Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 33 - Rätselhafter Mammutbaum


Der Riesenmammutbaum von Ochsenbach. Foto: Rücker
Der Riesenmammutbaum von Ochsenbach. Foto: Rücker

Liebe Leser,
fragt mich neulich mein Vater mit einem leisen Hauch von Entrüstung, was denn nun mit dem Mammutbaum sei. Er hatte ihn in Ochsenbach entdeckt und für die Phänomene vorgeschlagen. Gute Idee.

Was hat der Mammutbaum im beschaulichen Ochsenbach verloren? Jener Riesenmammutbaum steht auf dem Gelände des Friedhofs in Ochsenbach. Und er ist gewaltig. Wie schon der Name vermuten lässt. Der ist dem ausgestorbenen Urweltriesen Mammut aus der Familie der Elefanten entliehen.
Der Riesenmammutbaum wirkt in unserer heutigen Flora fremd und wird nicht zu den heimischen Pflanzen gezählt. Nicht mehr. Vor der Eiszeit fühlte er sich aber in Europa ebenfalls wohl. Inzwischen gilt Kalifornien als seine Heimat. Und doch ist der Ochsenbacher Riese alles andere als allein auf dem Kontinent. In Deutschland sollen rund 19 000 Mammutbäume wurzeln. Stuttgart wird mit über 280 registrierten Standorten als die Stadt mit der höchsten Dichte an Mammutbäumen genannt.
Zu verdanken haben das die Schwaben einem ihrer Monarchen. König Wilhelm I. Friedrich Karl war der zweite König von Württemberg. Er regierte von 1816 bis 1864. Geboren war er 1781 in Schlesien, gestorben 1864 in Cannstatt. Kurz vor seinem Tod fasste der aufgeschlossene Regent einen Entschluss, der Württemberg die Holzgiganten bescherte. Er beauftragte die königliche Bau- und Gartendirektion und die Forstdirektion Stuttgart damit, Samen der großen Exoten zu beschaffen.
Um das Jahr 1850 herum hatten Engländer die Bäume im Gebirge der amerikanischen Sierra Nevada in Kalifornien gesehen. Der Anblick dieses Lebewesens beeindruckte die Briten derart, dass sie ihm den Namen des von ihnen verehrten Feldherrn Wellington gaben. Seither werden die Vertreter der Pflanzengruppe unter anderem Wellingtonien genannt. Die Amerikaner fanden dagegen den Zusatz Washingtonia zum Namen als angebracht. Über zehnmal wurde an dem Namen im Laufe der folgenden Jahrzehnte noch herumgedoktert. Bis der amerikanische Botaniker John Theodore Buchholz dem Namenshickhack ein Ende setzte. Die von ihm eingebrachte Bezeichnung Sequoiadendron giganteum für den Riesenmammutbaum gilt noch heute.
Den recht sperrigen Name Sequoioideae trägt das überschaubare Grüppchen der Mammutbäume wissenschaftlich. Sie sind eine Unterfamilie der Zypressengewächse. Ihr Namenspatron war letztendlich der Sohn einer Cherokee-Indianerin und eines Europäers und hieß Sequoyah. Er gilt als Erfinder der Cherokee-Schrift.
Zu jener Unterfamilie der Mammutbäume zählen drei Gattungen mit jeweils nur einer Art: Oben genannter Riesenmammutbaum, außerdem der Küstenmammutbaum (Sequoia sempervirens) und der Urweltmammutbaum (Metasequoia glyptostroboides). Zu den Nadelbäumen gehören sie alle und mächtig sind sie ebenfalls alle drei. Wobei der Urweltmammutbaum aus China mit bis zu 50 Metern Höhe der Zwerg des Trios ist.
Der höchste aus dem Reigen der Mammutbäume ist zugleich der größte lebende Baum der Welt. Es ist der Küstenmammut, von dem ein Exemplar mit 115 Metern an der Küste Kaliforniens gen Himmel ragt. Dieser Baum reicht also vom Boden bis über die Hälfte unseres 217 Meter hohen Fernsehturms hinaus.
Der Riesenmammutbaum, der auch bei uns wächst, übertrifft dagegen alle anderen Einzelwesen an Masse. Mit dem Gewicht von bis zu 2400 Tonnen und einem Stammdurchmesser von über zehn Metern an der Basis kann keiner mithalten. Um den Koloss auf einer Balkenwaage im Lot zu halten, müssten in die andere Schale rund 3000 VW-Käfer geworfen werden. Ein Käfer wiegt ungefähr 800 Kilogramm.
