KW 36 - Stuttgart 21? Oben bleiben!
Liebe Leser,
wer hätte gedacht, dass Stuttgart 21 einmal in den Phänomenen landet. Tut es aber, denn es lohnt sich. Ich sage schon mal: oben bleiben!
Am Donnerstag habe ich mich hineingewagt ins Städtle. Den Bonatz-Bau umhüllt eine merkwürdige Atmosphäre. Es scheint, als sei der Bauzaun mit seinen Botschaften zum Teil des Denkmals geworden. Leute studieren die Zettel und Bilder vor der Ruine des Nordflügels. Schweres Gerät frisst sich in das Gemäuer. Der Gang durch die große Bahnhofshalle bringt dagegen Jugenderinnerungen hervor. Denn als gebürtige Zuffenhäuserin hat der Hauptbahnhof und die Stuttgarter Innenstadt zum Teenager-Dasein dazugehört. Ich schlängle mich die Wendeltreppe zum Bahnhofsturm hoch und erreiche mein Ziel: die Ausstellung für Stuttgart 21.
Auf einer der Ebenen erläutert eine adrette Dame auf großer Leinwand die Planungen für das Großprojekt. Der Kopf- soll ja zu einem tiefergelegten Durchgangsbahnhof werden. Ich höre eine Weile zu. Auf keinen Fall, betet die Brünette vor mir in Richtung Zuschauerbänke, sei während der Bauarbeiten mit größeren Behinderungen im S- und U-Bahn-Verkehr zu rechnen. Hinter ihr werden computeranimierte Haltestellen butterweich im Erdreich hin- und herverschoben. Ich verlasse den Raum. Soll ich weinen oder lachen? Dass schon der zaghafte Auftakt für S 21 im Juni für monatelange Störungen im S-Bahn-Verkehr sorgt, konnte die Gutste damals ja noch nicht wissen.
Stuttgart 21 und die Neubahntrasse Wendlingen-Ulm sorgen für schwindelerregende Summen in den Schlagzeilen. Abgesehen davon sprechen Fachleute dem Vorhaben auch noch den erhofften verkehrspolitischen Nutzen ab (wir haben berichtet). Einige Aspekte aus naturwissenschaftlicher Richtung sollen hier aufgezeigt werden.
Erinnern wir uns beispielsweise an das Bohrloch 203. Es liegt, oder besser lag, oberhalb der Jugendherberge am Ameisenberg. Es war eines von vielen, die den Untergrund für den S 21-Filderaufstiegstunnel ergründen sollten. Und es war irgendwie anders. Denn das Kühlwasser der Bohrer trat weiter unten am Hang aus. Keiner wusste offenbar, wieso. Die Angst vor einem Abrutschen des Hanges breitete sich unter den Anwohnern aus. Die Bohrung wurde im Juli 2009 eingestellt. Die K 21-Befürworter, die für den Erhalt und die Modernisierung des Kopfbahnhofs eintreten, dazu in ihrer neuen Broschüre: „Die Bohrung wurde im Übrigen so weit vorangetrieben, dass Anhydritschichten mit Kühlwasser in Berührung kamen!“ Autsch! Anhydrit ist ein Wort, das im Zusammenhang mit Bohrungen und Tunnelbau nicht gerne gehört wird. Denn Anhydrit-Schichten können bei Kontakt mit Wasser aufquellen, und zwar bis zu über 50 Prozent.
