Liebe Leser,
schwitzen ist in. Grund genug, den trivialen Vorgang näher zu betrachten: Schwitzt auch ein Schwimmer? Wer gibt das Kommando zum Schwitzen? Welche Strategien gibt es gegen eine Überhitzung sonst noch?
Das hat die stärksten Boxer umgehauen. Beim Kampf in der Porsche-Arena hat vor wenigen Tagen der Körper des Profiboxers Firat Arslan gestreikt. Bei um die 50 Grad Celsius in der Halle dörrten die Sportler aus wie Quallen in der Sonne. An die acht Liter Flüssigkeit soll Arslan beim Trippeln in der Hitze verloren haben. Anzunehmen, dass es sich dabei um Schweiß handelte.
Schwitzen ist eine gewöhnliche, um nicht zu sagen simple Sache – könnte man meinen. Doch hinter jedem Tropfen Schweiß steckt ein Regelkreislauf, der Heizungsbauer und Physiker entzücken könnte. Der Mensch ist nun mal homoiotherm, was bedeutet, dass der Körper eine optimale Betriebstemperatur besitzt und diese aufrecht erhält. Es gilt somit, das Innere unseres Körpers, den Körperkern, bei einer Temperatur um die 37 Grad Celsius zu halten.
Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, wie hoch die Temperaturschwankungen um uns herum sein können. Abgesehen von ebensolchen Störgrößen, die von innen kommen, wie Sport oder Arbeit. Viele von uns haben es ja schon immer gewusst: Sport ist quasi Mord und Arbeit ist mindestens eine Störgröße.
Die Natur hat die Aufgabe in fabelhafter Weise gelöst. Mit Hilfe von Kalt- und Warmsensoren werden im gesamten Körper die Temperaturen gemessen. Diese Messfühlerinformationen sind der sogenannte Ist-Wert, der unter Umständen reguliert werden muss. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass die Körpertemperatur, die erwünscht ist, variiert. Der Soll-Wert, der letztendlich erzielt werden soll, kann beispielsweise bei einer Infektion deutlich höher liegen und wird dann Fieber genannt. Ebenfalls gibt es tägliche Schwankungen, die von unserer inneren Uhr vorgegeben werden, wie das Sinken des Soll-Wertes in der Nacht. Nicht zu vergessen hormonelle Einflüsse, die im Laufe des weiblichen Zyklus für unterschiedliche Kerntemperaturen sorgen.
Oberste Schaltzentrale der Temperaturregulation beim Menschen ist der Hypothalamus, eine Region im Zwischenhirn. Hier wird unter anderem das Signal zu Temperaturerhöhung bei Fieber gegeben. Verursacht wird dies durch Hormone. Acetylsalicylsäure und Paracetamol unterbinden die Bildung dieser Hormone und können auf diese Weise Fieber senkend wirken.
Wird der Hypothalamus von einem zu hohen Ist-Wert erreicht, schickt er über das vegetative Nervensystem Impulse an die Schweißdrüsen und lässt den Saft fließen. Bis zu vier Millionen der Drüsen sind über unseren Körper verteilt. Wobei Schweißdrüse nicht gleich Schweißdrüse ist.
Denn spezielle Formen geben neben Schweiß noch Duftstoffe mit ab. Diese sogenannten apokrinen Schweißdrüsen machen sich ab der Pubertät bemerkbar und sitzen beispielsweise in den Achselhöhlen und im Genitalbereich. Grundsätzlich handelt es sich bei der Flüssigkeit um eine saure Angelegenheit, die sich aus Wasser, Salz, Harnstoff, Ammoniak und Harnsäure zusammensetzt.
Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß, heißt es schon in Schillers Glocke. Sinn und Zweck der ganzen feuchten Aktion ist jedenfalls nicht der Flüssigkeitsverlust.Von der Theorie her sollte der Schweiß nicht in Strömen fließen, sondern lieber langsam aber sicher verdunsten. Dies funktioniert allerdings nur dann, wenn die Umgebungsluft relativ trocken ist.
Beim Übergang in den gasförmigen Zustand wird der Umgebung Energie entzogen, was sich als Kühlung auf der Haut bemerkbar macht. Die thermische Energie wird in Bewegungsenergie der Flüssigkeitsmoleküle umgewandelt. Die Haut kühlt ab. Ein Prinzip, nach dem übrigens auch die Weinkühler aus Ton oder Terrakotta funktionieren. Diese porösen Gefäße werden mit Wasser getränkt und sorgen anschließen in ihrem Innern für kalte Getränke.
