KW 24 - Habe fertig mit WM
Liebe Leser,
heute geht’s um schreiende Mütter, Schwalben, Delfine und Sprachwissenschaftler. Kurz: Es geht um Fußball.Mit einem Lebensalter, das deutlich über der Vierzig liegt, kann ich der Wahrheit ins Auge blicken. Manchmal, wenigstens. Im Schwabenalter, da hat man den Zenit der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit überschritten. Wo früher Tanzflächen lockten, rührt sich nun eine innige Beziehung zur waagrechten Lage und einem bequemen Sofa. Das gibt natürlich keiner öffentlich zu, auch ich nicht.Um nun eine derart träge Masse in ein kreischendes Nervenbündel zu verwandelt, braucht es beispielsweise eine Fußballweltmeisterschaft.Ehrlich, ich habe so gut wie keine Ahnung von Fußball. Bis zum Auftaktspiel gegen Australien war mir nicht bewusst, dass es für Schwalben außer Nisthilfen auch Gelbe Karten gibt. Das tut der Erregung des Fußball-Laien keinen Abbruch: Ich muss beim Spiel unserer Nationalelf immer schreien. Wenn nichts passiert, wenn zu viel passiert und wenn ein Tor fällt sowieso.Wieso das so ist? Keine Ahnung. Aber ich bin ja nicht alleine. Millionen von Menschen geht es genauso. Das legt die Vermutung nahe, dass das innige Verhältnis zum Ball im Erbgut verankert ist. Schon Jahrhunderte vor Christi Geburt sollen im alten China Bälle gerollt sein. Zunächst zur militärischen Ertüchtigung und noch als Lederbollen mit Federn und Tierhaaren ausgestopft. Einige Jahrhunderte nach Christi Geburt soll der Sport bei den Chinesen sich einer großen Beliebtheit erfreut haben und der inzwischen luftgefüllte Ball rollte über chinesische Erde. Circa 700 nach Christi geriet das Spiel bei den Asiaten jedoch wieder in Vergessenheit.Auch auf dem amerikanischen Kontinent soll ein Ballspiel schon die alten Maya und Azteken mitgerissen haben. In der Antike gab es bei Griechen und Römern körperliche Ertüchtigung mit dem Ball, vielleicht aber auch nicht, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Und auch die Kelten im alten Irland vergnügten sich mit Bällen. Im Mittelalter traten benachbarte Städte gegeneinander an. Es galt, den Ball ins gegnerische Stadttor zu bekommen, regellos und mit voller Wucht. Die Waffen wurden beim Spiel nicht abgelegt und gerne endete eine lockere Fußballbegegnung als deftiges Gemetzel. Böse Verletzungen waren an der Tagesordnung, die aristokratischen Herrscher sahen ihre Heere schrumpfen und verboten das verlustträchtige Treiben.Mitte des 19. Jahrhunderts fassten sich Studenten der Universität Cambridge endlich ein Herz und stellten ein Regelwerk für den geliebten Fußball zusammen. Denn an den englischen Eliteschulen und -unis erfreute sich das Ballspiel großer Beliebtheit.Am 24. Oktober 1857 wurde im englischen Sheffield der Sheffield Football Club gegründet. Er gilt als erster Fußballverein der Welt und ist der älteste heute noch existierende. Als Geburtsstunde des Fußballs wird die Gründung der Football Association samt umfangreichem Regelwerk 1863 angesehen.Dass Fußball schon in den Anfängen auf Frauen eine mitunter bedrohliche Faszination ausgeübt hat, zeigte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls bei den Briten. Dort sollen Damen den Schiedsrichter mit Schirmen misshandelt haben, um bei dem Spiel auch mitreden zu können.In Deutschland tat sich der Sport mit der Kugel zunächst schwer, denn hier herrschte die Domäne der Turner. Fusslümmelei oder englische Krankheit wurde der Kick abwertend genannt. Im diesjährigen Gastgeberland der Weltmeisterschaft, in Südafrika, erlangte der Fußball durch die Kolonialmacht England zunehmend Beliebtheit.Heute können sich viele Menschen ein Leben ohne Fußball nicht mehr vorstellen. Es ist die Einfachheit des Spiels, die rund um den Globus begeistert, sagt Sportpsychologe Jens Heuer. Teures Equipment