Freitag, 25. Mai 2012

KW 46 - Gestatten: Balkenschröter!


Lieben Totholz: die Balkenschröter, links er, rechts sie. Foto: Rücker
Lieben Totholz: die Balkenschröter, links er, rechts sie. Foto: Rücker

Liebe Leser,
die Balkenschröter sind unter uns. Werner Adam aus Vaihingen hat sie entdeckt und identifiziert. Nach einem Ausflug in die Redaktion wurde ihnen die Freiheit wieder geschenkt.
Von Sabine Rücker
Sein Name ist Schröter, Balkenschröter. Das klingt ein wenig verwegen und erinnert entfernt an Politiker. So heißt aber ein Tier mit starkem Kiefer und sechs Beinen. Der Balkenschröter ist ein Käfer, der von seinem Aussehen her dem kapitalen Hirschkäfer ähnelt.
Das ist verständlich, denn die Arten sind eng miteinander verwandt. Sie gehören beide zur Familie der Schröter, wissenschaftlich Lucanidae. Gerne wird der Balkenschröter auch als Zwerghirschkäfer bezeichnet. Sein wissenschaftlicher Name geht schwerer in den Kopf, denn er heißt Dorcus parallelipipedus.
Der Balkenschröter ist ein fideler, zwei bis drei Zentimeter großer Bursche, der Bäume liebt. Als Larve nagt er sich durch totes Holz, als erwachsener Kerf schlürft er gerne Baumsäfte. Bei Werner Adam in der Vaihinger Kehlstraße kam er ans Tageslicht, als ein toter Apfelbaum sich letztendlich in die Waagrechte begab. Der Baum im Garten hatte schon länger das Zeitliche gesegnet, erzählt Adam. Vor wenigen Tagen fiel er dann schließlich um. Eine Schicht wie Schweizer Käse und Sägemehl zeigte sich dort, wo früher der Stamm in die Höhe ragte. Zehn Käfer und einige Larven hat Adam an dem Strunk gezählt. Ein paar Exemplare hat er in die Redaktion gebracht und danach wieder ausgewildert.