Ein Vorgang, der in und um Stuttgart bekannt ist. Die Nordröhre des Wagenburgtunnels wurde unter anderem aufgrund dieser Problematik nicht fertiggestellt. Am Engelbergtunnel bei Leonberg schafft der Berg ebenfalls und verursacht regelmäßig Kosten. Mehrere Tunnelröhren beim Projekt S 21 sollen durch solchen „Quellgips“ führen. Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) hat die Schäden in Staufen untersucht. Dort hebt sich nach einer Geothermiebohrung und der Irritation der Anhydritschicht die Erde. Das Fazit der Behörde vom März 2009: „Das LGRB empfiehlt, in den betroffenen Landesteilen Bohrungen dann zu stoppen, wenn Gips erbohrt wird. Gips liegt typischerweise noch über der Anhydritschicht.“
Unsere Landeshauptstadt verfügt also über einen schwierigen Untergrund und auch über der Erde warten Besonderheiten. Denn die Stadt sitzt im Kessel, was vor allem im Sommer zu Problemen bei der Durchlüftung des Häusermeeres führen kann. Somit kam auch schon vor Stuttgart 21 ein aufgeheiztes Klima vor. Bei einer Verwirklichung des Tiefbahnhofs und somit der Erschließung der Schienenareale für den Städtebau würde weitere heiße Luft drohen. Auf den offiziellen Internetseiten der Stadt Stuttgart wird die Stadtklimatologie als „bedeutsamer Planungsfaktor“ behandelt. Die Gleisanlagen kühlen in der Nacht viel stärker ab als die städtische Bebauung, heißt es dort. „Dieser Umstand kommt der Frischluftversorgung des Stuttgarter Talkessels durch nächtliche Kaltluftflüsse entgegen“, so die Experten. Mit der Umnutzung der Gleisanlagen für baulich Zwecke, wie für S 21 geplant, „ist stets auch eine unerwünschte Zunahme der Lufttemperatur verbunden“. Die K 21-Alternative würde das Gleisvorfeld in modernisierter Form erhalten und weiterhin für Belüftung sorgen.
Dem erträglichen Klima der Stadt würden außerdem 280 Großbäume fehlen, die für S 21 gefällt werden müssten. Bäume, die als CO2-Fresser, Sauerstoffspender und Staubfilter fungieren. 5000 Bäume mit einer Höhe von zwölf Metern sollen im Gegenzug gepflanzt werden. „So viele Bäume können auf der zur Verfügung stehenden Fläche auch nicht annähernd untergebracht werden“, wenden die S 21-Kritiker ein. Überhaupt stelle die geplante Grundwasserabsenkung eine Gefahr für das Grün rund um die Baugrube dar. Wie reagiert der Boden und seine Lebewelt auf diese Eingriffe, die über Jahre fortdauern?
Die Grundwasserabsenkung lässt auch die Angst um Stuttgarts Mineralquellen aufkommen. An diesen zweitgrößten Mineralwasservorkommen Europas erfreuen sich in den drei großen Mineralbäder Berg, Leuze und Cannstatt die Gäste von nah und fern. Bis zu 20 Jahre dauert die Reise des Wassers, beginnend als Niederschlag beispielsweise in Sindelfingen bis zum Austritt an einer Quelle in Cannstatt. Hierzu das Regierungspräsidium Stuttgart: „Die Einmaligkeit und die Unersetzlichkeit der Heilquellen sowie die überregionale Bedeutung des Mineralwasser-Quellsystems von Stuttgart-Bad Cannstatt und -Berg machen es erforderlich, sicherzustellen, dass die Heilquellen zur Wahrung ihrer Schüttung, ihrer Mineralisation und ihres Gehaltes an freiem CO2 nicht quantitativ beeinflusst und nicht durch den Eintrag von Schadstoffen in den Grundwasserzustrom verunreinigt werden. Hierfür wurde das Heilquellenschutzgebiet am 11. Juni 2002 festgesetzt.“
Im Internet unter Downloads bei www.das-neue-herz-europas.de, kann der Planfeststellungsbeschluss für die Talquerung mit neuem Hauptbahnhof für Stuttgart 21 eingesehen werden. Auszüge hieraus: „Es ist nachgewiesen, dass die Mineralwasser führenden Schichten in einer hydraulischen Verbindung zu den oberen Grundwasserschichten stehen und sich damit bei einer Veränderung der oberen Grundwasservorkommen die Zusammensetzung des Mineralwassers verändern kann. Die Nutzung der Heil- und Mineralquellen in den Bädern in Berg und in Bad Cannstatt könnte deshalb durch schadstoffhaltige Baustoffe und verunreinigte Infiltrationswässer qualitativ beeinträchtigt werden.“ Und: „An die der Infiltration vorgeschalteten Reinigungsanlagen sind daher die höchsten Anforderungen zu stellen, die teilweise sogar über den derzeitigen Stand der Technik hinaus gehen.“
Wie bin ich doch froh, dass Ministerpräsident Stefan Mappus endlich mit der Informations-Kampagne startet. Dann werde ich die schöne neue Welt auch verstehen. Inklusive Reinigungsanlagen, die’s noch gar nicht gibt. Bis dahin lautet meine Rechnung zu Stuttgart 21: Risiken und Kosten zu Nutzen gleich oben bleiben!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail
an s.ruecker@vkz.de

