KW 4 – Bunte Bilder durch Migräne
Liebe Leser,
neulich hat sich mein Gehirn selbstständig gemacht. Das Beunruhigende an der Sache war, dass das nicht geplant war.
Mein Gehirn und ich, wir sind im Einklang. Meistens jedenfalls. Dann kommen wir uns nicht in die Quere. Vor einigen Tagen war das anders. Während ich Zeitung lesen wollte, hatte ein Teil meines Hirns anderes vor. Ihm stand der Sinn nach bunten Farben. Beim Lesen ist mir zum Auftakt des Geschehens ein Buchstabe einer Überschrift abhanden gekommen. Der war zwar auf dem Blatt vorhanden, ich konnte ihn aber nicht mehr sehen. Da half alles Hin- und Hergeschiele nichts.
Komisch, dachte ich. Kurz darauf trat an die Stelle des fehlenden Buchstabens eine gezackte, kleine Figur. Waren Drogen im Kaffee? Hat mein letztes Stündlein geschlagen? Die bunte Erscheinung bläht sich sodann zur Sichelform auf und breitet sich über mein linkes Gesichtsfeld aus.
Jetzt reicht’s aber! Ich schließe die Augen und reibe feste – es hilft nichts. Ich schließe die Augen und glotze gegen das Innere meiner Augenlider – auch das hilft nichts. Die schillernde Erscheinung bleibt. Menschen, mit einem Hang zur Hysterie, so wie ich, sind beunruhigt. Und gehen so schnell wie möglich zum Arzt.
Dieser stellt die Diagnose: Migräne. Wer hätte das gedacht. Wird diese doch mit bohrenden, pochenden Kopfschmerzen in Verbindung gebracht.
Stimmt auch. Doch das Leiden ist ein Chamäleon. Bis zu acht Millionen Menschen sollen in Deutschland an Migräne leiden. Und über zwei Drittel der Geplagten weiß nicht einmal den Namen des Quälgeistes, der ihm zeitweise das Leben zur Hölle macht. Zu den Symptomen können eine Vielzahl von Unannehmlichkeiten zählen. Neben den Klassikern wie Kopfschmerz und Übelkeit treten auch Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Geräuschempfindlichkeit und Lähmungserscheinungen auf.
Lange Zeit wurden Migräniker verhohnepipelt und der Unlust oder des Drückebergertums bezichtigt. „Heute nicht, ich habe Migräne“, galt als Floskel, die in nahezu jeder Lebenslage eingesetzt werden konnte. Heute ist Migräne eine anerkannte Erkrankung. Besonders quälend sind bohrende, stechende Schmerzen, die teilweise über eine gesamte Kopfhälfte ziehen. Im schlimmsten Fall kann dieser Zustand Tage anhalten. Treten die Schmerzen ohne Sinnestäuschungen auf, ist von einer „Gewöhnlichen Migräne“ die Rede. Die „Klassische Migräne“ dagegen geht mit einer sogenannten Aura einher. Namensgeberin der Erscheinungen ist die griechischen Göttin der Morgenröte Aurora. Wie bei einem Sonnenaufgang treten die Missempfindungen langsam auf und bilden sich wieder vollständig zurück. Der Migräneanfall kann auf die Aura beschränkt sein, nämlich auf neurologische Entgleisungen wie Sprach-, Sensibilitätsstörungen oder Sehstörungen.
Meine schillernde Figur im Zeitungsartikel war demnach eine Migräne-Aura, glücklicherweise ohne großartige Kopfschmerzattacke im Anschluss. Es handelt sich dabei nicht um Vorboten einer Attacke, wie beispielsweise Gereiztheit, hohe Licht- und Geräuschempfindlichkeit, sondern um die Migräne selbst.
Während beispielsweise im antiken Griechenland noch ins Hirn aufsteigende Lebersäfte für die Krankheit verantwortlich gemacht wurden, sind sich die Experten heute gar nicht einig, was die Ursache des Übels ist. Besonders erstaunlich sind die Qualen im Kopf mit Blick auf die Tatsache, dass das Hirn an und für sich nicht schmerzempfindlich ist. Operationen in dieser Körperregion werden in der Regel ohne Narkose durchgeführt.Was ist letztendlich Ursache und Wirkung bei dem Geschehen? Schmerzen können auf jeden Fall die Blutgefäße im Gehirn, in denen sich Druck- und Schmerzrezeptoren befinden. Hiermit lässt sich beispielsweise der pochende Schmerz erklären, der dem Pulsschlag folgt. Druckunterschiede in den Gefäßen sind bei den meisten Migränegeschehen nachgewiesen und verursachen Schmerz. Daraus könnte man schließen, dass die Ursache der Migräne in den Blutgefäßen liegt.
