Freitag, 25. Mai 2012

KW 37 - Wenn das Weinhähnchen singt


Der Sänger aus Aurich. Foto: p
Der Sänger aus Aurich. Foto: p

Liebe Leser,
heute widmen wir uns den schönen Dingen des Lebens. Nämlich der Balz, singenden Männchen und essbaren Hochzeitsgeschenken.


Ein Tierchen, etwa so lang wie ein Daumennagel breit, hat einen Leser beschallt. Der Mann entdeckte den sechsbeinigen Gast auf seinem Balkon in Aurich und schickte ein Bild in die Redaktion. Bei dem nächtlichen Ruhestörer handelt es sich um ein Weinhähnchen. So weit, so gut. Bleibt nur die Frage: Was ist ein Weinhähnchen?
Auf jeden Fall ein Sänger, der ohne Stimmbänder sein Umfeld ausgiebig beschallen kann. Das Weinhähnchen gehört einer sangesfreudigen Familie an, nämlich den Grillen. Diese werden von den Zoologen zu Springschrecken, also Heuschrecken gezählt. Mit ihren langen Fühlern gehören die Weinhähnchen unter den Heuschrecken zu den Langfühlerschrecken.
Nun aber zurück zu unserem Sänger, der die Auricher mit seinem Gezirpe unterhielt. Blöd nur, dass das Männchen des Weinhähnchens vor allem die Nacht dazu geeignet sieht, sein Liebeslied für die Liebste zu geigen.
Im Spätsommer beginnt der Weinhahn-Mann gerne von hoher Warte aus zu locken. Dazu schürzt er nicht die Lippen. Nein, er wählt eine dramatische Variante. Er entfaltet seine Vorderflügel. Vielleicht schüttelt er sie etwas aus und macht sich locker vor dem großen Auftritt. Dann beginnt das Flügelspiel.
Ohne Ball, versteht sich, denn auch der Fußballer spricht von Flügelspiel. Für die Grille gilt weniger elf Freunde, sondern eher elf Feinde sollt ihr sein. Denn schließlich soll ein Weib gefunden werden und die anderen Männchen sind dabei nur im Weg.
Nun also ist das Instrument in Position gebracht. Die Dunkelheit umhüllt den Einsamen, die Vorstellung kann beginnen. Der Weinhähnchenmann reckt die Flügel in die Höhe und beginnt zu reiben. Durch spezielle Vorrichtungen in seinen Fluggeräten kann der Liebestolle eine erstaunliche Geräuschkulisse erzeugen. An der Unterseite des oben liegenden Flügels sitzt die sogenannte Schrillleiste mit Querrippen. Diese wird über die Schrillkante des unteren Flügels gerieben.
Dass dadurch ein derart lautes Geräusch entsteht, ist schier unglaublich. Gesegnet sei das Internet, in dem es wunderbare Hörbeispiele für die Gesänge der Heuschrecken gibt. Beispielsweise auf den Seiten von www.natur.de, auf der unter „Wer zirpt denn da?“ einige Arten ihr Liedchen zum Besten geben.
Im Internet lauschte dann auch, nach der Diagnose der VKZ, der Auricher dem Gesang des Tieres und stellt fest: „Die Analyse war ein Volltreffer. Ich habe mir den Sound aus dem Internet geladen. Es war genau das Geräusch, das uns genervt hat.“ Weinhähnchen sind bei uns bis vor einigen Jahren nur in der Nähe des Rheins zu finden gewesen. Vermutlich wurden sie schon von den alten Römern zu uns gebracht. Sie lieben die Wärme und werden zu den Gewinnern des Klimawandels gezählt. Dass sie sich schon in Aurich rumtreiben, ist neu. Wenigstens für mich. Da muss ich mal meine Lauscher trainieren und horchen, denn sehen lassen sich die Tiere eher selten.
Das Weinhähnchen zeichnet sich durch einen wohlklingenden Gesang aus, wie Buchautor Heiko Bellmann beschreibt: „Ein sehr lautes, etwa 50 Meter weit hörbares ‚zrrüü‘, das vor allem bei Dunkelheit ertönt.“ Der Ton wird im gleichbleibenden Abstand vorgetragen.
Hat nun der blassgelbliche Mann des Weinhähnchens Glück, dann kommt ein Weibchen vorbei, dem er sich unter den Bauch schiebt. In dieser Stellung findet die Begattung statt, während der der Glückliche möglicherweise mit seinen Flügelchen sogar weiterträllern kann. Jedenfalls gibt es Bilddokumente, die das nahe legen.
