Freitag, 25. Mai 2012

KW 43 - Der Pseudoskorpion


Der Enzweihinger Pseudoskorpion. Foto: Fischer
Der Enzweihinger Pseudoskorpion. Foto: Fischer

Liebe Leser,
das Grauen lebt! Keine Angst, nur ein Scherz. Neulich erreichte mich eine E-Mail aus Enzweihingen. Dort zeigt sich ein furchterregendes Tier. Das Gute an der Sache: Es ist ein Pseudoskorpion, wenige Millimeter groß, für uns völlig harmlos.

Bei der Nussernte hat es das Ehepaar Fischer aus Enzweihingen erwischt. Zwischen den Walnüssen kam ein Pseudoskorpion hervor. Das absolut Beste an diesen Tierchen ist ihre Körpergröße, die sich im Millimeterbereich bewegt. Das Zweitbeste ist ihr spektakuläres Aussehen, das tatsächlich an Skorpione erinnert. Allerdings haben die Kleinen keinen Giftstachel am Hinterleib.
Mit den Skorpionen sind die Tierchen zwar verwandt, aber eher entfernt. Ihre engsten Verwandten sind die Walzenspinnen. Allen gemeinsam ist, dass sie zur zoologischen Klasse der Spinnentiere gehören.
Vor Jahren, besser gesagt vor Jahrzehnten, lief mir mein einziger, lebendiger Pseudoskorpion über den Weg. Er purzelte aus einem Buch. Das fand ich damals sagenhaft, weil das Tierchen so exotisch aussieht. Ähnlich wird es wohl den Enzweihingern gegangen sein.
Um es vorwegzunehmen: Die Räuber stellen für alles, was größer als eine Fruchtfliege ist, keine Gefahr dar. Sie sollten sogar eher als Nützlinge ins Bewusstsein treten. Denn sie sind die natürlichen Feinde beispielsweise von Staubläusen, die sich in feuchten Wohnungen tummeln und von Pilzgewebe, Algen und Ähnlichem ernähren. Unter Imkern besteht Hoffnung, dass der Pseudoskorpion als natürliche Waffe gegen die schädliche Varroa-Milbe taugen könnte. Doch die Zusammenhänge scheinen noch zu wenig erforscht. Möglicherweise winkt dem kleinen Wicht eine große Karriere.
Im Internet kann das achtbeinige Wesen vielfach bewundert werden. Auf Youtube werden Filmchen mit den kleinen Stars gezeigt. Sehr unterhaltsam, wie die Krabbler vor- und rückwärts laufen. Auf der Seite „Natur in NRW“ kann man sich an Bildern ergötzen, die Pseudoskorpion-Pärchen im Paarungstanz zeigen.
Es ist ja kaum zu glauben, aber bei manchen der rund 3000 Arten weltweit gibt sich das Männchen richtig Mühe. Es lockt mit körpereigenen Düften ein Weibchen an. Dann packen sich die beiden Turteltäubchen an den Scheren und vollführen ihr Tänzchen.
Bei den meisten Arten dieser Tiergruppe geschieht eine Übertragung der Spermien allerdings wesentlich unromantischer. Das Männchen setzt eine Spermatophore ab, ein Behältnis für Spermien. Das Weibchen nimmt eher zufällig auf und betreibt schließlich sogar Brutpflege.
An die 50 Arten dieser Tiere leben in Deutschland. Ihre Vorlieben für ein schnuckeliges Heim sind dabei recht unterschiedlich. Manche lümmeln gerne in der Rinde von Bäumen, andere im Boden oder in der Laubstreu und wieder andere sind den Menschen in die Häuser gefolgt. Hierzu gehört der Bücherskorpion (Chelifer cancroides), der sich, wie schon erwähnt, in unserer Umgebung als Jäger von kleinen Milben und Insekten nützlich macht.
Er wird zwar nur maximal 4,5 Millimeter groß, ist für seine Beute aber durchaus furchterregend. Die beiden Taster am Kopf sind bei ihm, wie bei den anderen Vertretern der Pseudoskorpione, zu den mächtigen Scherenträgern ausgebildet. Die Winzlinge besitzen nur sehr kleine Augen. Das tut der effizienten Jagd offensichtlich keinen Abbruch. Denn an den Jagdinstrumenten, den „Scherenbeinen“, sitzen feine Sinneshärchen.
Der Bücherskorpion packt seine Beute mit den monströsen Scheren. Aus einer Giftdrüse in der Spitze des Scherenfingers wird das Gift in den Unglücksraben injiziert. Dann wird das meist noch zappelnde Opfer zu den kleinen Mundwerkzeugen geführt und ein Loch in die Körperwand gebissen. Der Räuber pumpt anschließend Verdauungsflüssigkeit in die Beute und saugt sein Opfer aus.
Sogar spinnen kann der Bursche. Mit den Spinndrüsen am Kopf fertigt der Bücher-skorpion kleine Nester, in der er mal die Seele baumeln lassen kann oder, falls er draußen lebt, die kalte Jahreszeit übersteht. Immerhin können die Tierchen mitunter mehrere Jahre alt werden.
Was sich im Dunkel mancher Buchseiten abspielt, mag sich mancher von uns gar nicht vorstellen. Da tobt der Mikrokosmos. Es wird gefressen, gestorben und geliebt. Und das mit Wonne. Denn auch der Bücherskorpion bezirzt sein Weibchen und tanzt, wobei er zunächst vor der Angebeteten herumtrippelt. Die Spermatophore wird dem Weibchen sozusagen untergejubelt, denn das Männchen schnappt das Weibchen mit den Scheren und zieht dieses über das Spermapaket hinweg. Eine Art spezielle Tanzeinlage. Hierzu stehen sich die Winzlinge Kopf an Kopf gegenüber, fassen sich an den Scheren und bilden eine „Acht“. So schildert der Diplom-Biologe Patrick Appelhans das Treiben seiner kleinen Forschungsobjekte.
Das Weibchen zeigt sich anschließend als liebevolle Mutti. Sie schleppt den Nachwuchs in einem eigens gesponnenen Sack an ihrem Körper mit sich herum. Die Kleinen werden sogar durch Nährlösung von Muttern versorgt. Irgendwann müssen jedoch auch sie das warme Nest verlassen und gelten nach mehreren Häutungen als erwachsen.
Biologe Appelhans schwärmt gar von den urtümlichen Zwergen als Haustier. Es gäbe da noch viel zu entdecken und forschen. Im Vergleich zu Katze und Hund kann das Spinnentier durch Genügsamkeit punkten. Der Kuschelfaktor von Pseudoskorpionen strebt allerdings gegen null.
Wobei die Tierchen anderen Spezies durchaus gerne nahe kommen, dann aber aus purem Eigennutz. Denn Pseudoskorpione nutzen fliegende Insekten, um sich von A nach B mitnehmen zu lassen. Hierzu greifen sie sich mit ihren Scheren ein Bein ihres Fliegers und starten durch. Da wird aus der Mücke kein Elefant, sondern ein Billigflieger.
Wer also einen Pseudoskorpion entdeckt, darf ruhig kurz ehrfürchtig innehalten. Was für ein pfiffiges kleines Kerlchen die Natur da wieder hervorgebracht hat. Pseudoskorpione sind aufopfernde Mütter, Schädlingsjäger, gute Tänzer. Wer weiß, vielleicht können sie auch noch singen. Wenn’s am Fliegenbein „Über den Wolken“ summt, dann war’s weder die Nachtigall noch die Lerche, sondern der Bücherskorpion.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de



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