Freitag, 25. Mai 2012

KW 39 - Oft nur ein Wunsch: die gute Verwesung


Ruhe sanft - aber nicht zu lange. Foto: Rücker
Ruhe sanft - aber nicht zu lange. Foto: Rücker

Liebe Leser,
vielleicht finden Sie das Thema heute pietätlos. Dann lesen Sie bitte einfach nicht weiter. Es trifft uns aber früher oder später alle, das Ableben, der Tod, der Exitus. Spannend ist sie außerdem, die Frage, was mit uns passiert, sobald wir das Zeitliche gesegnet haben.

Die letzte Ruhe finden. Wie klingt das denn? Je nach Gemütsverfassung, würde ich mal sagen. Geht es mir schlecht, klingt die letzte Ruhe irgendwie tröstlich. Geht es mir gut, gerate ich in Panik. Die Endlichkeit des eigenen Ichs vor Augen. Das kann der Mensch nur manchmal verkraften.
Da ist es doch angeraten, die Vorgänge, die unseren Körper in seine Bestandteile zerlegen, einfach mal ganz nüchtern zu betrachten. Ideengeber zu der ganzen Sache war ein Artikel über Schwierigkeiten mit der Friedhofserde in Horrheim. „Mach’ doch die Phänomene drüber“, sagt der Kollege beschwingt.
Der hat gut reden. Skrupel machen sich breit, aber auch Faszination und Neugier. Kann das Thema dem Leser zugemutet werden? In der Zeitung steht allerhand Gruseliges. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Etwas Gewöhnliches wie der Tod gehört letztendlich auch zum Leben.
Immerhin berührt die Vergänglichkeit uns alle und besonders unangenehm die Friedhofsbetreiber, meistens Stadtverwaltungen. Denn ein Viertel aller deutschen Friedhöfe kämpft inzwischen mit einer Verwesungsmüdigkeit der Böden, wie die Fachzeitschrift „Bestattung“ berichtet.
Als ob nicht schon das Sterben an und für sich schwierig genug wäre. Muss denn auch noch der Boden zu müde sein, um einen ordentlich zu zerkleinern? Optimal verläuft die Verschmelzung des toten Leibes mit Mutter Erde also immer seltener. Voraussetzung für ein reibungsloses Zerfallen ist eine gute Verwesung bis auf die Knochen. Im Idealfall soll dies innerhalb von drei bis zwölf Jahren möglich sein. Die gesamten Vorgänge bis zu dieser Skelettierung werden auch als Degradation bezeichnet.
Der tote Körper ist von Anfang an in Bewegung. In einem Artikel der „Zeit“ ist das ganz treffend beschrieben: „Automatisch tut jeder sein Bestes, um die körpereigenen Eiweiße, Fett und Kohlenhydrate zu kompostieren.“ Nach dem Tod wird der Körper nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und es beginnt die Autolyse, die Selbstauflösung. Enzyme unseres Körper machen sich über das Gewebe her. „Es kommt sehr schnell zu einem fortschreitenden Biotopwandel“, schreiben die Autoren im „Handbuch gerichtliche Medizin“. Der Mensch als Biotop – auch gewöhnungsbedürftig. Aber das sind wir ja im lebendigen Zustand auch schon, siedeln doch genügend Organismen auf und in uns.
Der Säuregrad im Leichnam ändert sich im Verlauf des Zerfalls mehrmals. Die Darmbakterien wittern Morgenluft und starten voll durch. Sie sind es vor allem, die den Prozess der Fäulnis vorantreiben. Hierzu ist, wie bei der Autolyse, kein Sauerstoff nötig. In dieser Phase wird Flüssigkeit aus dem Gewebe frei, die Leiche entwässert.
Während dieser Prozesse entstehen Gase und Gestank. Eins ensteht anscheinend nicht: das Leichengift. Eine einzige solche Substanz gibt es nicht. Beim mikrobiellen Abbau der Eiweiße werden aber unter anderem Stoffe gebildet, die für den typischen Leichengeruch verantwortlich sind, wie Cadaverin und Putrescin. Diese gelten als relativ ungiftig. Je nach Todesursache und Zustand des Toten können sich jedoch etliche Erreger und Giftstoffe breitmachen.
Je trockener nun das Milieu im Sarg, desto freudiger besiedeln andere Wesen die neuen Biotope. Die Verwesung nimmt an Fahrt auf. Deren Helfer benötigen Sauerstoff. Bakterien und Pilze aber auch Insektenlarven und weitere Organismen schreiten zur Tat. In der Rechtsmedizin helfen die Tierchen vom Leichnam mitunter bei der Aufklärung von Mordfällen. Entwicklungszustand und das Artenspektrum von Insekten lassen zum Beispiel auf Liegezeit des Toten und Übereinstimmung von Fund- und Tatort schließen. Verläuft die Verwesung vollständig, sollten Knochen und der mineralisierte Rest übrig bleiben.
Die ordentliche Skelettierung bleibt aber oft nur ein Traum für Friedhofsverantwortliche. Wobei selbst diese unangenehme Aspekte enthält. Fragen wie die Belastung des Grundwassers und der Böden schwingen mit. Schwermetalle, Arzneimittel und andere Chemikalien können in den Boden austreten. Ganz besonders beschäftigt ein Vorgang viele Gemeinden: die Bildung von Wachsleichen.
Bei einer Wachsleiche bricht der Fäulnisprozess vorzeitig ab, der Abbau der Körperfette wird nicht wunschgemäß vollendet. So entsteht ein Korpus, der von einer widerstandsfähigen Masse konserviert wird. In diesem Zustand kann der Tote viele Jahrzehnte der Verwesung entgehen. Wissenschaftlich wird eine solche Veränderung Adipocire oder Leichenlipid genannt.
Die Ursachen dieses Vorgangs gelten als vielschichtig. Die Temperatur spielt wohl eine Rolle. Ein Überschuss an Wasser und ein Mangel an Luft scheinen fast immer den ungeliebten Vorgang zu fördern. An erster Stelle der Übeltäter stehen undurchlässige Böden, die das Verrotten erschweren. Die häufige Wiederbelegung kleiner Friedhöfe aber auch der Zukauf von bodentechnisch ungeeigneten Flächen verschärfen das Problem.
Gut meinende Hinterbliebene tragen unbewusst zur Misere bei, indem sie die Staunässe in der Erde fördern. Seit im 20. Jahrhundert die Friedhöfe eine Wasserleitung bekamen, grünt und blüht es auf den Gräbern plötzlich anders. Robuste und trockenresistente Pflanzen wurden durch durstige Blümchen ersetzt. Durch tägliches Gießen muss manches Grab bis zu 800 Liter Wasser zusätzlich pro Jahr verkraften.