Mit Frost und Kälte kommt der Riesenmammutbaum besser zurecht als seine Verwandten. Und auch die Kraft von Sonne und Feuer lassen ihn äußerlich kalt. Im Gegensatz beispielsweise zu unserer Rotbuche, dem alten Weicheich, die kann nämlich sogar einen Sonnenbrand erleiden. Der Riesenmammut dagegen ist durch die bis zu 70 Zentimeter dicke Borke geschützt. Bei einer Lebensdauer von einigen 1000 Jahren muss der eine oder andere Waldbrand ausgestanden werden.
Etwas missverständlich ist die Bezeichnung Redwood, also rotes Holz, mit dem sowohl Küsten- als auch Riesenmammutbaum gleichermaßen gemeint sein können.
Nun aber zurück zu unserem württembergischen König Wilhelm I. Bei der Bestellung der Samen im fernen Amerika kam es womöglich zu einem „Übertragungsfehler“. Haben wollte man im Ländle ursprünglich ein Lot der Samen, was ab 1856 rund 16,7 Gramm entsprach. Bekommen hatten die Schwaben ein Pfund, also ungefähr 500 Gramm, mit den leichten Samen. Etliche Tausend Samen sollen Württemberg erreicht haben.
In den Kalthäusern der Wilhelma wurden die Keimlinge gezogen und so konnten später 6000 Jungpflänzchen im Ländle verteilt werden. Allerdings sind im Winter 1879/80 viele der noch jungen Bäume bei bis zu minus 36 Grad Celsius erfroren. Doch einige überlebten.
Frieder Schwarz hat sich zu den Bäumchen vor gut 20 Jahren Gedanken gemacht. Schwarz, heute Leiter des Fachbereichs Forsten beim Landratsamt Ludwigsburg, schrieb ein kleines Büchlein mit dem Titel „125 Jahre Wellingtonien im Forstbezirk Vaihingen/Enz“. Der steigende Holzbedarf und die unglaublichen Wuchsleistungen des Baumriesen sowie der Hauch von Exotik hätten die Anbauversuche im Europa vorangetrieben. Von den König-Wilhelm-Bäumen leben in Baden-Württemberg beispielsweise noch Exemplare in der Wilhelma, im Rosensteinpark und eben im Staatswald Vaihingen. 18 weitgehend intakte Bäume listete Schwarz damals auf. Und die gibt es laut Frieder Schwarz auch heute noch.
Der Ochsenbacher hat es in
die Liste der Dicksten geschafft
Aus dem Umland hat es allerdings nur der Ochsenbacher Riesenmammut in die Liste der „Dicksten Mammutbäume Deutschlands“ geschafft. Für den Baum am Friedhof wird eine Höhe von 32 Metern und ein Brushöhendurchmesser von 2,82 Meter (Jahr 2008) angegeben.
Und soll ich Ihnen was sagen? Bald wächst ein solches Ungetüm in meinem Auto.
Nach dem Fotografieren stolperte ich nämlich über die Zapfen des Ochsenbacher Mammutbaums. Als alter Sammler habe ich die holzigen Gebilde aufgehoben und auf den Beifahrersitz geschmissen.
„Die Zapfen der Riesenmammutbäume öffnen sich erst nach einem Waldbrand“, steht in einem Artikel bei Wikipedia im Internet. In meinem Wagen passierte das ohne erkennbaren Brand nach einem Tag. Jetzt kullern die Samen lustig herum. Liegt womöglich am hitzigen Fahrstil. Wer meine Fahrweise kennt, darf lachen. Ok, das genügt!
Mein Auto verfügt im Fußraum über einen erheblichen Teil erdartiger Substanzen. Fällt einer der Samen in den Fußraum und bricht in der Winterkälte seine Keimruhe – dann gute Nacht.
Es gibt zwei Möglichkeiten, dem zu begegnen. Entweder den Innenraum saugen. Oder den Dreck im Fußraum lassen. Als zukünftiges Biotop, sozusagen. Dann darin Mammutbäumchen ziehen und vermarkten.
Tschüssi! Ich bin mal kurz mein Auto gießen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


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