Freitag, 25. Mai 2012

KW 45 - "Ich sehe was, was du nicht siehst"


Welches Damen-Duo ist größer? Antwort: Sie sind gleich groß. Bild: Anton/Wikipedia
Welches Damen-Duo ist größer? Antwort: Sie sind gleich groß. Bild: Anton/Wikipedia

Leibe Lseer,
oh, Verzehiung, der Buchstabensalat kommt erst später. Heute geht’s um Kinderspiele, die keine sind, wie „ich sehe was, was du nicht siehst“. Wieso? Weil sich jedes Gehirn seine eigene Wirklichkeit zurechtlegt. Von Wahrnehmung, Politikersprache und Buchstabengewirr handelt die heutige Folge.

Ich sehe was, was du nicht siehst – und zwar so gut wie immer. Wenn verschiedene Personen, womöglich noch aus unterschiedlichen Kulturkreisen, eine Szene beschreiben sollen, zeigt sich das. Männer und Frauen werden ebenfalls selten die gleichen Dinge für erwähnenswert halten. Unser innerstes Wesen prägt also mit, was wir bewusst von außen wahrnehmen.
Das Zusammenspiel zwischen Augen und Gehirn spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Denn beide haben in gewisser Weise die Macht. Sieht das Auge Spektakuläres, macht es das Gehirn darauf aufmerksam. Umgekehrt gibt die Denkstube Befehle an die Augen. Für beide Strategien werden im Kopf unterschiedliche Areale aktiviert. „Innerhalb von rund einer Viertelsekunde hat das Gehirn alle relevanten Informationen über das Was und Wo aus dem Bild gewonnen. Bis heute ist allerdings nicht bekannt, wie es diese verschiedenen Aspekte zu einem Gesamteindruck kombiniert“, erklärt das Wissenschaftsmagazin „Quarks und Co“. Schon vergleichsweise geringe Störungen dieser Vorgänge können zu großen Einschränkungen beim Menschen führen. Manche Schlaganfallpatienten können zwar noch den Befehl denken, etwas anschauen zu wollen. Die Augen führen diesen aber nicht mehr aus. Doch selbst beim Gesunden ist nicht alles Gold war glänzt. Optische Täuschungen lassen den Sehapparat und die Nervenzellen verrückt spielen, siehe Bild unten. Dann hält man Dinge für echt, die es so nachweislich nicht gibt.
Achtung Test: Dass unesr Hrin acuh mit geshcriebenen Qutasch gnaz gut zuercht kmomt, ziegt diseer Buhcstabneslaat. Das Auge erfasst den obigen Murks und leitet ihn weiter an die Schaltzentrale. Das Gehirn lässt sich von dem Chaos nicht sonderlich beeindrucken, korrigiert das ganze und gibt der Sachen einen Sinn. Zumindest der erste und der letzte Buchstabe sollte aber an der richtigen Stelle stehen. Es ist sogar so, dass mit zunehmendem Alter nur noch einige Wörter pro Satz bewusst aufgenommen werden. Den Rest fabuliert sich das Hirn aufgrund seines großen Erfahrungsschatzes selbst zusammen. „Im Schweinsgalopp schaffen die Augen so vierhundert Wörter pro Minute, wobei etwa die Hälfte unbesehen vom Gehirn ergänzt wird“, steht in der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“.
Wie der Satz mit dem Buchstabensalat oben zeigt, neigt unser Gehirn dazu, sich seine eigene Wirklichkeit zu schaffen. „Denn das, was wir als Wirklichkeit zu kennen glauben, ist ein Produkt unseres Gehirns“, lautet die Aussage bei „Quarks und Co“. Dabei lässt sich unser Denkorgan leicht beeinflussen, dummerweise oft, ohne dass wir es merken. Marketingexperten wissen das und bauen bei ihrer Werbung darauf. Politiker wissen das auch. Die Sprach- und Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Wehling befasst sich an der University of California mit dem „Einfluss von Sprache auf politisches Denken und Handeln“.Von klein auf verknüpft jeder von uns Worte mit Wertungen und Vorstellungen. Hören wir ein Wort, errechnet das Gehirn eine Bedeutung dazu. Es lässt einen sogenannten Frame, einen Deutungsrahmen, anspringen. Nehmen wir das Wort Steuererleichterung. Steuern sind bei den meisten Menschen negativ besetzt, eine Erleichterung von dieser Last wird daher als positiv angesehen. Je öfter der Wähler mit diesem Wort berieselt wird, umso stärker wird die Verschaltung, also umso stabiler wird der Deutungsrahmen. Sprache verursacht folglich heimlich, still und leise Veränderungen in unserem Gehirn.
