KW 44 - Hilfe für den Gartenrotschwanz
Liebe Leser,
heute sind wir unserer Zeit voraus, denn es geht um den Vogel des Jahres 2011. Es ist der Gartenrotschwanz, ein kleiner Kerl mit Schmackes. Der Titel, den er errungen hat, deutet vor allem auf die Bedrohung seiner Art hin.
Der Gartenrotschwanz verbringt bei der Jungenaufzucht bis zu 18 Stunden pro Tag mit Futtersuche und füttern. Alle Wetter! Und ich dachte immer, Pflege und Aufzucht von Menschenkindern seien anstrengend. Beim Zug in das Winterquartier und zurück zu uns legt der Singvogel zudem jeweils bis zu 8000 Flugkilometer zurück.Da fällt mir spontan der Urlaub in Kroatien ein, bei dem ich nach elf Stunden Fahrt mehr tot als lebendig aus dem Auto stürzte. Das waren gerade mal 1000 Kilometer mit einem weichem Sitz unterm Hintern samt Klimaanlage.
So zäh der kleine Gartenrotschwanz sein mag, so gefährdet ist doch sein Bestand. Nur noch maximal 160 000 Brutpaare werden in Deutschland vermutet. Vor 30 Jahren sangen noch mindestens dreimal so viele Gartenrotschwänze ihr Liedchen. „Die Gefährdung ist daher Grund für die Wahl zum Vogel des Jahres 2011“, heißt es beim Naturschutzbund (Nabu). Der Nabu und der bayerische Landesbund für Vogelschutz heben mit der Wahl zum Vogel des Jahres mahnend den Finger. Die Verbände machen aber auch deutlich, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, dem Vögelchen zu helfen.
Denn der Gartenrotschwanz kann sich in menschlicher Nähe durchaus wohl fühlen. Er ist etwas kleiner als der Spatz und sticht durch eine farbenprächtige Erscheinung eher ins Auge. Zumindest, was die Männchen angeht. Diese schmücken sich mit schwarzem Halsband, roter Brust und einer weißen Augenbinde. Die Weibchen begnügen sich mit Brauntönen.Phoenicurus phoenicurus heißt der emsige Insektenfresser wissenschaftlich, der in unserer Gegend am liebsten in giftfreien Streuobstwiesen lebt. Dort findet er das, was er zum Leben braucht. Der Halbhöhlen- beziehungsweise Höhlenbrüter liebt die Tiefen in alten Hochstämmen. Diese hohen Obstbäume stehen im besten Fall auf einer Wiese, die mit vielen Kräutern und somit Blüten noch mehr Insekten für den Gartenrotschwanz lockt.
Freuen kann sich Dr. Markus Rösler aus Ensingen. Bei ihm brütet schon seit Jahren ein Gartenrotschwanz-Pärchen hinterm Haus. Biologe Rösler ist Sprecher des Nabu-Bundesfachausschusses Streuobst und plädiert für den Erhalt und die Pflege der Streuobstwiesen. „Der Gartenrotschwanz ist ein Vogel, für den zwei Punkte wichtig sind“, sagt Rösler. Er brauche die alten Bäume mit Höhlen, um beim Brutgeschäft ein Dach über dem Kopf zu haben. Und in seinem Lebensraum dürfen weder Pestizide noch Herbizide zum Einsatz kommen. Sonst werde ihm die Nahrungsgrundlage entzogen.Im EU-Vogelschutzgebiet Stromberg habe eine aktuelle Untersuchung zum Vorkommen des Gartenrotschwanzes Erfreuliches ergeben. „Mit bis zu 400 Brutpaaren haben wir dort ein überregional bedeutsames Vorkommen“, sagt Rösler. Und zwei Drittel dieses Vorkommens wiederum brüte in Streuobstwiesen. Ganz bewusst sei der Vogel aus der Familie der Schnäpperverwandten als Flaggschiff fürs neue Streuobst-Apfelschorle von Ensinger Mineral-Heilquellen gewählt worden. Er ziert das Etikett des Getränks, das Saft der Früchte von lizenzierten Streuobstwiesen aus der Region enthält.