Neben dem Schwitzen zur Wärmeregulation gibt es auch das emotionale Transpirieren. Hierzu werden die Befehle an einer anderen Stelle im Gehirn erteilt, nämlich unter anderem im historisch alten Hirnteil, dem limbischen Zentrum.
Die gute Nachricht des Tages: Eigentlich stinkt Schweiß nicht. Aber unsere Untermieter, in diesem Fall Bakterien, verstoffwechseln unsere Körperabsonderungen, wodurch müffelnde Buttersäure entstehen kann. Je mehr Haare unter den Achseln desto mehr Gestank übrigens, da durch das Gekräusel die Oberfläche, auf der die Mikroben leben, vergrößert wird.
Zum Glück gibt es Industriezweige, die uns mit Sprays, Flüssigkeiten und Tinkturen vor Ekeldüften bewahren möchte. Deodorantien dürfen im Allgemeinen großzügig zum Einsatz kommen, wohingegen Antitranspirantien die Schweißdrüsen durch Aluminiumsalze verengen. Sie sollten deshalb nur alle paar Tage wirken dürfen, da die Haut gereizt reagieren kann.
Wer übermäßig stark schwitzt, leidet möglicherweise an einer Krankheit. Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes, die Wechseljahre und auch Übergewicht ein ständiges Rinnen des Schweißes verursachen, was von Fachleuten als Hyperhidrose bezeichnet wird. Im Gegensatz dazu gibt es auch das fast vollständige Fehlen der Schweißbildung (Anhidrose), beziehungsweise die verminderte Sekretion (Hypohidrose). Im schlimmsten Fall kann es bei einer Anhidrose zum Hitzschlag kommen. Von dieser Krankheit sollen auch Pferde in tropischen Gebieten betroffen sein. Das sind dann wohl im wörtlichen Sinne Warmblüter.
Wie sieht’s eigentlich beim Schwimmer aus. Der schwitzt – oder etwa nicht? Die Sache mit der Verdunstungswärme funktioniert im Wasser nicht. Hier kommt ein anderes physikalisches Phänomen zum Tragen, zumindest beim Schwimmen im kalten Wasser. Denn dort wird die Körperwärme durch Konvektion abgeführt, indem die kalte Strömung am Körper entlang die thermische Energie aufnimmt. Aber schwitzen, das muss der emsige Schwimmer trotzdem. Der Körper ist nun mal bei anstrengendem Sport und drohender Überhitzung auf Schwitzen gepolt. Auch beim hurtigen Altdeutschrückenschwimmen (siehe Bild). Wer allerdings nur im kalten Wasser rumdümpelt, der wird eher unterkühlt wieder herauskommen.
Wissenschaftliche Tests ergaben, dass während einer Stunde schnellen Schwimmens im 28 Grad Celsius warmen Wasser rund 500 Milliliter Schweiß ins Becken abgegeben werden.
Diese Zahl sollten Sie bis zum nächsten Freibadbesuch vergessen haben.
Primaten und einige andere Tiere setzen zum Schutz vor Überhitzung auf die Verdunstung von Flüssigkeit. So soll sich der Asiatische Elefant Kühlung verschaffen, indem er mit seinem Rüssel Spucke aus den Backentaschen holt und über seinen Körper verteilt. Anders das Afrikanische Borstenhörnchen, das seinen Schattenspender in Form des buschigen Schwanzes immer dabei hat. Manche Spinne webt sich einen Sonnenschutz und Kühe strahlen die überschüssige Wärme über die Hörner ab.
Mein Ratschlag zum Wochenende: Ziehen Sie sich bei der Hitze einfach in den Keller zurück. Transpirieren Sie dort still vor sich hin. Sollte die Außenwelt Kontakt mit Ihnen aufnehmen wollen, kreischen Sie mit hysterischer Stimme durch die Kellertür: „Mein Hypothalamus dreht durch!“ Gefolgt von einem glücksbeseelten: „Und ich habe mich soeben mit Spucke aus der Backentasche eingerieben!“
Lehnen Sie sich nun zurück und genießen den Sommer.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per
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