Die Tiere gehören zur ökologischen Gruppe der Totholzkäfer. In Baden-Württemberg sind laut der Landesanstalt für Umweltschutz 1116 Arten in dieser Gruppierung gelistet, Stand 2001. Totholzkäfer fühlen sich, wie ihr Name schon sagt, im toten Holz wohl. Wer sich Totholzkäfer nennen will, sollte zumindest eine Vorliebe zu kranken und sterbenden oder schon toten Bäumen haben. Solche Käfer oder deren Larven fressen das Baummaterial oder die Pilze, die darin wuchern. Wieder andere nutzen die morschen Äste und Stämme, um dort auf die Jagd zu gehen. Halali im Totholzstamm.
Der Balkenschröter beginnt sein drei bis vier Jahre währendes Leben im Innern einer Baumleiche. Damit sich diese Käferart ansiedelt, muss der „Zersetzungsprozess bereits fortgeschritten“ sein, schreibt Adrienne Frei auf den Internetseiten von Waldwissen. Dieses Insekt schädigt folglich keine gesunden Bäume, sondern kommt erst, wenn das Gehölz schon tot ist.
Gerne nistet sich der Käfer in Buchen und Eichen ein. Aber auch in Obstbäume und anderen Laubgehölzen kann er es sich gemütlich machen. Ist die Larve geschlüpft, tut sie, was man so in der Dunkelheit des Bauminnern tun kann: fressen. Das Holzsubstrat samt der darin wachsenden Pilze scheint ihr als Kraftfutter zu genügen.
Im Laufe von zwei bis drei Jahren beißt sich die Larve durch ihre hölzerne Heimat und sorgt nebenher für deren Abbau. Die Holzreste, die der Vaihinger Adam mitgebracht hatte, lassen auch bei den Larven auf starke Kiefer schließen. Denn die Substanz ist löchrig wie ein Schweizer Käse. Nach mehreren Häutungen verpuppt sich die wurmähnliche Gestalt zum flugfähigen Käfer, der übrigens merkbar zwicken kann. Die Verpuppung erfolgt in einer sogenannten Puppenwiege. Sehr schön, dieser Begriff. Was eine Puppenwiege aber zu einer solchen macht, darüber konnte ich leider nichts Gehaltvolles finden.
Jedenfalls schlüpft er dort im Sommer und bleibt sinnigerweise den Winter über noch in jener Puppenwiege. Vermutlich sind Werner Adams Käfer solche frisch geschlüpften Tiere gewesen, die sich für den Winter gerüstet hatten. Als Larve bevorzugt der Balkenschröter stehendes und oberirdisches Material, wohingegen die Hirschkäfer meist unterirdische Holzteile bewohnen.
Ab Mai kommen die Balkenschröter aus ihrem Stamm gekrochen, um sich einige Wochen lang der Partnerfindung und Vermehrung zu widmen. Dann ist das Käferleben auch schon wieder beendet.
Der Balkenschröter ist als erwachsenes Tier durchaus flugfähig, aber etwas träge. Gerne bewegen die Käfer sich in der Abenddämmerung und sind grundsätzlich sowohl tag-, als auch nachtaktiv. Wenn es aber darum geht, ein Weibchen zu beeindrucken, legen sich die Männchen doch ins Zeug. Wie bei ihrem Vetter, dem „echten“ Hirschkäfer, lassen sie bei sogenannten Kommentkämpfen die Muskeln spielen. Vermutlich schieben sie sich, wie ihre großen Verwandten die Hirschkäfer, auf einem Schauplatz mit ihren Mundwerkzeugen hin und her. Das könnte die Weibchen entzücken. Nach der Paarung legt das Weibchen Eier in verschiedene Stellen des morschen Holzes. Die Eltern sterben und die nächste Generation wächst heran.
Solche fetten Käfer und die Larven im Holz sind im Nahrungsnetz der Natur ein gefundenes Fressen beispielsweise für Fledermäuse, Specht und Eulen.
Dieser Zwerghirschkäfer bereitet mir ein wenig Kopfzerbrechen. Es bleibt nämlich ein Rätsel, ob die Tierart nun als gefährdet eingestuft ist oder nicht. Manche Autoren nennen den Balkenschröter für Baden-Württemberg als Art der Roten Liste gefährdeter Tiere. Bei der Landesanstalt für Umweltschutz wird er auf der Roten Liste der Totholzkäfer dagegen als ungefährdet geführt. Es scheint, als sei der Balkenschröter kleinräumig mal stark und mal schwach vertreten.
Für den Staatswald in Baden-Württemberg wurde für Tierarten, die morsches Holz lieben, eigens ein Alt- und Totholzkonzept entwickelt. Bis zum Jahr 2020 sollen rund sieben Prozent der Staatswaldfläche einer natürlichen Entwicklung überlassen werden, unter anderem durch Umsetzung des Konzeptes. Somit soll die Biodiversität, also die biologische Vielfalt, im Wald erhalten und verbessert werden.

Apropos biologische Vielfalt. Das von den Vereinten Nationen 2010 ausgerufene „Internationale Jahr der Biodiversität“ neigt sich dem Ende zu. Just in dieser Phase sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim CDU-Bundesparteitag vor wenigen Tagen: „Es kann nicht richtig sein, dass Juchtenkäfer oder Kammmolche herhalten müssen, um solche Projekte zu verhindern.“ Gemeint waren Großprojekte wie Stuttgart 21.
Eine rein hypothetische Überlegung zu diesem Satz: Vielleicht verbirgt sich dahinter die Ankündigung des nächsten Jahres-Mottos. Möglicherweise plant die Bundesregierung für 2011 das „Nationale Jahr der beschleunigten Evolution“ auszurufen. Survival of the fittest, das Überleben der fittesten Arten, und zwar ziemlich zackig, steht dann im Mittelpunkt. Nur die Besten sollen bleiben.
Um diesen Zustand schnell zu erreichen, könnten die Naturschutzbehörden auf Bundes- und Landesebene einfach aufgelöst werden. Die boomende Baubranche nähme die arbeitssuchenden Beamten auf. Groß- und Megaprojekte würden sich völlig ungehindert durchs Land schieben. Die Artenzahl der Flora und Fauna dürfte sich wie gewünscht schnell reduzieren.
Der Ausblick zu diesem Szenario:
Einige Jahre später weht der Wind durch Hochhausschluchten. Angela Merkel, heißt es, lebe nun in Grönland. Um die Eisbären und das Klima zu schützen.
Wenige Jahrhunderte später weht der Wind durch Ruinen. Menschen? Keine. Eichen wuchern dort, wo einmal City war. Ein Käfer krabbelt aus seiner Baumhöhle. In der Pfütze nebenan suhlt sich der Molch, der Efeu greift nach Mauerresten.
Die Besten sind geblieben.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de



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