Da der hübsche Sänger sich von Krabbelgetier ernährt, muss er im Winter das Ländle verlassen. Dafür zieht er gen Süden bis nach Afrika, noch über die Sahara hinweg.Ende September sind sie dann wohl alle weg. In der Savanne lebt es sich für den Vogel ein wenig wie in einer schwäbischen Streuobstwiese. Hier und dort ein Baum, um von hoher Warte aus die Lage zu peilen. Der Bewuchs am Boden nicht zu üppig. Wenn er ankommt, geht normalerweise die Regenzeit zu Ende und der Piepmatz kann sich gebührend an Insekten stärken.Durch klimatische Veränderungen gerät aber auch diese Punktlandung zum Glücksspiel. Denn manchmal empfängt den Vogel eine Dürreperiode nach dem langen Flug. Auf dem Weg von Kontinent zu Kontinent droht ihm außerdem immer noch der Tod durch Vogelfänger. Und bei uns, in seinen Brutrevieren, machen ihm Monotonie in Gärten und Landverbrauch das Leben schwer.
Dabei ist der Vogel äußerst unterhaltsam. Kurz nachdem Anfang März die Männchen als erste zu uns zurückkehren, beginnt ein geschäftiges Treiben. Denn wenige Tage später treffen die Weibchen ein. Noch in der Dunkelheit des Morgens beginnt das Männchen von der Höhe aus sein melodiöses Lied zu pfeifen. Lässt sich ein Weibchen erweichen und riskiert einige Blicke, kommt die Vorführung richtig in Gang. Der Bräutigam präsentiert sich und die Bruthöhle gleichermaßen. Der rote Schwanz wird gefächert, die Brust geschwellt, in die Höhle und wieder hinaus gehüpft. Die Behausung kann auch in Mauerlöchern oder Nistkästen gefunden werden. Wichtig ist, dass sie eine relativ große Öffnung hat und in zwei bis fünf Metern Höhe liegt.Nach der Paarung und dem Nestbau folgt die Aufzucht der Jungen. „Das erste Lebensjahr überleben wie bei vielen Kleinvögeln nur etwa 20 Prozent“, schreibt der Nabu. In menschlicher Obhut kann die Art dagegen fast zehn Jahre alt werden.Einfacher hat es der verwandte Hausrotschwanz. Er hat vielerorts seine ursprüngliche Heimat, die felsigen Berge, gegen Dachbalken und Nisthilfen in menschlicher Nähe eingelöst. Sein Bestand hat sich sogar in den vergangenen Jahren erholt. Er ist wesentlich anpassungsfähiger und bleibt teilweise im Winter schon bei uns. Aber so schön singen wie der Gartenrotschwanz kann er nicht.Angenehmer Weckrufzur frühen Stundevom GartenrotschwanzDas Hausrotschwänzchen betört sein Weibchen mit „einer knirschend-kratzigen Strophe, die es regelmäßig wiederholt“, schreibt der Nabu. Der liebestolle Gartenrotschwanz-Mann singe zwar etwas schwermütig, aber weich pfeifend. „Wer also das Glück hat, einen Gartenrotschwanz als Nachbarn zu haben, kann sich an seinem zeitigen, angenehmen Weckruf erfreuen“, beschreibt der Nabu die Töne.Um dem Gartenrotschwanz bei seinem Kampf ums Überleben zu helfen, müssen in unserer Region vor allem Streuobstwiesen mit hochstämmigen Obstbäumen bewahrt werden. Sie bieten Nistmöglichkeiten. Wichtig ist allerdings auch die Pflege dieser Biotope. Verbuscht die Wiese, findet der Vogel das nämlich auch blöd. Am liebsten mag er eine gestaffelte Wiesenfläche, hier ganz kurz, dort recht lang, auf der sich das Geziefer tummelt. Natürlich ohne Gift.Der Hobbygärtner kann dem kleinen Kerl unter die Flügel greifen. Eine Anleitung zum Bau spezieller Nistkästen gibt’s beim Nabu. Die giftfreie Zone ist Bedingung, heimische Gehölze und Blumen locken Insekten und Vögel. Und auch Städte, Gemeinden, Landwirte und Wengerter können einspringen.Erste Hilfe heißt hier: Wegränder erst später mähen, artenreiche Ackerrandstreifen, knorrige Bäume, die stehenbleiben dürfen. Das freut die seltenen Arten im Land und in der Stadt. Wer mehr wissen möchte, kann im Internet unter www.vogel-des-jahres.de und unter www.streuobst.de schauen.Und immer daran denken: Bald ist Weihnachten. Selbst gebastelte Nistkästen, für die kein Abnehmer gefunden wird, bitte in der Redaktion zu meinen Händen abgeben. Danke.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de