„Wurde bisher die Existenz von ‚Adipocire‘ in den Kommunen häufig totgeschwiegen, indem man die sterblichen, nicht vollständig verwesten Leichen einfach tiefer legte und darüber neu bestattete, so ist diese Praxis aus den unterschiedlichsten Gründen vielerorts heute nicht mehr praktikabel. Daher müssen sich die Gemeinden und Städte nun der Tatsache der Leichenlipidbildung auf ihren Friedhöfen stellen“, schreibt Mona Schmidt in ihrer Doktorarbeit (2009) an der Universität Tübingen.
Bis zu 46 Prozent der Friedhöfe in Baden-Württemberg, die auf lehmig-tonigen oder tonigen Böden angelegt wurden, weisen eine ungenügende Zersetzung innerhalb der Ruhefristen auf, so die Medizinerin weiter. Kein rein schwäbisches oder deutsches Problem. In Norwegen wurden 30 Jahre lang Särge vor der Bestattung in Plastiksäcke verpackt, was den Norwegern mittlerweile zwischen 200 000 und 300 000 Wachsleichen bescherte.
Die Nordländer unternahmen gruselig klingende aber erfolgreiche Versuche, bei denen in die Grabstätte Bindemittel eingebracht wird. Dieses reagiert mit Feuchtigkeit und erzeugt Hitze von über 250 Grad Celsius. Das wiederum bringt Plastiksack und Fettschicht zum Schmelzen, schrieb das „Geo-Magazin“ schon 2004.
Auf einem Modellfriedhof im mittleren Schwarzwald wurden im Rahmen der genannten Doktorarbeit Sanierungs- und Prophylaxemaßnahmen wie beispielsweise Pilzbruten, Druckluftzufuhr, Schnorchel aus Blähton, Grabkammern et cetera getestet. Das tote Hausschwein Elisa wurde in einer Kiste beerdigt, von außen führt eine Solarpumpe Frischluft zu. Sein Zerfall wird nun wissenschaftlich begleitet.
Ich meinerseits möchte nicht unter die Erde, ich will oben bleiben.
Aber, wenn ich schon irgendwann tot sein muss, dann bitte mit Solarpumpe. Das klingt dynamisch. In einer Urne könnten meine sterblichen Überreste solarbetrieben über die Meere schippern. Passieren kann mir bei dem Abenteuer nichts mehr – ich bin ja schon tot. Die Idee klingt fast noch schöner als Friedwald. So lebendig irgendwie. Ok, langsam wird’s langsam komisch. Zeit, sich wieder anderen Themen zu widmen. Nächste Woche gibt’s Blümchen. Vielleicht.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail
an s.ruecker@vkz.de



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