Die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ schreibt aber in ihrer Oktoberausgabe: „Sind die Kopfschmerzen erst da, herrscht anscheinend wieder ein normaler, teils sogar ein verminderter Durchfluss.“ Dann dürfte eigentlich nichts mehr weh tun. In seiner Migräne-Schule auf der gleichnamigen Internetseite hat Prof. Dr. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie und spezielle Schmerztherapie sowie Diplompsychologe, Daten und Fakten zur Migräne gesammelt. Der ärztliche Direktor der Schmerzklinik Kiel: „Als primäre Ursache der Migräne kommen alleinige Veränderungen der Weite der Adern im Gehirn nicht in Frage. Unabhängig von der Stärke der Durchblutungsänderungen dürfen wir sie lediglich als Begleitsymptome werten.“
An der Entstehung von Migräne sei der Hirnstamm entscheidend beteiligt, postulieren dagegen Forscher der Neurologischen Universitätsklinik Hamburg. Ein bestimmtes Areal dieser Hirnregion soll Beginn und Dauer eines Migräne-Anfalls, steuern, so die Mediziner. Die Hamburger Studie soll belegen, dass ein Schmerzimpuls aus dem Hirnstamm die Attacke verursacht. Anschließend erweitern sich die Blutgefäße, und die Gefäßwände werden durchlässiger. Dadurch tritt Flüssigkeit in das umliegende Gewebe aus, wodurch die folgende Schwellung die Nervenfasern reizt, ein Zustand der als neurogene Entzündung bezeichnet wird.
Die optische Illusion, die manchem Migränepatienten widerfährt, hat seine Ursache in einer elektrischen Großentladung auf der Hirnrinde – eine Gewitterfront sozusagen. Der Fehler liegt folglich nicht im Auge, sondern im Gehirn. Eine Erregungswelle wandert mit einer Geschwindigkeit von wenigen Millimetern pro Minute von hinten her über die Hirnrinde. Hierbei durchstreift sie das Areal, in das normalerweise die Sinneseindrücke vom Auge gemeldet werden, und verursacht das bunte Treiben – vor dem geistigen Auge.
Als gesichert gilt, dass bei der Migräne eine familiäre Veranlagung vorliegt. Viele Patienten können auch von auslösenden Substanzen oder Begebenheiten berichten. Solche Trigger sind beispielsweise Alkohol, Nikotin, Schlafentzug und Stress.
Grundsätzlich, schreibt der Kieler Mediziner Göbel, stehe das Hirn der Migränepatienten unter Hochspannung. Durch auslösende Mechanismen könne es nun zu einer überschießenden Reaktion im Denkorgan kommen. Botenstoffe nehmen extrem hohe Konzentrationen an, der Körper wittert eine Vergiftung und reagiert mit Übelkeit und Erbrechen. Auf der Hirnrinde breitet sich die überbordende Erregung aus und führt zu neurologischen Störungen wie Kribbeln oder bunten Bildern. Nun, folgert Göbel weiter, sei die Elektrolytkonzentration in diesen Bereichen gestört. Entzündungs-Botenstoffe würden schließlich freigesetzt, verursachen eine selbige und legen den Grundstein für Schmerz. Bei der Behandlung der Erkrankung sei ein Vorbeugung ohne Medikamente bei vielen Menschen äußerst effektiv. Hierzu gehöre unter anderem das Vermeiden der Auslösefaktoren, die Anwendung von Entspannungsübungen und ähnliches, rät er auf seinen Seiten unter www.migraene-schule.de. Künstlern ist die Aura sogar Inspiration. Vincent van Goghs „Sternennacht“ soll die Zeichen einer Migräne-Aura tragen. Sie dürfen mich von nun an van Rücker nennen.
Und noch einen kurzen Gruß an den Kollegen in der Technik: Nein, ich nehme keine Drogen!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
