Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 26 - Fassadengrün und Mauerspinne


Sehr klein: die Mauerspinne. Foto: Rücker
Sehr klein: die Mauerspinne. Foto: Rücker

Liebe Leser,
das werden Sie nicht glauben. Denn heute geht es um ein Tier, das Hausbesitzer ziemlich nerven kann, selbst aber quasi unsichtbar und unbekannt ist. Und um Giftcocktails, die von der Fassade ins Gewässer fließen.

Ihre Existenz wäre überhaupt kein Problem, wenn nicht eine urschwäbische Eigenschaft sie umtreiben würde: sie baut so gerne, die Mauerspinne. Auch das wäre an und für sich Pillepalle, wäre da nicht der allgegenwärtige Staub und Dreck, der ihre Spinnfäden bepudert. Dictyna civica heißt die klitzekleine Mauerspinne wissenschaftlich. Sie hat die unschöne Eigenschaft, mit ihrem Gespinst Außenfassaden von Gebäuden zu behängen. Eigentlich ist sie bei uns gar nicht zu Hause, denn ursprünglich kam sie nur im warmen Südeuropa vor.
Nun breitet sie sich seit einigen Jahren immer weiter in Richtung Norden aus. Und in Vaihingen ist sie auch angekommen. „Gerade entlang der Flusstäler, auch in Stuttgart, kann die Verbreitung der Mauerspinne deutlich gesehen werden“, so das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum. Das musste sich nämlich im Jahr 2002 mit dem kleinen Achtbeiner befassen, denn das nur Millimeter große Tier beschäftigte bei einer kleinen Anfrage den Landtag von Baden-Württemberg.
Die kleine Spinne gehört zur Familie der Kräuselspinnen und besiedelt schnuckelig warme, am besten grob verputzte Oberflächen an Gebäuden. Sie meidet die Wetterseite und richtet es sich besonders unter regengeschützten Vorsprüngen gemütlich ein. Dummerweise frisst das kleine Spinnchen sein Netz nach dem Verlassen nicht auf, wodurch sich daraus Dreckfänger entwickeln.
Bei einem Befall der Hauswand prangen bis zu fünf Zentimeter große, dreckig-schmutzige Flecken an Außenfassaden. Ihre Lebenslust findet eben an der Hauswand statt. Gerne dort, wo sich Insekten wohl fühlen, beispielsweise an beleuchteten Wandabschnitten. Das Netz ist keine symmetrische Meisterleistung und setzt sich mit Insekten- und Staubresten voll.
Bis zu mehrere hundert Netze und somit Flecken können sich pro Fassade ansammeln, sofern sich die Spinnen wohlfühlen. Anscheinend legt die kleine Häuslebauerin eine Wohnröhre in Fugen und Mauerrissen an, was je nach Befallstärke der Festigkeit des Verputzes nicht zuträglich ist. Hierüber sind sich die Autoren aber uneins.
Tatsache ist, dass ich zunächst nicht an die Geschichte mit der Spinne geglaubt habe. Nach einer Pirsch durch die Vaihinger Innenstadt steht aber fest: Es gibt sie und es gibt sie hier bei uns. Und zwar nicht zu knapp. Jungspinnen lassen sich an langen Seidenfäden durch die Luft tragen.
Was kann nun der Hausbesitzer tun, um sich der unschönen Flecken zu entledigen? Das Ministerium empfiehlt bei der Antwort auf die kleine Anfrage im Landtag Folgendes. Bei geringer Besiedlung könne ein Abkehren oder Abwaschen erfolgen. „Zur Reinigung stärker besiedelter Fassaden von Netzen, Staub und Nahrungsresten können Heißwasser-Hochdruckreiniger verwendet werden, die zum einen die Netze beseitigen, zum anderen die von der zwei bis drei Millimeter großen Mauerspinne in geringem Umfang im Kot ausgeschiedene Säure auf alkalischem oder mineralischem Putz neutralisieren“, so die Empfehlung.