Die derart verwöhnte Braut erhält ganz nebenbei ein Spermapaket angeklebt und eine ganz besondere Attraktion hält sie bei der Stange. Damit die Braut einige Minuten ruhig sitzenbleibt, quetscht der Gatte aus seinem Körperinnern Körpersaft heraus, an dem sich die Geliebte laben darf. Später macht sich die derart Verwöhnte auf, um die Eier mit ihrer Legeröhre in die Stängel von Stauden zu legen. Das Exemplar auf dem Bild ist folglich in der Tat ein Männchen, denn ihm fehlt die Legeröhre.
Für die Überwinterung der Art sind ungestörte Bestände von Pflanzenstauden wichtig. Goldrute und Weidenröschen werden beispielsweise auch gerne als Singwarte genutzt. Weinhähnchen, wissenschaftlich Oecanthus pellucens, fühlen sich auf Industriebrachen und an Bahngleisen sehr wohl, folgen dem Menschen aber offensichtlich in bewohntes Gebiet. Auf dem Speiseplan der Tiere stehen zarte Blütenteile aber auch Kleingetier wie Läuse und Insektenlarven. Mit Weinreben verbindet das Tier, außer die Vorliebe für Wärme, eigentlich nichts.
Insgesamt scheint die Lage für Heuschrecken in Deutschland sich zu verbessern. „Selbst Arten, die schon vom Aussterben bedroht waren, haben sich teilweise wieder massiv ausgebreitet“, zitiert die Deutsche-Presse-Agentur den Biologen Carsten Renker. Rund 85 Heuschreckenarten zirpen und hüpfen durch deutsche Lande. Zum Schädling werden sei normalerweise nicht. Eher sind sie zu begrüßen als Futter für die Vögelchen, anderes Getier und als Inbegriff des schönen Wetters.
Durch die warmen Sommer der vergangenen Jahre seien vermehrt mediterrane Arten über die Alpen eingewandert. Manche, wie die Südliche Eichenschrecke, sollen gar begeisterte Autofahrer sein und lassen sich als blinde Passagiere mitnehmen.
Heuschrecken sind fidele Tierchen, die eine beachtliche Sprungfähigkeit an den Tag legen. Schuld daran ist das hintere der drei Beinpaare, das eine „mächtige Sprungmuskulatur“ aufweist, wie Bellmann schreibt.
Hören mit dem Bein,
singen mit
Fuß und Flügel
Einer schwerhörigen Schrecke mit langen Fühlern müsste man theoretisch nicht ins Gesicht, sondern ans Bein schreien. Bellmann: „Bei den Landfühlerschrecken liegen in den Vorderbeinen, kurz hinter dem Kniegelenk, die Hörorgane.“ Diese Insekten können sich über vier Trommelfelle freuen.
Bei den Grashüpfern mit den kurzen Fühlern sitzen die Hörorgane am Bauch. Während die einen nur mit den Flügeln singen, reiben andere Arten mit den Schenkeln an Schrillleisten. Ganz spaßig erzeugt die Sumpfschrecke ihre Töne. Sie hebt den Hinterschenkel, schleudert das Bein nach hinten weg und schrummelt dabei über harte Dornen, was eine Art Klicken verursacht. Bei den Knarrschrecken wird lautstark mit den Kiefern gemalmt. Die Gemeine Eichenschrecke übt sich dagegen im Trommeln und schlägt mit ihrem Fuß auf ein Blatt.
Merkwürdige Gebilde am Hinterleib mancher Heuschrecken werfen die Frage auf, ob die Hüpfer stechen können. Dem ist nicht so, denn bei stachelähnlichen Anhängen handelt es sich um die Legeröhren der Weibchen, mit denen die Eier platziert werden. Nur vorne am Kopf ist Vorsicht geboten, denn die großen Arten können spürbar zwicken.
Biologen schätzen die Hüpfer als Indikatoren für spezielle Biotope. Und ich mag sie auch.
Aber, lieber Weinhahn-Mann, verschon’ mein Haus, zirp andre an.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail
an s.ruecker@vkz.de


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