KW 35 - Der Uhu, der gerettet wurde
Liebe Leser,
nachts entpuppt sich manche Katze als Uhu. Diese wundersame Verwandlung passierte vor wenigen Tagen in der Dunkelheit an einer Straße in Vaihingen. Die große Eule war verletzt und wurde gerettet.
Es ist Sonntagfrüh. So früh, dass es noch Nacht ist. Ungefähr 1.30 Uhr. Nach einer Geburtstagsfeier fahren wir von Vaihingen in Richtung Aurich durch die Dunkelheit. Auf Vaihinger Markung ist das zum Glück eine beschauliche Angelegenheit. Lebenszeichen anderer Menschen halten sich in Grenzen. Das Bett ruft, die Augenlider streben nach unten.
Und doch tut sich was um diese Uhrzeit. Ein Kätzchen sitzt am Grünstreifen und wartet auf späte Mäuse. Einer gewissen Nachtblindheit zum Trotz und der Brille sei dank erkenne ich in der letzten Sekunde, dass es sich um einen Vogel handelt. Eine Eule!
Wieso sitzt die an der Auricher Straße rum? Ist sie verletzt? Wir drehen um und fahren nochmals langsam an ihr vorbei. Möglichst ohne das Tier zu beunruhigen. Es ist tatsächlich eine Eule. In dieser Größe, das kann nur ein Uhu sein. Das rechte Auge leuchtet beim Vorbeifahren in sattem Orange. Das linke Auge und der linke Flügel scheinen verletzt zu sein.
Und schon sind wir an dem Tier vorbei. Was macht man nun mitten in der Nacht mit dieser Erkenntnis? Eulenexperte Herbert Keil in Oberriexingen anrufen? Da bestehen zu dieser Uhrzeit Skrupel.
Zu unrecht, wie sich später zeigen wird. Wenn’s um die Eulen geht, darf er auch nachts gestört werden. Sollen wir selbst einen derart großen Vogel einfangen? Das ist nichts für mein Nervenkostüm und würde dem gefiederten Burschen vielleicht eher schaden. So vergeht die Nacht ohne weitere Aktionen. Bubo bubo heißt der Prachtkerl aus der zoologischen Ordnung der Eulen. Nicht zu verwechseln mit der Ordnung der meist tagsüber jagenden Greifvögel, mit denen die Jäger der Nacht nicht näher verwandt sind. Mit einer Spannweite von bis zu 1,80 Meter ist der Uhu die größte lebende Eule der Erde. Trotzdem oder gerade auch wegen ihrer Größe und Jagdfertigkeit war sie bei uns lange Zeit sehr unbeliebt.
Dem „König der Nacht“ haftete jahrhundertelang ein schlechtes Image an. Sein Auftauchen wurde mit Tod und Verderben, Hunger und Krankheit in Verbindung gebracht. Ihm wurde unterstellt, Unmengen von jagdbarem Wild zu verzehren. Und so setzten manche Gemeinden ein Kopfgeld auf den Uhu aus. Eigentlich eher ein Fußgeld, da die Prämie bei Ablieferung der Fänge, also Füße, geleistet wurde. Auch die Abgabe von Jungvögeln brachte Geld. So schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), dass es im Schwäbischen 20 bis 30 Mark für ein Tier gab. Junge Uhus mussten außerdem bei der Krähenjagd als „Mobbing-Opfer“ herhalten. Sie lockten, festgebunden an einen Pfahl, die schwarzen Vögel an. Die konnte der Jäger dann bequem schießen.
In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts war der spektakuläre Vogel in Mitteleuropa fast ausgestorben. 1965 kam dann ein Meilenstein der glücklichen Wende. Prof. Bernhard Grzimek rührte in seiner Sendung „Ein Platz für Tiere“ die Werbetrommel für den Schutz des Uhus und löste eine Welle der Begeisterung aus. Von nur noch 20 Brutpaaren in Deutschland konnte der Zoologe damals berichten. Die Schutzmaßnahmen zeigten langsam Wirkung und mittlerweile sollen wieder an die 1500 Brutpaare in Deutschland leben.
Wenn sich die Eule einmal häuslich niedergelassen hat, kann dieses Plätzchen über Generationen weitervererbt werden. Bevorzugt werden Felsen, gerne in Steinbrüchen. So beleben auch in unserer Region immer wieder Uhus die Abbruchkanten der Steinbrüche. Teilweise werden verlassene Greifvogelhorste belegt oder sogar am Boden gebrütet.
