KW 47 - Der Kammmolch: berühmt und berüchtigt
Liebe Leser,
vielleicht ist es bei Ihnen die Eiche, das Eichhörnchen, die Bergwelt oder der Spatz. Wohl jeder von uns liebt ein Stückchen Natur ganz besonders. Möglicherweise sogar den Kammmolch.
Der Kammmolch hat das geschafft, wovon viele träumen. Fast jeder kennt ihn. Zugegeben, in der Balzzeit sieht das Männchen mit seinem Rückenkamm proper aus. Aber Molch bleibt Molch. Trotz allem hat das Tierchen es in letzter Zeit in die Schlagzeilen geschafft. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen hält das Naturschutzgesetz über die Amphibien seine behütende Hand, zudem ist der Kleine als streng zu schützende Art nach den europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien etwas ganz Besonderes. Das gilt auch für die Kammmolche unserer Region, zum Beispiel im Stromberg.
Für Medienrummel braucht es aber mehr: Eine Population der Kammmolche lebt dort, wo die Autobahn 44 gebaut werden soll. Zwischen Helsa und Hessisch Lichtenau, im schönen Nordhessen, entsteht ein neuer, sechs Kilometer langer Abschnitt der A44. Der Hessische Rundfunk meldet, dass nun für den Kammmolch aus Naturschutzgründen ein zusätzlicher Kilometer untertunnelt werden muss. Geschätzte Mehrkosten: 50 Millionen Euro. Das wiederum nahm der Steuerzahlerbund zum Anlass, die Kosten in seinem sogenannten Schwarzbuch zu kritisieren. Rund 98 000 Euro pro Lurch müssten bei dem Vorhaben hingeblättert werden.
Dies brachte den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen auf die Palme. Populistisch und falsch sei die Aussage, schimpften die Naturschützer in einem offenen Brief vom 30. Oktober. Die Population der Tierart umfasse nicht 500, sondern 5000 Individuen. Pro Molch bedeute das also weniger als 9800 Euro Mehrkosten. Nur drei Prozent der Gesamtkosten der Neubautrasse in Höhe von 1,4 Milliarden Euro würden für Naturschutzmaßnahmen anfallen. Und von der Untertunnelung würden auch die Bewohner der anliegenden Ortschaften profitieren.
Außerdem verweisen die Naturschützer auf das Internationale Jahr der Biodiversität und auf Ökosystemdienstleistungen. Das sind zwei Begriffe, die näher beleuchtet gehören. Zur Biodiversität zählen unter anderem die Vielfalt der Arten, die Vielfalt an Lebensräumen und die genetische Vielfalt.
Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler, den materiellen Wert dieser Vielfalt zu beziffern. Charismatische Arten wie Eisbär und Tiger dürfen sowieso auf Sympathien hoffen. Was aber tun, wenn der Kammmolch vom Untergang bedroht ist? Er ist eher kein Ausbund an Schönheit und Spektakel. Naturschützer der frühen Tage hatten damit zu kämpfen, für den Schutz von Molch und Co. auf Grundsatzreden und Gefühlsduseleien zurückgreifen zu müssen. Der Schutz der Natur, lediglich begründet mit dem gleichen Recht aller Lebewesen auf Leben, hatte mitunter nur bedingte Überzeugungskraft.
Mittlerweile können mächtige Zahlen als schlagende Argumente herhalten. Eine von Deutschland und der EU-Kommission im Jahr 2007 initiierten Studie mit dem Titel „Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität“, mit englischem Kürzel Teeb, brachte sie hervor. In diesem Zusammenhang taucht der Begriff Ökodienstleistung auf. Wie ist das zu verstehen?
Die Natur leistet Lebensnotwendiges für uns Menschen. Zu den Ökodienstleistungen durch die Natur zählt zum Beispiel der Schutz vor Überschwemmungen, vor Bodenerosion und die Speicherung von Kohlenstoff. Pflanzen binden beim Wachstum Kohlendioxid aus der Luft und formen sich daraus selbst. Bei Bäumen kann die gebundene Kohlenstoffmenge rund 50 Prozent der Biomasse ausmachen. Eine ganze Menge Holz, sozusagen. Schutzwürdige Gebiete der Erde leisten Dienste für die Menschen im Wert von fünf Billionen Dollar pro Jahr, so ein Ergebnis der Studie. Für den Schutz dieser Ökosysteme seien circa 45 Milliarden pro Jahr zu veranschlagen. Ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1:100. Allein die Arbeit, die Insekten weltweit beim Bestäuben verrichten, wird mit 150 Milliarden Euro pro Jahr beziffert.
