Freitag, 25. Mai 2012

KW 41 - Vom Echten Eisenkraut


 

Liebe Leser,

endlich mal wieder ein Blümchen, harmlos und ohne Konfliktpotenzial. Die zierliche aber etwas sparrige Pflanze hat mich trotzdem vor Jahren in Verzweiflung gestürzt. Heute mag ich sie sehr gerne, die Blume namens Eisenkraut.Sie war ein harter Brocken, die Pflanze vom Wegesrand. Ich bin damals, wie der Schwabe sagt, ums Verrecken nicht darauf gekommen, wie sie heißt. Biologen nennen den Vorgang der Identifikation „Pflanzen bestimmen“. Man sitzt mit der Blume und seinen Büchern herum und versucht anhand der Literatur, die Art der Pflanze zu bestimmen.Unter den Profis verpönt, aber sehr angenehm, ist der Gebrauch bunter Bilderbücher. Dann stehen noch Werke mit Bestimmungsschlüsseln oder Schwarz-Weiß-Zeichnungen zur Verfügung.Naja, jedenfalls hat es damals eine Weile gedauert, bis das Echte Eisenkraut identifiziert war. Es hat ziemlich kleine blasslila Blütchen, die an mehreren Ähren eng aneinandergequetscht sitzen. Bis zu 75 Zentimeter kann das zu den Eisenkrautgewächsen gehörende Blümchen groß werden. Besonders gerne wächst es an unwirtlichen Orten wie Bordsteinritzen, Schutthalden und sonnigen Plätzchen, die nicht allzu dicht von der Konkurrenz belegt sind.Ihr richtiger Name ist Echtes Eisenkraut, wissenschaftlich Verbena officinalis. Im Volksmund hat sie viele weitere Bezeichnungen, wie beispielsweise Altarfegerkraut, Druidenkraut, Eisenbart. Die Stängel sind vierkantig und auf den ersten Blick sieht die Blume insgesamt etwas unscheinbar aus.Unwirsch, wie störrische Haare, stehen die Zweigchen in alle Himmelsrichtungen ab. Die Pflanze ist schlank, aber zäh und blüht von Mai bis zum ersten Frost. Sie gehört zur Familie der Eisenkrautgewächse und ist in Deutschland der einzige Vertreter ihrer Sippe. Genauer gesagt: der einzige wildlebende Vertreter.Denn als Zier- und Gartenblumen kommen einige der rund 2600 Arten der Eisenkrautgewächse einem immer wieder unter die Augen. Zum Beispiel als Wandelröschen, das mit seinen vielfarbigen Blütenständen entzückt. Oder als Liebesperlenstrauch, der mit Beeren lockt, die ebenso lila wie giftig sind.Interessant ist auch das aus Mittel- und Südamerika stammende Aztekische Süßkraut, das ebenfalls zu den Eisenkrautgewächsen gehört. Bei diesem Thema lohnt sich doch eine nähere Betrachtung. Beim wissenschaftlich Lippia dulcis genannten Aztekischen Süßkraut schmecken die Blätter viel süßer als unser Haushaltszucker, aber auch ein wenig bitter.Weil das Thema reizt, verlassen wir kurz die Familie der Eisenkrautgewächse für einen Exkurs zur Sippe der Korbblütler. Dort gibt es nämlich ebenfalls eine Blume, die als Süßkraut bezeichnet wird. Sie heißt wissenschaftlich Stevia rebaudiana, stammt aus Südamerika und wird schon seit Jahrhunderten von der Bevölkerung als Süß- und Arzneimittel eingesetzt. Der Süßstoff der Pflanze soll die sagenhaft 300-fache Süßkraft normalen Haushaltszuckers besitzen, dabei für Diabetiker geeignet sein und die Zähne schonen. Während das Pflanzenprodukt in vielen Ländern als Lebensmittel erlaubt ist, ist dies bislang in der Europäischen Union noch nicht der Fall. Möglicherweise tut sich in diesem Zusammenhang in diesem Jahr noch etwas.Nun aber wieder zurück zu unserem heimischen Eisenkraut. Auch diese Pflanze kann auf eine lange Nutzung durch den Menschen blicken. Anscheinend hatte Verbena officinalis in längst vergangenen Tagen viele Verehrer. Die alten Ägypter benutzten das Kraut bei ihren Zeremonien. Es wurde in der ägyptischen Mythologie der Göttin Isis zugeschrieben und offenbar „Träne der Isis“ genannt. Bei den Kelten setzten Druiden, die keltischen Priester, das Eisenkraut ein. Sie nutzten es, um geheime Tinkturen herzustellen und reinigten damit Opfersteine und Altare.In der Antike war die Pflanze den Griechen und Römern bekannt und wurde ebenfalls bei der Verehrung der Götter eingesetzt. Der Name Eisenkraut deutet darauf hin, dass der Blume Heilkräfte gegen Verletzungen mit Eisenwaffen zugesprochen wurden.In Wales bündelten die Menschen das Kraut und hängten es in ihre Häuser, um den Teufel fernzuhalten. Deshalb hatte die Blume dort den Namen „Devil’s bane“ – Teufelsbann.In der Wissenschaft spielt das Eisenkraut auch eine Rolle. So befasste sich vor wenigen Jahren eine Doktorarbeit mit dem Pflänzchen. Dabei wird das unschuldig scheinende Kraut als Droge bezeichnet. Es handelt sich folglich um eine Pflanze, die zur Herstellung von Arzneimitteln verwendet wird. Bei der Ausarbeitung wurde festgehalten, dass das Eisenkraut in Kombination mit weiteren Mitteln bei Erkältungskrankheiten eine Verbesserung bewirkt. Ein Problem bei der Herstellung der Arzneimittel sei aber, dass die Inhaltsstoffe von Pflanze zu Pflanze variieren. Deshalb beschäftigte sich der Doktorand mit Versuchen, die den Anbau erleichtern und eine gleichbleibende Qualität der Inhaltsstoffe beim Eisenkraut gewährleistet.Enthalten sind die Extrakte vom Eisenkraut beispielsweise in Kombipräparaten zur Schleimlösung bei Erkältungen. Diverse Inhaltsstoffe sollen dem Eisenkraut eine ganze Reihe von Wirkungen bescheren. So werden dem Eisenkraut Effekte gegen Bakterien und Viren zugesprochen, außerdem soll es die Immunabwehr ankurbeln und Entzündungen hemmen. Auch bei den Bachblüten ist das Eisenkraut unter dem Namen Vervain zu finden, als Blüte gegen Übereifer.Geradezu sagenhaft muten die positiven Eigenschaften der Pflanze an, die ein Räucherwarenversand anpreist. Die Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und Klarheit soll der Rauch des Eisenkrautes fördern. Wer lustlos ist, erfährt im Dunst des glühenden Eisenkrauts einen Energieschub und wird mutig. Selbst Räume sollen geläutert werden und ein Geldsegen könnte sich einstellen. Zudem soll das Verhandlungsgeschick positiv beeinflusst werden.Gerne würde ich jetzt noch ein paar Zeilen schreiben. Aber erst muss ich mal nach meiner Eisenkraut-Plantage gucken...Sabine RückerAnregungen zur Serie per E-Mail ans.ruecker@vkz.de


Seitenanfang