Freitag, 10. September 2010

KW 25 - Appell für Blumenwiesen


Sag mir, wo die Blumen sind. Foto: Rücker
Sag mir, wo die Blumen sind. Foto: Rücker

Liebe Leser,
lassen Sie uns hervorbringen eine Ode auf die Wiese: „Oh Wiesle, du bunte Lebenspracht, raubst mir die Sinne mit großer Macht.“ Schade, dass Vaihingen in Sachen Blumenwiesen nicht Stuttgart oder Mössingen ist.Bunt muss sie sein und laut, die tolle Wiese. Farbig, weil Millionen Blütenblätter das monotone Grün der Gräser unterbrechen. Laut, weil auf einer solchen Wiese Insekten schwirren, singen und summen sollten. Doch leider sind sie nur noch selten zu sehen, diese Kleinode der Vielfalt. Wo sind Margerite, Witwenblume und Wiesensalbei hin?Dabei ist es doch so einfach, habe ich vor vielen Jahren gedacht, ein Blumenwiesle am Haus wachsen zu lassen. Das stimmt nicht ganz. Wo Samen aus der unmittelbaren Umgebung fehlen, muss unter Umständen mit Saatgut nachgeholfen werden. Wichtig ist dabei, „standortgerechtes und heimisches Saatgut“einzusetzen, sagt Anne Pfisterer-Lottausch, Biologin bei der Stadt Vaihingen. „Früher hat man den Kehricht des Heubodens genommen“, so die Frau vom Naturschutz. Auch in meinem Garten recken erst nach dem Ausbringen von diesem sogenannten autochthonen Saatgut vereinzelt Schönheiten wie Ackerwitwenblumen ihr Köpfchen hervor. Die Schafgarbe, der Kleine Wiesenknopf und sogar eine Karthäusernelkenart nicken hier und da zwischen hohem Gras.Eigentlich fast nur dort, in der hohen Vegetation, tummeln sich meine ganz besonderen Freunde, die Grashüpfer. Immer sitzt mir die Angst im Nacken, dass sie eines Tages einfach nicht mehr da sind, die Heuschrecken. Vielleicht sogar von mir selbst zu Tode gemäht, falls mein Rücker’sches Kahlschlag-Gen durchbricht. Dann wären sie unwiederbringlich verloren, die kleinen Burschen mit der Sprungkraft in den Beinchen. Um das zu vermeiden, werden die paar Quadratmeter Wiese am Haus mit der Sense gemäht. Ein durchaus prickelndes Erlebnis für Zuschauer, wenn die Sense und ich durch den Garten pflügen.Wie von Sinnen stürzen dagegen andere Hobbygärtner sich auf das Gras, das sie ihr Eigen nennen. Mit Rasenmäher und -trimmer wird auf jedem Quadratzentimeter die Entfaltung von Blumen im Keim erstickt. Insekten und somit in der Folge etliche andere Tiere finden dort nichts Brauchbares mehr.Doch einige Gemeinden haben die Wiesen für sich entdeckt und teilweise ein echtes Marketingprojekt daraus gestrickt. In Stuttgart beispielsweise grüßen Wiesen von Verkehrsinseln mitten in der Stadt. „Durch entsprechende Pflegekonzepte achten die Stadtgärtner darauf, dass blühende Wildpflanzenbestände möglichst lange erhalten bleiben. In vielen Rasenflächen werden Wildkräuter toleriert“, das schreibt unsere die Landeshauptstadt in einer Pressemeldung vom April. Sie wirbt dabei bei Gartenbesitzern um mehr Verständnis für Wildpflanzen. Die Stadt Stuttgart empfiehlt den Hobby- und Freizeitgärtnern, es ihr nachzumachen. Die Wiese sollte zweimal im Jahr, jeweils im Mai/Juni und im August/September, mit der Sense oder dem Balkenmäher gemäht werden. Beim Amt für Umweltschutz sei eine Broschüre mit Tipps und Hinweisen zur „Grundstückspflege im Außenbereich“ erhältlich.Mössingen am Fuße der Schwäbischen Alb geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie betitelt sich selbst als Blumenstadt. Mössingens besonderer Schmuck sind von Frühjahr bis Herbst bunte Blumenfelder, blühende Straßenrandstreifen und duftende Kreisverkehre, ist auf der offiziellen Internetseite der Stadt zu lesen. „Wir haben über die Jahre viel probiert und dabei gelernt“, resümiert Stadtgärtnermeister Dieter Felger auf dieser Seite. „Nicht nur Samenmenge und Aussaatansprüche müssen bedacht werden. Auch Niederschlagsmenge, Bodenqualität, Verunkrautungsanfälligkeit und sogar die Wärmeabstrahlung des Asphalts gilt es zu berücksichtigen“, verrät er. Zum Einsatz komme zwar nicht nur heimisches Saatgut, aber „viele der robusten Dauerblüher wurden schon vor Jahrhunderten hier angesiedelt und sind auch in zahlreichen naturnahen Gärten zu finden.