ist nicht nötig, zum Loslegen genügen ein paar Hansel, ein Ball und eine Art Spielfeld.Die Spielregeln sind simpel und jeder kapiert sie – fast jedenfalls. Begabte, egal aus welcher Bevölkerungsschicht, können durch den Ballzauber zu Ruhm, Ehre und Millionen kommen. Und bei den großen Events wie der Weltmeisterschaft schwelgt der Mensch im Herdentrieb. Kaum einer kann sich der Begeisterung entziehen, wenn „seine“ Mannschaft ein Tor schießt.Bei mir rutscht die Stimme ohne Zutun in den Keller, ich öffne den Mund und heraus kommt ein gutturaler Sprechgesang: „Miros-lav Klo-se!“, begleitet von rhythmischem Händeklatschen. Erste Sahne, wie frisch aus dem Brauhaus. Meine Familie ist irritiert. Ich skandiere weiter: „Lu-kas Po-dols-ki!“, klatsch, klatsch, klatsch.An manchen Universitäten führt eine WM zu exotischen Kombinationen von Themen. Andreas Binzenhöfer und Kollegen vom Lehrstuhl Informatik an der Uni Würzburg haben sich mit Panini-Fußballalben befasst. Schon bei der letzten WM zogen sie Studenten mit der Vorlesung „Warum Panini-Fußballalben auch Informatikern Spaß machen“ in den Bann. Noch nie sei es so schwer gewesen, alle Panini-Bildchen zur Fußball-WM zu bekommen. Im Auftrag des „Zeitmagazins“ errechnete das Informatik-Institut für diese WM, dass man exakt 1111 Tütchen der Aufkleber kaufen muss, um mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit alle Motive zu erhalten. Das entspreche einer Investition von 666,60 Euro.Bei den internationalen Orgelwochen am 10. Juni in Nürnberg lautete der Titel eines Vortrags „Ein Fels in wilder Brandung – Der Glaube an den Fußballgott“. Professor Dr. Friedhelm Brusniak der Uni Würzburg beschäftigte sich darin mit Fußball und Musik. Er kommt unter anderem zu dem Schluss, dass der Text so mancher Fan-Hymne den Vergleich mit der Sprachwucht eines Martin Luther nicht zu scheuen braucht.Prof. Dr. Norbert Richard Wolf, Sprachwissenschaftler, hat sich mit Fußball und Sprache befasst. Er geht unter anderem auf Weisheiten aus der Fußballszene ein. Es habe zuweilen den Anschein, dass diese Zitate Äußerungen der Großen unserer Geistesgeschichte abgelöst haben, weil sie in ihrer Einfachheit und permanenten Einsichtigkeit nicht übertroffen werden können – Lothar Matthäus: „Hoffentlich gelingt es mir, die Mannschaft aus ihrer Ekstase zu holen.“ Hans Krankl: „Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär.“ Giuseppe Trapattoni: „Ein Trainer is nich ein Idiot (...) in diese Spiel es waren zwei drei diese Spieler waren schwach wie Flasche leer (...) Ich habe fertig.“ Trapattoni habe die deutsche Sprache um Konstruktionen bereichert, deren Möglichkeiten man nie geahnt hätte, so das Fazit des Sprachwissenschaftlers.Unter dem Titel „Fußball, eine Wissenschaft für sich“, wurden die Sondervorlesungen der Uni Würzburg in einem Buch zusammengefasst. Bestimmt ein lohnender Zeitvertreib in der fußballfreien Zeit. Alternativ dazu: kicken mit dem Haustier. Katzen spielen Ball. Hunde sowieso. Und sogar Delfine kosten in freier Wildbahn den Reiz des Spiels aus. Meeresbiologen haben beobachtet, wie sie mit sichtlicher Freude Quallen mit der Fluke aus dem Wasser katapultieren. In Kleinglattbach scheinen, siehe Bild unten, selbst die Schnecken vom WM-Fieber erfasst.Unabhängig von allem anderen steht fest: Deutschland wird Weltmeister. Lena Meyer-Landrut hat das Siegen vorgemacht. Immerhin sieht Löw der Satelliten-Göre meiner Meinung nach sogar ähnlich. Abgesehen davon, dass den Bundestrainer eine Wolke der Schwermut umwabert. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was auf seinen Schultern lastet.Wünschen wir ihm, was Thomas Häßler schon sagte: „Körperlich bin ich gut drauf, physisch natürlich auch.“Habe fertig.
Sabine Rücker
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