Schon im Herbst wird es ernst. Das Männchen lässt seine Gesänge hören, ein „Buhoo“ um die Liebste in Stimmung zu bringen und das Revier abzustecken. Die Weibchen geben ihr „Uu-hu“ zum Besten. Beide Lautäußerungen haben zur Namensgebung beigetragen. Schaurig-schöne Lieder, die vier Kilometer weit zu hören sein sollen. Ein besonders schöner Zug des kleineren Eulenmannes: Er beginnt schon vor dem Brutbeginn im Frühjahr, sein Weibchen mit Leckerbissen zu versorgen. Kein Wunder, dass das Paar sich ein Leben lang treu bleibt. Dachte man. „Unsere telemetrischen Untersuchungen konnten dies jedoch nicht bestätigen“, schreibt die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen.
Eine Bindung auf Lebzeit müsste bei den Uhus unter Umständen lange halten. Vögel in Gefangenschaft wurden in Ausnahmefällen über 60 Jahre alt. Doch die Gefahren in freier Wildbahn sind groß. Es lauert der Tod durch Stromschlag an Strommasten. Immer noch. Bis zum Jahr 2012 müssen laut Bundesnaturschutzgesetz alle gefährlichen Masten entschärft sein – außer die der Bahn. Verkehrsunfall und Stacheldraht, der zur Falle wird, nicht zu vergessen Giftstoffe unserer zivilisierten Welt, das alles sind Gefahren für den Uhu. In der Regel zählt ein Uhu-Leben in Freiheit daher nur 20 Lenze. Neuerdings machen ihm auch noch Energiepflanzen seine Jagdgründe streitig.
Nach der Paarung legt das Weibchen bis zu fünf Eier und die Jungen werden Monate von ihren Eltern gefüttert, behütet und unterrichtet, damit aus den Kleinen effektive Jäger werden. In der Dämmerung und nachts wird der Uhu kleinen und sogar mittelgroßen Säugern wie Kaninchen, schwachen Kitzen und Fuchswelpen zur Gefahr. Vögel überrascht er im Flug und haucht ihnen das Leben aus. Für die Pirsch am Boden ist er sich ebensowenig zu schade. Neben dem hervorragenden Sehvermögen führt der ausgeprägte Hörsinn zur Beute. Und das manchmal auch zu Fuß. Gewürm und Geziefer lässt er sich nicht entgehen.Und der Uhu kann den Wettlauf mit einer Maus durchaus gewinnen, was für diese tragisch endet.
Allein über 200 Wirbeltierarten gehören zum Speiseplan des Uhus. Die Tierarten, die als Beute enden, lassen sich anhand der Knochen im Gewölle, dem Speiballen, identifizieren.
Was ist aus unserem Vogel an der Auricher Straße geworden? Mit Eulenspezialist Herbert Keil gehe ich auf Pirsch. Kotspuren und ein unglaublich großes Gewölle zeugen bei Tageslicht von dem Riesenvogel der Nacht. Der Speiballen, die ausgewürgten Speisereste des Vogels, wird von Keil behutsam in ein Tuch gewickelt. „Endlich ein Uhu-Gewölle“, sagt der Eulenfreund und strahlt. Manchmal sind es weiche Bollen, die Menschen Freude machen.
Und ich bin auch glücklich. Gestern erfahre ich: Eine Meldung in der VKZ vom Dienstag hat zur Rettung des Tieres beigetragen. Die Telefonnummer von Thomas Köberle, Tierschützer aus Mühlacker, hatten wir dort veröffentlicht. Und prompt meldete sich am Dienstagnachmittag eine Reiterin, die den Vogel in der Nähe der Aussiedlerhöfe an der B 10 Auffahrt gesehen hat. Ihre Mutter hatte in der VKZ von dem Uhu gelesen. Köberle und ein Kollege wurden informiert und rückten an. Zu ihrer Überraschung flüchtete der Uhu kurz vor dem Zugriff und flog im Tiefflug über die Bundesstraße.
Köberle und sein Mitstreiter nehmen die Verfolgung auf und bekommen den Vogel in Richtung Enz zu fassen. Tierarzt Hans Knodel stellt ein defektes linkes Auge fest und eine Wunde auf dem linken Flügel. Es ist glücklicherweise nichts gebrochen. Köberle nimmt den Uhu mit in seine Voliere nach Mühlacker: „Er hat einen vitalen Eindruck gemacht und gleich Mäuse gefressen.“
Am Donnerstagmittag bringt Köberle den Patienten in die Auswilderungsstation nach Karlsdorf bei Bruchsal. Dort darf er in Ruhe trainieren, wie man als Uhu mit einem Auge Beute schlagen kann. Es ist übrigens ein Männchen. Er wird in ein paar Wochen voraussichtlich wieder auf Vaihinger Markung in die Freiheit entlassen. Hurra!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de.

