KW 30 - Zum Schwärmen schön ist der Ligusterschwärmer
Liebe Leser,
dieser Falter hat fast Nerven gekostet. Denn die stolze Finderin und ich waren uns nicht einig, um was es sich eigentlich handelt. Es ist ein Ligusterschwärmer, behaupte ich jetzt einfach mal.
Wer spazieren geht, den belohnt das Leben. Denn meistens gibt es etwas Hübsches zu sehen. In Aurich zieht Inge Daub mit Hündin Gina regelmäßig ihre Runden. Im Auricher Hasenlauf krabbelte dann dem Hund neulich dieser Prachtkerl von einem Schmetterling vor der Nase rum. Glück für uns: Die Spaziergängerin hat ein Foto geschossen und eingeschickt. „Ein Totenkopfschwärmer“, lautete ihre Diagnose. Winden- oder Weinschwärmer waren meine ersten Tipps. Es ist der Ligusterschwärmer, sage ich jetzt.
Er wird gerne mit dem Totenkopfschwärmer verwechselt. Ihm fehlt aber die namengebende Zeichnung, der Totenkopf, auf der Oberseite der Falterbrust. Ein Erkennungsmerkmal für den Ligusterschwärmer sind die rosa-schwarz-gestreiften Hinterflügel. Die sind beim Exemplar auf dem Bild gut zu erkennen. Das sieht neckisch aus, dient aber eigentlich der Abwehr von Feinden. Normalerweise bedecken die bräunlichen Vorderflügel die rosa Pracht und tarnen den Schmetterling hervorragend. Erst wenn das Tier in Bedrängnis gerät, zeigt es seine bunte Seite.
Mit einer Flügelspannweite von bis zu zwölf Zentimetern gehört der Ligusterschwärmer zu unseren größten heimischen Schmetterlingen. Sein wissenschaftlicher Name klingt nach Abenteuer und Ägypten. Er lautet Sphinx ligustri. Schuld an dieser bildhaften Benennung ist die Raupe. Mit einer Länge von bis zu zehn Zentimetern ist sie ebenfalls ein ganz schöner Brocken. Damit sie nicht als fetter Leckerbissen im nächsten Vogelschnabel landet, hat sie eine Taktik entwickelt. Bei Bedrohung lupft sie den Oberkörper und erschreckt so den Gegner. In dieser Haltung ähnelt sie den Statuen des alten Ägyptens, besonders der Sphinx von Gizeh. Es ist der in Stein gemeißelte Löwe mit Menschenkopf. Andere Raupen der Schwärmer können das aber auch, weshalb die Familie den wissenschaftlichen Namen Sphingidae trägt.
Quietschgrün ist die Grundfarbe der Raupe, die ihr Aussehen mit weiß-violetten Linien an den Flanken aufpeppt. Mit Tricks schafft sie es, nahezu unsichtbar im Gehölz zu sitzen. Ihr Rücken ist im Vergleich zum Rest etwas aufgehellt. Die Tiere sitzen gerne an der Unterseite von Ästen. Fällt nun das Licht auf den Bauch der Raupe und der Rücken liegt im Schatten, sind dank der helleren Rückenfarbe Licht- und Schattenspiele aufgehoben. Der Körper ist kaum mehr zu erkennen. Diese Strategie wird Gegenschattierung genannt. Die Streifen tun ihr Übriges, um die Raupenumrisse fürs Auge eines Fressfeindes unsichtbar zu machen.
Das Körperende wird durch ein Analhorn verziert, das für die Schwärmerfamilie typisch ist. Während der restliche Körper mit einem eingerollten Blatt Ähnlichkeit hat, könnte das dunkle Analhorn für den Blattstiel gehalten werden. Tarnung ist eben das halbe Leben.
Die Raupe frisst gerne an Liguster, Esche, Flieder und auch Forsythie. Allesamt Angehörige der Ölbaumgewächse. Doch der Speiseplan des Tierchens umfasst noch Angehörige anderer Pflanzensippen. Beispielsweise den Spierstrauch, die Johannisbeere, Himbeere und weitere Leckereien.
