eines ihrer vielen Beine ruht auf einem Signalfaden, der das Gezappel der Beute zur Jägerin weiterleitet. Bei Alarm zupft sie die Speichen durch, um zu fühlen, wo genau der Imbiss festsitzt. Dann eilt sie hin, greift ihr Opfer, dreht es eifrig zwischen den Beinen und überschüttet es geradezu mit Spinnfäden. Dann erst wird das lähmende Gift mit den Kieferklauen injiziert, das Opfer mit Verdauungssäften aufgelöst und schließlich aufgeschlürft.
Im zweiten Sommer ihres Lebens erlangen die Gartenkreuzspinnen nach der letzten Häutung ihre Geschlechtsreife. Für das Männchen beginnt nun eine unstete Zeit, denn es macht sich auf die Suche nach einer Braut. Diese strömt einen unwiderstehlichen Duft aus.
Doch das deutlich kleinere Männchen kann sich nach erfolgreicher Suche nicht entspannt freuen. Denn jetzt beginnt für den Bräutigam der Horrortrip der Paarung. Ein Schrittchen vor und zwei zurück, lautet dabei die Devise des Herrn. Denn die Begehrte schwankt zwischen Jagd- und Paarungstrieb. Wer Pech hat unter den Männchen, der wird nach dem Akt vernascht. Wer ganz viel Pech hat, der wird ohne Akt vernascht. Ein Schicksal, das wohl unseren Liebestollen auf den Bildern ereilte und Fotograf Kathariner besonders mitnimmt.
Jedenfalls zupft das Männchen um sein Leben, um über die Vibrationen am Faden die Auserwählte gnädig zu stimmen. Sobald es den Anschein hat, als wäre die Dame ihm gewogen, schiebt er sich Stück für Stück an das Prachtweib heran.
Immerhin hat er sich sorgfältig für den Moment der Begattung vorbereitet. Mit Romantik hat das Geschehen wenig zu tun, eher mit Überlebenschancen. Hat er es also geschafft, die Große zu besänftigen, führt er sein Sperma blitzschnell in deren spezielle Aufbewahrungsbehälter an der Körperunterseite ein. Und zwar tut er das mit seinen Kiefertastern. Dort hat er in weiser Voraussicht seine Spermien deponiert. Befruchtet werden die Eier des Weibchens erst kurz vor dem Legen. Sterben müssen beide Elternteile, kurz nachdem sie für Nachwuchs gesorgt haben. Das Männchen unter Umständen eben früher.
Bei der Gartenkreuzspinne handelt es sich um eine Art, die gerne im Freien lebt. Mit ihren Giftklauen kann sie im Normalfall die menschliche Haut nicht durchdringen. Wenn doch, dann soll die Wirkung zwar unangenehm, aber nicht bedrohlich sein.
Obwohl Naturbeobachtungen, wie das Beispiel unseres Fotografen zeigt, psychisch durchaus belastend sein können, will ich das auch mal sehen. Im nächsten Jahr dann, wenn die Tiere wieder wuseln. Denn jetzt sitzt das Spinnenweibchen in der Winterstarre und träumt davon, ihr erstes Männchen zu vernaschen.
Die Weihnachtsbotschaft an unsere Männer lautet folglich: Seid froh, dass ihr uns habt und lasst Geschenke sprechen. Das mit dem Vernaschen ist wieder eine andere Sache...
Sabine Rücker
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s.ruecker@vkz.de