Ein schönes Beispiel aus der Neuzeit scheint meines Erachtens das Wort Magistrale. Ja, genau, die Magistrale. Die Strecke Paris-Stuttgart-Bratislava hat sich im Zusammenhang mit Stuttgart 21 und der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm in unsere Köpfe gebohrt. Bei einem Scheitern des Großprojektes drohe, abgehängt zu werden. Worte, die sicherlich Bedeutungsrahmen im Kopf aktivieren.
Jetzt da ich sie geschrieben, und Sie sie gelesen haben, hat sich deren Bedeutung in unseren Köpfen erneut verfestigt. Brauchen sie aber gar nicht so sehr, wie der Zuschauer der Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 am vergangenen Freitag erfuhr. Die lange Strecke, Sie wissen schon welche, war plötzlich im Zusammenhang mit der Neubaustrecke Stuttgart-Ulm eher lästig. Bahnvorstand Dr. Volker Kefer: „Die Diskussion über die Magistrale ist eine Diskussion, die können wir hier sofort abschließen. Sie ist nämlich für die Wirtschaftlichkeit, für die Wirtschaftlichkeit der Strecke, komplett irrelevant.“ Das Thema sollte möglichst schnell abgewürgt werden.
Das rief Schlichter Dr. Heiner Geißler auf den Plan. „Diese Magistrale Paris-Stuttgart-Bratislava ist natürlich schon eine Begründung gewesen, um auch den Bahnhof hier und die Neubaustrecke zu realisieren, und zwar in offiziellen Erklärungen, auch der Bundesregierung – nicht wahr – ist das immer wieder genannt worden.“ Die Schlichtung. Eine tolle Sache, meiner Meinung nach, versteht sich. Sie kann interpretiert werden als die Suche nach der Wahrheit. Wahrheit, ein Begriff mit philosophischem Potenzial. Wahrnehmung und Wirklichkeit schwingen da mit. Und da sind sie wieder, die Probleme unseres Geistes, wie zum Beispiel die selektive Wahrnehmung. Wer einen spannenden Film schaut, der blendet, was um ihn herum vorgeht, einfach aus.
Gute Erinnerung an das, was uns am besten in den Kram passt
Auch der Bestätigungsfehler ist ein allgegenwärtiger menschlicher Wesenszug. Er beschreibt unsere Neigung, bevorzugt Informationen aufzunehmen, die unsere Meinung bestätigt. Hierzu zählt zum Beispiel das selektive Erinnern, bei dem man sich nach einer Diskussion am besten an die guten Argumente der eigenen und an die dummen der anderen Partei erinnern kann.
Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können, zeigt sich ebenfalls am Beispiel der aktuellen Schlichtung. Manche Beobachter befürchten, dass am Ende der Schlichtungsgespräche ein Kompromiss stehen könnte, für den die Bauherren noch tiefer als bisher in die Tasche greifen müssen. Andere meinen, dass die Ursache von Verteuerungen nicht die Gespräche an sich sind. Sondern vielmehr der Umstand, dass immer wieder ungelöste Details des sogenannten Jahrhundertprojekts ans Tageslicht kommen. So erfuhr der Zuschauer unter anderem , dass der geplante Fildertunnel beim Notfallplan der S-Bahnen eine wichtige Rolle spielen soll. Diese dürften aber ohne weitere Nachrüstung dort gar nicht fahren, räumten die Vertreter der Bahn in der zweiten Schlichtungsrunde ein. Bei der einmaligen, erstmaligen Schlichtung dieser Art im Stuttgarter Rathaus hat jedenfalls jeder die Chance, sich direkt ein Bild vom Geschehen zu machen. Sei es live vor Ort, am Bildschirm oder später im Internet. Diese Übertragungen sind für mich das Spannendste, das zurzeit über den Bildschirm flimmert. Andere finden’s öde und überflüssig.
Ganz Mutige können sich beim Schauen gedanklich einmal auf die Seite der Gegenpartei stellen. Ein Selbstversuch, der sich für Projektbefürworter und Gegner gleichermaßen eignet.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de



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