Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 29 - Ein Fingerhut fürs Herz


Der Rote Fingerhut in Gündelbach. Foto: Weh
Der Rote Fingerhut in Gündelbach. Foto: Weh

Liebe Leser,
sie erfreut Betrachter, hilft Krimiautoren und Herzpatienten. Doch die Blume Fingerhut kann auch ganz schön giftig sein.

Einen tollen Fang hat Leserin Ursula Weh aus Sersheim gemacht. Am Hamberger See, oberhalb von Gündelbach, radelte sie an einer Gruppe von Fingerhüten vorbei. Unser Glück, denn sie hat diese mit dem Fotoapparat verewigt und uns geschickt.Gemeint sind bei diesen Fingerhüten natürlich nicht jene Kappen aus Metall, die den Finger vor Unfällen schützen. Gemeint sind die Blumen.Der wissenschaftliche Name dieser Pflanzengattung ist Digitalis, was wiederum doch mit den Fingerhüten der Schneider zu tun hat. Die Fingerhüte aus Metall wurden im 16. Jahrhundert Digitales genannt. Digitus, aus dem Lateinischen, bedeutet Finger.Obwohl die Pflanze Fingerhut vor Wirkstoffen strotzt und prächtig ist, ist sie in gewisser Weise ein Spätzünder. In der Antike schien die Blume unbekannt. Vielleicht war es ihr dort zu warm. Jedenfalls ist das bemerkenswert. Denn der Rote Fingerhut enthält besonders wirksame Inhaltsstoffe – die heilen oder töten, je nach verabreichter Menge. An eine Selbstmedikation darf deshalb nicht einmal gedacht werden. Denn der Genuss von zwei bis drei Blättchen reicht beim Erwachsenen aus, um in die ewigen Jagdgründe einzufahren. Normalerweise tauchen derartige Kräuter sehr früh in den Tinkturen und Mixturen der Menschheitsgeschichte auf. Es sind aber diesmal nicht die alten Römer, Griechen oder Chinesen, die sonst als Entdecker der Heilwirkung von Pflanzen gelten.Es sind die Iren. Angeblich soll der Rote Fingerhut im 5. Jahrhundert auf der grünen Insel medizinisch verwendet worden sein. In Wales wurde die äußere Anwendung im 13. Jahrhundert in einem Arzneibuch beschrieben. Die deutschen Botaniker Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs – nach ihm ist die Fuchsie benannt – erwähnen das Kraut im 16. Jahrhundert in ihren Büchern. Fuchs schreibt: „Ist in summa ein schön lustig kraut anzusehen.“Rund 200 Jahre später erforscht ein britischer Arzt im Jahr 1775 die Wirkung der Digitalis-Inhaltsstoffe auf das Herz. Dieser William Withering befragte vorab eine alte Kräuterfrau nach der Rezeptur, nach der sie Wassersucht erfolgreich behandelte. Wenn diese sogenannten Ödeme ihre Ursache in einer Herzschwäche haben, kann die Gabe von Fingerhut helfen. Nach der Behandlung vieler Patienten konnte der Mediziner schließlich den Unterschied zwischen heilsamer und giftiger Dosierung der Pflanze einschätzen. Die Menschen der Britischen Inseln ersannen noch eine ganz besondere Funktion für die Blüte: Elfen und Feen sollen sie auf dem Kopf getragen haben. Böse Zauberwesen wiederum sollen Füchse mit den Blüten beschenkt haben, damit diese sie über die Pfoten ziehen und unbemerkt ihr Unwesen im Hühnerstall treiben konnten. Daher rührt wohl auch der englische Name purple foxglove, roter Fuchshandschuh.In Deutschland erfreuen drei heimische Arten der Pflanzengruppe Fingerhüte den Spaziergänger: der Großblütige, der Gelbe und der Rote Fingerhut. Am häufigsten ist der Rote Fingerhut, wissenschaftlich Digitalis purpurea. Bis zu 1,5 Meter hoch kann das zweijährige Kraut werden. Am Boden formen Blätter eine Rosette, am Stängel zeigen die Blüten in Richtung Sonne. Neckisch sehen sie aus, diese Blüten. Als ob ein Wesen seinen rot gepunkteten Rachen aufreißt. Früher wurde der Rote Fingerhut zur