“ Mittlerweile gibt es die „Blumensamenmischung Mössinger Sommer“ zu kaufen.In Vaihingen lägen allerdings ganz andere Voraussetzungen vor als beispielsweise in Stuttgart, sagt Jochen Boger, Leiter des Amts für Technische Dienste und Feuerwehrwesen, auf Nachfrage der VKZ. Stuttgart besitze sehr viele versiegelte Flächen und nur verhältnismäßig wenig Grünflächen. Bei uns im ländlichen Raum gebe es nach wie vor unzählige Wiesen, die extensiv genutzt und gemäht werden. Dadurch blieben generell „riesige Flächen für die Natur erhalten“.Das klingt gut, ist aber nur oberflächlich betrachtet richtig – abgesehen davon, dass Mössingen wohl auch als ländlich bezeichnet werden kann. Die „Riesenflächen“, die der Vaihinger Amtsleiter auszumachen meint, sind häufig nur grüne Monotonie. Zu früh gemäht, zu viel gedüngt, zu oft gemäht – und schon ist bei vielen der Wiesen die Vielfalt dahin. Es seien unter anderem Sicherheitsaspekte an Straßen zu beachten, argumentiert Boger weiter, und Langgras sei verhältnismäßig aufwendig und personalintensiv aufzunehmen und zu entsorgen. Es entstünden zusätzliche Kosten. „Fazit: In wenigen bestimmten Bereichen machbar, muss aber gut durchdacht sein“, schlussfolgert Boger.Ja, dann los geht’s!Allein in den letzten sechs Jahren sind in der Bundesrepublik laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) mehr als 200 000 Hektar Grünland verloren gegangen. Das entspreche der Fläche des Saarlands.Mehr als die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten sind auf der Wildblumen-Wiese zuhauseDabei ist gerade dieser Lebensraum Gold wert und unersetzlich. Mehr als die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Tier- und Pflanzenarten kreuchen und fleuchen auf Wiesen, so der BUND. Es handelt sich um die artenreichsten Lebensräume in Europa. Dabei habe Baden-Württemberg für den Erhalt und somit die Sicherung des europäischen Naturerbes eine besondere Verantwortung. Das schreibt der Minister für Ernährung und Ländlichen Raum in die Broschüre „21 Chancen für Wiesen in Baden-Württemberg“. Sieben Wiesentypen gelten als besonders wichtig für Südwestdeutschland, beispielsweise die Glatthafer-Talwiese, die Salbei-Glatthaferwiese, und die Dotterblumenwiesen.Der BUND hat nun eine Aktion gestartet, bei der Wiesenwächter gesucht werden. Ein einfaches Bewertungssystem macht es auch dem Laien leicht, ein „gutes“ Wiesle zu erkennen. Je vielfarbiger der Bestand, desto artenreicher die Wiese. Dort ertönt Grillengesang, ab Juli hüpfen die Heuschrecken. An Schmetterlingen fliegen weiße, braune, blaue und schwarz-weiß gefleckte Exemplare. Kommen hingegen beispielsweise nur gelbe Blumen vor, weist das auf eine Überdüngung hin. Die Broschüre der Aktion „Augen auf für unsere Wiesen und Weiden“ bietet einen Überblick und macht Lust auf Wildblumen.Damit „Sag’ mir, wo die Blumen sind“ ohne tief empfundene Trauer geträllert werden kann, ist es an der Zeit, den bunten Wildwuchs zu fördern. Auch meine Quadratmeter werden blühen, irgendwann! Im Notfall macht’s die Mössinger-Sommer-Tüte möglich.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail ans.ruecker@vkz.de


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