Montag, 06. September 2010

KW 3 – Die Maus im Haus


Eine Maus mit Nachwuchs. Foto: Schmid
Eine Maus mit Nachwuchs. Foto: Schmid

Liebe Leser,
Mäuse können's. Klettern, schlemmen, sich rasant vermehren und große Gefühle in Menschen auslösen. Im Haus möchte sie keiner haben – außer als offizielles Haustier.
Von Sabine Rücker
Das Bild unten findet aber bestimmt jeder niedlich. Bis zum Schnappschuss mit den Mäusen mussten sich Werner und Gudrun Schmid aus Ensingen einiges einfallen lassen. Schon im Herbst haben sie uns mit dem Bild erfreut, das in ihrem Garten gelang. Werner Schmid hatte die zwei Mäuse entdeckt und es bedurfte einiger Tricks, damit die Tiere für ein Foto bereit standen. „Das Kleine hat nicht losgelassen“, erinnert sich Gudrun Schmid. Es handele sich um eine säugende Feldmaus, so ihre Vermutung.
Mit dem Säugen dürfte sie wohl recht haben. Die Sache mit der Feldmaus kann aber nicht richtig sein. Bei der Gattung der Feldmäuse ist der Schwanz in der Regel sehr kurz oder misst höchstens die Hälfte der Körperlänge. Der Mäuse-Schwanz auf dem Bild ist eindeutig länger.
Begeben wir uns also auf die Suche nach der Tierart, die derart possierlich auf dem Foto posiert. An der Aussage, dass Mäuse Säugetiere sind, beißt die Maus keinen Faden ab. Folglich könnte es sich auf dem Tierfoto durchaus um Mutter mit trinkender Baby-Maus handeln. Die Tierart zu bestimmen ist für einen Laien recht schwierig, denn die Verwandtschaftsverhältnisse unter den Myomorpha, den Mäuseverwandten, sind umfangreich. Die Gruppe der Mäuseverwandten gehört im zoologischen System zur Ordnung der Nagetiere. Bei den Mäuseverwandten handelt es sich um die artenreichste Nagergruppe, zu der rund ein Viertel aller Säugetiere gehören soll.