Ab Juli begeben sich die ersten Raupen in Richtung Erde. Im kühlen Grab aus Erdkrümeln scheiden sie nicht dahin, sondern rüsten sich für ihr neues Leben. Denn: Der Luftraum wartet und will erobert werden. Unter der Erde findet die Umwandlung von der Raupe zum Schmetterling, die Verpuppung, statt. In diesem Zustand überdauert das Insekt gleich die kalte Jahreszeit.
Ab Mai des folgenden Jahres kriechen sie dann heraus, glätten die Falten, breiten ihre Flügel aus und starten durch. Die Ligusterschwärmer fühlen sich in der Nähe des Menschen wohl. Denn dort gibt es die Futterpflanzen der Raupen in Gärten und Parks. Ich persönlich bin nun sogar mit der Forsythie versöhnt. Weil sie sich von so schönen Raupen fressen lässt. Denn mit Pollen und Nektar für andere Insekten sieht es bei ihr schlecht aus.
Wenn die Dämmerung das Licht verdrängt, macht sich der Ligusterschwärmer auf den Weg. Beim Trinken an den Blüten zeigt er sich rastlos. Wie das verwandte Taubenschwänzchen senkt er im Flug den Rüssel in die Blütenkelche. So steht er wie ein Hubschrauber vor der Blume. Und foppt den Betrachter. Der meint nicht selten, er habe einen Kolibri vor Augen.
Gerne fliegen die Schwärmer Blumen mit langen Kelchen an. Dort wartet in der Tiefe und unberührt der Nektar auf den langen Rüssel. Außer, eine Hummel hat die Blüte von außen angenagt und schon geleert. Nach der Paarung legt das Weibchen einzeln oder in Reihen die Eier an die Futterpflanze ab und das Spiel des Lebens beginnt von neuem.
Anscheinend werden die deutschen Ligusterfalter regelmäßig von Wanderfaltern aus dem Mittelmeerraum unterstützt. Einerseits gilt die Art als gar nicht so selten, andererseits wird doch ein Rückgang beklagt. Auch beim Gefährdungsgrad gibt es unterschiedliche Angaben.
Den Schwärmern tut die
Beleuchtung in der Nacht nicht gut
„Eine Charakterart der Siedlungsbereiche war auch der Ligusterschwärmer. Seine Raupe lebt auf Liguster und zahlreichen anderen Laubgehölzen wie Esche, Berberitze und Schneeball. Heute ist dieser attraktive Falter mutmaßlich durch die Zunahme der Lichtverschmutzung aber auch aufgrund anderer Faktoren weitgehend aus den Siedlungsbereichen verschwunden.“ Dies schreibt die Wiener Umweltanwaltschaft in einer Broschüre. Unsere Landeshauptstadt Stuttgart hat das Problem ebenfalls in einem Faltblatt aufgegriffen. „Nachterlebnis statt Lichtverschmutzung“ lautet deren Titel. Viele Menschen haben die Milchstraße noch nie gesehen, klagen die Autoren. Da die Stadt nachts hell erleuchtet ist, bleiben viele Sterne dem Auge verborgen.
Fatal kann das für viele in der Nacht aktive Tiere werden. Für Nachtfalter, die sich bei der Futter- und Partnersuche unter anderem am Mond orientieren, wird so manche Lampe zur Lichtfalle. Ist die Dauerbeleuchtung von Hof und Garten überhaupt nötig, fragen die Herausgeber schließlich. Beispiele für gute und schlechte Beleuchtung werden aufgezeigt. Für die Stadtgestaltung gelte der Satz: „Zu viel Licht ist gar kein Licht.“ Beispielsweise angestrahlte Kunstobjekte kommen nur zur Geltung, wenn die Umgebung nicht schon hell erleuchtet ist.
Seit 20 Jahren ersetze die Stadt Stuttgart die Quecksilberdampflampe (weißes Licht) durch energiesparende Natriumdampf-Hochdrucklampen (gelbliches Licht).
Der Prachtbursche unten wurde übrigens gleich wieder in die Freiheit entlassen und kann nun wieder im Dunkeln munkeln.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de