Familie der Rachenblütler gezählt. Untersuchungen haben gezeigt, dass er mit den Wegerichgewächsen näher verwandt ist.Er wächst gerne an den Orten, an denen sich auch Elfen und Feen wohl fühlen könnten. Beispielsweise auf Waldlichtungen und an Wegesrändern oder kargen Felsen. In Baden-Württemberg sind die größten Vorkommen der Art im kalkarmen Bergland wie dem Schönbuch, Schwarzwald und dem Schwäbisch-Fränkischen Wald zu finden. Der Rote Fingerhut gilt als nicht gefährdet. Auf meiner täglichen Aurich-Runde fehlt er aber. Ehrlich gesagt habe ich ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Die Gündelbacher haben offenbar einige Besonderheiten auf ihrer Markung. Besondere Frosch- und Molchbilder von Rudi Thalhäuser liegen schon bereit. Die müssen aber noch warten.Der Fingerhut also als echter Hingucker. Besonders für Hummeln lohnt sich auch das Einsteigen in den Blütentunnel, der sich von Juni bis August entfaltet. Zarte Insekten meiden dagegen die Härchen am Blütenboden. Die dicken Brummer quetschen sich in die Blüte. Belohnt werden sie mit einer Menge Nektar. Und die Pflanze wird ganz nebenbei vom Pollen im Pelz des Insekts bestäubt. Medizinisch von Bedeutung sind die in allen Teilen vorkommenden herzwirksamen Glykoside. Aus der Natur sollen rund 200 solcher Substanzen bekannt sein. Der Großteil davon wird in Pflanzen gebildet. Es sind aber auch Kröten bekannt, die mit Wirkstoffen aufwarten. In Südamerika wurden die Krötenstoffe als Pfeilgifte eingesetzt.Fingerhüte lassen Herzen kraftvoll schlagen – oder stillstehenZwei Fingerhutarten sind die natürlichen Hauptlieferanten der Substanzen, die in der Medizin Anwendung finden. Das ist der Rote Fingerhut, häufiger jedoch der bei uns nicht heimische Wollige Fingerhut. Er enthält eine etwas andere Wirkstoffkombination in noch höherer Konzentration. Medikamente aus den Fingerhüten bewirken eine Zunahme der Kraft des Herzens, es kann sich kräftiger zusammenziehen. Dabei schlägt es weniger häufig. Bei einer Herzschwäche, besser gesagt der Herzinsuffizienz, können die Stoffe aus dem Fingerhut Krankheitssymptome lindern. Bei der medizinischen Behandlung muss eine Überdosierung vermieden werden. In der Homöopathie wird Digitalis ebenfalls eingesetzt.Bei Vergiftungen kann es zu Übelkeit, Erbrechen, Schwindel sowie Farbensehen und Herzrhythmusstörungen kommen. Im schlimmsten Fall droht der Tod. Vielleicht haben Vergiftungserscheinungen den Maler Vincent van Gogh beeinflusst. Er soll mit Digitalis gegen seine Depressionen behandelt worden sein. Die Farbenpracht von van Goghs Bildern haben wir an dieser Stelle aber auch schon Migräneanfällen zugeschrieben. Der Vorteil an den Fingerhüten ist wenigstens, dass sie ziemlich bitter schmecken sollen. Bei uns Menschen beflügelt der Fingerhut die Fantasie. Auf Internetseiten, auf denen sich Krimischreiber austauschen, mischt der Fingerhut mit. Auf der Suche nach einem schaurig-schönen Mord fällt die Wahl der Hobby-Autoren gerne auf die giftige Schönheit. Eine Schreiberin vergewisserte sich im Vorfeld bei schlauen Verwandten über die todbringende Wirkung. Und geriet unter Verdacht, den Ehemann meucheln zu wollen.Wir bleiben bei unserem Motto: Den Roten Fingerhut fass’ ich nicht an, denn ich liebe meinen Mann. Alternativ dazu der Rat von Kollege Sven Sattler: „Den Roten Fingerhut nicht scheue, brauchst Du mal Platz für eine neue.“ Mir schwant: Der Fingerhut, der Rote, beschert uns viele Tote.Jetzt ist aber Schluss.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail
an s.ruecker@vkz.de


Seitenanfang