Von einigen Firmen werde gepriesen, nach der Reinigung ein Gemisch von Insektiziden und Akariziden (Milbenbekämpfungsmittel) zu verwenden. Alternativ dazu werden insektizide Farben empfohlen. Die offizielle Antwort des Ministeriums: „Aus Gründen des Umwelt- und Naturschutzes und den möglichen Folgen für Mensch und Tier ist die Bekämpfung der Mauerspinne mit Chemikalien in der Regel nicht angemessen.“ Es bestehe erhebliche Gefahr der Schädigung von Nützlingen oder geschützten Tieren und die Gefahr der Wasserverschmutzung.
Präventivmaßnahmen wie eine geeignete Farbwahl und Fassadengestaltung et cetera seien zu bevorzugen.
Da lacht natürlich mein Biologenherz.
Beim Anblick meiner Fassade, besser gesagt unserer Hausfassade, überkommt mich aber doch ein Grausen. Was als Fleckchen anfing, hat sich inzwischen zu einem schwarzgrauen Schlierenfilm ausgewachsen. Die Flecken könnten Mauerspinnen gewesen sein – was aber an der Wetterseite ungewöhnlich ist. Inzwischen sieht das Ganze eher nach Algen- und Pilzbefall aus.
Das ist ein recht hässlicher Zustand, der uns vermutlich in den kommenden Jahren immer öfter beschäftigt. Denn, so makaber das klingt, seine Ursache hat der Bewuchs am Mauerwerk auch im Umweltschutz. Der Verbesserung der Luftqualität ist es zu verdanken, dass sich Algen und Pilze ohne sauren Regen wieder wohler fühlen. Und seit die Wärmedämmung über uns kam, hält sich der Putz außen länger feucht. Zur Freude von Pflanze und Pilz. Auch Modetrends in der Hauskonzeption, in denen Überstände an Dach und Fenster fehlen, seien für einen unschönen Fassadenbewuchs wesentlich anfälliger.
Auch die Art des Putzes und der Farbe spielt eine Rolle bei der Veralgung. Je nach Hersteller werden dabei verschiedene Prinzipien gelobt. Eine Firma plädiert beispielsweise für Materialien, die sich mit Wasser vollsaugen. Ihre Argumente: Der übliche Systemaufbau an der Hauswand basiere seither auf dünnen Schichten. Diese kühlen allerdings schnell aus, wodurch die Fassade schnell betaut. Eine Farbe mit Abperleffekt verursache dann zusätzlich einen Wasserfilm, der länger auf der Gebäudehaut liegenbleibe. Anders die eigenen Produkte, bei denen mit dem Wasser gearbeitet werde. Die Feuchtigkeit werde vom rein mineralischen Anstrich und vom Putz aufgesogen und zwischengespeichert, es komme zu einer raschen Rücktrocknung. Mikroorganismen können sich nicht effektiv ansiedeln, so das Fazit.
Gegen die ungebetenen Gäste an der Mauer helfen kurzfristig betrachtet auch Gifte. Algizide und Fungizide sind häufig schon in Putzen und Farben enthalten. Diese Biozide werden in bedenklichem Maß ausgewaschen und verpesten Gewässer. Ursprünglich wurden derartige Pestizidfunde im Wasser der Landwirtschaft zugeordnet. Ein Forschungsinstitut in der Schweiz hat aber im Jahr 2008 erheblich erhöhte Mengen eines Giftcocktails in Gewässern nachgewiesen (www.empa.ch), die durch Auswaschung von Fassaden entstehen. Verstärkte Forschung sei nötig und auch der Hausbesitzer sei gefordert, so die Wissenschaftler. Pflegemaßnahmen wie Fassadenreinigung oder Zurückschneiden von Bäumen sollten durchgeführt werden.
Bleibt zu hoffen, dass sich Hersteller, Handwerker und Hausbesitzer vom Giftgebrauch abkehren.
Meine persönliche Empfehlung: Die Wetterseite des Hauses in einem schönen Algengrün streichen. Unter Dachvorsprüngen einfach im Vorfeld schon graue und bunte Tupfen anbringen. Und fertig ist die Außenfassade, die von Anfang an in den Augen wehtut.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


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