Zu den Mäuseverwandten zählen erwartungsgemäß die Mäuse, mit denen wir uns gleich näher beschäftigen. Es gehört aber beispielsweise auch die Familie der Wühler mit den Wühlmäusen, Bisamratten, Lemmingen sowie Rennmäusen und Hamstern dazu. Zur Unterfamilie der Wühlmäuse gehört wiederum die Gattung der Feldmäuse mit ihren relativ kurzen Schwänzen. Sie sind folglich gar nicht so eng mit der Maus aus Ensingen verwandt.
Unser Exemplar auf dem Bild gehört mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit der Familie der Muridae, Langschwanzmäuse, an. Diese tummelten sich ursprünglich bevorzugt in der Alten Welt. In diese Familie haben die Zoologen Winzlinge wie die Zwergmaus und die erschütternd große Riesenbaumratte einsortiert. Wir kommen der Sache langsam näher: Zu den Langschwanzmäusen gehört nämlich auch die Gattung Mus, Mäuse.
Unser Fotomodell könnte einiges sein, vielleicht eine Waldmaus, aber ich behaupte ganz frech und ohne größeres Fachwissen, dass es sich um Mus musculus, die Hausmaus, handelt. Der Name der vom Kopf bis zum Schwanz bis zu 20 Zentimeter messenden Maus ist ein wenig irreführend. Denn das Tierchen mit dem hellen Bauch kommt nicht nur in menschlichen Behausungen, sondern auch in freier Wildbahn vor. Und nicht nur sie, sondern auch andere Mäusearten folgen dem Zweibeiner in die warmen Behausungen.
Ursprünglich wuselte die Hausmaus im Mittelmeergebiet und im asiatischen Bereich herum, schloss sich aber bald dem Menschen an und ließ sich mit Schiff und Getreidesäcken um die Welt gondeln und verbreiten.
Den Erfolg dieses Eroberungsfeldzugs verdankt die Hausmaus unter anderem ihrer Anpassungsfähigkeit, Neugier sowie einer ökologischen Strategie, der r-Strategie. R-Strategen setzen im Überlebenskampf auf Masse. R steht für Reproduktion. Sie sorgen mit einer Unzahl an Nachkommen für das Bestehen und die Ausbreitung ihrer Art. Es handelt sich dabei um kleine Organismen wie Kleinkrebse, Mäuse und Blattläuse. Bei ihnen zählt Masse statt Klasse, viele Nachkommen werden mit wenig Energie- und Pflegeaufwand in die Welt entlassen. Bei ihnen kann die Zunahme der Population explosionsartig verlaufen, dann aber unter Umständen schlagartig in sich zusammenbrechen.
Einen anderen Weg beschreiten dagegen sogenannte K-Strategen. Bei ihnen ist die Kapazität (K) des Lebensraums schon begrenzt. Es wird versucht, die Population aufrecht zu erhalten. In die wenigen Nachkommen investieren die Eltern relativ viel Energie und Zeit. Beispiele hierfür sind der Mensch und andere große Säugetiere.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit einer Hausmaus ist schwindelerregend. Ein gut genährtes Weibchen des Allesfressers kann es theoretisch auf acht Würfe mit bis zu acht Jungen pro Jahr bringen. Eine hohe Vermehrungsrate ist bei dem kleinen Flitzer aber auch vonnöten, da ein Heer von Fressfeinden auf ihn lauert. Von der Hauskatze über Marder, Eulen, Greife und Schlangen – alle haben die Maus zum Fressen gern. Das Wohl und Wehe vieler durchaus seltener Räuber hängt von der Größe der Mauspopulation ab.
Der deutsche Zoologe Alfred Brehm (1829-1884) zeigt sich in einem Band von „Brehms Thierleben“ aus anderen Gründen geradezu begeistert von der Hausmaus: „Ganz allerliebst sind auch die verschiedenen Stellungen, welche sie einnehmen kann. Schon wenn sie ruhig sitzt, macht sie einen ganz hübschen Eindruck; erhebt sie sich aber, nach Nagerart auf das Hinter-theil sich stützend, und putzt und wäscht sie sich, dann ist sie geradezu ein bezauberndes Thierchen. Ihr geistiges Wesen macht sie dem, welcher das Leben des Thieres zu erkennen trachtet, zum wahren Lieblinge. Sie ist gutmüthig und harmlos und ähnelt nicht im geringsten ihren boshaften, tückischen und bissigen Verwandten, den Ratten; sie ist neugierig und untersucht alles mit der größten Sorgfalt; sie ist lustig und klug, merkt bald, wo sie geschont wird, und gewöhnt sich hier mit der Zeit so an den Menschen, daß sie vor seinen Augen hin- und herläuft und ihre Hausgeschäfte betreibt, als gäbe es gar keine Störung für sie.“
 Das erklärt, weshalb die unzähligen Fell- und Farbvariationen der Hausmaus heiß geliebte Haustiere geworden sind. Anfang des 20. Jahrhunderts fand auch die Wissenschaft Gefallen an dem Geschöpf und der Hausmaus wurde die fragwürdige Ehre zuteil, Labormaus zu werden. Im Labor erblickte auch die Knockout-Maus das Licht der Erde. Bei ihr werden Gene von Wissenschaftlern gezielt ausgeschaltet. Für die Verfeinerung dieser Ausschalt-Technik erhielten drei Mediziner 2007 den Nobelpreis.
In freier Wildbahn wird das Mäuschen mit viel Glück zwei bis drei Jahre alt. Mäuse lieben Gesellschaft und leben in kleinen Kolonien, weshalb sie auch in Gefangenschaft nicht allein sein sollten. Ratsam ist hierbei die Haltung von reinen Weiber-Gesellschaften. Sonst quillt der Käfig bald vor Mäusen über. Denn die Tiere lieben Amore und Mäusemänner zeigen sich bei der Brautwerbung sogar in höchsten Tönen als begnadete Sänger. Mäusemütter kümmern sich nach der Paarung und Niederkunft hingebungsvoll und alleine um ihre Jungen. Gesäugt wird der Nachwuchs über einen Zeitraum von etwa drei Wochen an fünf Paar Zitzen. Das Junge auf dem Bild hat offenbar mit Mäusemelken keinerlei Probleme.
In guten Mäusejahren können die Nager natürlich auch zur Plage werden und geraten als Krankheitsüberträger in die Schlagzeilen. Falls mal eine Maus in ihr Haus eingedrungen ist, hier unser VKZ-Tipp für die Leserin: auf den nächsten Stuhl springen und kreischen, was das Zeug hält. Dann kommt der Märchenprinz ums Eck geritten, um Sie zu retten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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