Schon in den 80er Jahren berechnete der Biochemiker Frederic Vester den Wert eines Blaukehlchens, damals noch in Mark und Pfennig. Der Materialwert des Vögelchens wurde mit drei Pfennig angenommen. Als Leistungen des Vogels wurden unter anderem das Vertilgen von Insekten und das Verbreiten von Samen zugrunde gelegt. Zehn Pfennig, der Wert einer Beruhigungstablette, sei das Tierchen zudem wert, weil es das menschliche Gemüt erfreut. Circa 300 Mark kamen so beim Blaukehlchen zusammen.
Die Gedankenspiele, den Wert der Natur akribisch zu berechnen, lösen aber auch helles Entsetzen aus. Es sei nun endgültig eingetreten, was zu befürchten war, sagt Biologe Jürgen Gerdes in der Zeitschrift „Natur und Kosmos“. „Die Artenvielfalt dieser Welt soll allein wegen ihres wirtschaftlichen Nutzens erhalten werden.“ Tiere und Pflanzen würden so zur bloßen Ressource degradiert. Gerdes: „Bei jedem Blaukehlchen würden wir nur noch das Preisschild an seinem Bürzel flattern sehen. Allerdings nur, solange wir uns das Vögelchen auch leisten wollen.“
Da hat er irgendwie auch recht. Ist nicht die Schönheit und Wildheit der Berge unbezahlbar? Wer mag die Freude beziffern, die Menschen beim Anblick eines Rotkehlchens beseelt? Das Rauschen der Blätter, das Gaukeln der Schmetterlinge, Vogelgezwitscher, Wellenplätschern, das trifft uns ins Herz und hält uns ein Stück weit gesund. Behaupte ich einfach mal.
Aktuelle Aussterberate
hundert- bis tausenfach erhöht
Doch die Gegenwart lässt Schlimmes ahnen. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit schreibt, dass das weltweite Artensterben momentan hundert- bis tausendfach höher ist als die natürliche Aussterberate. 23 Prozent aller Säugetiere, zwölf Prozent der Vögel und 31 Prozent der Amphibien seien beispielsweise vom Aussterben bedroht. Allen Naturschutzbemühungen zum Trotz.
In Deutschland wird der Beginn des nationalen Naturschutzes am Ende des 19. Jahrhunderts gesehen. Musikprofessor Ernst Rudorff soll sich ab 1880 für die „Schonung landschaftlicher Eigentümlichkeit“ und den Erhalt der „Natur in ihrer Ursprünglichkeit“ ausgesprochen haben – und prägte 1888 das Wort „Naturschutz“. Im selben Jahr trat das Reichsvogelschutzgesetz in Kraft, schreibt das Bundesamt für Naturschutz. Heute ist der Naturschutz auf Bundes- und Landesebene gesetzlich verankert.
Ende Oktober 2010 ging die Naturschutzkonferenz der Vereinten Nationen im japanischen Nagoya zu Ende. Als Ergebnis konnten sich die Teilnehmer auf ein 20-Punkte-Programm einigen, mit dem der Verlust der Lebensvielfalt bis 2020 eingedämmt werden soll. Ehrwürdige Ziele für eine bessere Zukunft der Erde.
An dieser Stelle kann sich jeder einmal selbst an die Nase fassen. Gibt es wilde Ecken für Igel, Insekten und Wildkräuter im Garten? Spiegelt sich die Naturliebe im Verhalten als Verbraucher wider? Wann wurde mal bewusst aufs Autofahren verzichtet? Und so weiter und so fort. Die Kammmolche im kalten Nordhessen tragen sich wohl kaum mit solch schweren Gedanken. Für sie hat der BUND das Wort ergriffen: „Es ist deshalb unredlich, wenn der Kammmolch als Sündenbock herhalten muss für eine überflüssige und fehlerhafte Autobahnplanung durch einen hochsensiblen Naturraum.“ Die Molchpopulation stehe stellvertretend für ein wichtiges Ökosystem, wird Bundesumweltminister Norbert Röttgen zitiert. Merke: Will der Molch in Urlaub fahr’n, nutzt er flugs die Autobahn, doch der Lurch will gar nicht geh’n, dort wo er lebt, ist’s nämlich schön.
Sabine Rücker
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