Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 23 - Überraschendes zum Erdöl


Erdölförderung im Meer. Foto: p
Erdölförderung im Meer. Foto: p

Liebe Leser,
da hat mein Vater den richtigen Riecher gehabt. Sein Vorschlag schon vor Monaten: mach doch mal was über Erdöl. Das Thema ist seit dem Bohrinsel-Unglück im Golf von Mexiko der traurige Renner. Heute: Überraschungen zum Schwarzen Gold.

Das werden Sie nicht glauben! Eine der weltweit ersten erfolgreichen Erdölbohrungen wurde nicht etwa in Amerika oder Russland, sondern am Südrand der Lüneburger Heide unternommen. Dort wähnt der petrochemisch ungebildete Mensch in erster Linie Sand und Blümchen.
Der Geologe Konrad Hunäus stieß dort im Jahre 1858 auf die bedeutende Flüssigkeit. Die Bauern um die Ortschaft Wietze, wo sich heute das Deutsche Erdölmuseum befindet, hatten schon im 16. Jahrhundert aus so genannten Theerkuhlen Erdöl geschöpft. Es wurde damals als Schmier- und Heilmittel eingesetzt. Im Gegensatz zur Bohrung 1859 in Titusville, Pennsylvania, die einen kommerziellen „Ölrausch“ auslöste, kümmerte sich 1858 in Wietze niemand besonders um das bei der Bohrung gefundene Öl. Erst einige Jahrzehnte später brach der Boom aus und veränderte die Region deutlich.
Erdöl – der Stoff, der unseren Alltag prägt. Kosmetik, Düngemittel und Kunststoffe, Treibstoff, alles basiert auf dem Rohstoff Erdöl.
Und nun die zweite Überraschung, zumindest für mich. Nicht einmal über die Entstehungsgeschichte des Erdöls sind sich die Wissenschaftler einig. Zwar ist die offizielle und landläufige Version die der fossilen Entstehung. Demnach handelt es sich um eine Substanz, die vor ewiger Zeit aus organischer Masse entstanden ist. Algen und weitere Meeresorganismen wurden im Verlauf von Hunderttausenden und Millionen von Jahren zum Schwarzen Gold und Erdgas. In grauer Urzeit sollen die Organismen zu Boden gesunken sein, wurden mit Sediment bedeckt. Hohe Drücke und Temperaturen taten ihr Übriges. Erdöl und auch Erdgas mit seinem Hauptanteil Methan sind demnach Überreste biologischer Masse und ein Mix aus verschieden langen Kohlenwasserstoffketten.
Nun die andere Theorie. Von manchen als Spinnerei belächelt. Zum ersten Mal wohl in den 50er Jahren von sowjetischen Wissenschaftlern in die Welt gesetzt. Es ist die Theorie einer sogenannten abiotischen Bildung der Ölvorkommen. Rohöl und Erdgas seien Urstoffe, die aus großen Erdtiefen hervortreten. Ähnlich wie die Entstehung von Diamanten, die aus reinem Kohlenstoff bestehen, rein physikalisch ohne verendete Lebenwesen erklärt wird. Besonders an Verwürfen der Erdplatten seien große Lagerstätten der Rohstoffe zu finden.
Im März beleuchtete die 3sat-Sendung „hitec“ das Thema „Öl – und doch kein Ende“. Zum Abschluss fragen die Autoren: „Gibt es ein Interesse die abiotische Öltheorie zu verhindern?“ Solange die Ölindustrie Rekordgewinne gerade bei drohender Verknappung einstreiche, müsse man wohl skeptisch bleiben. „Wenn es bereits offiziell heißt, dass die Weltreserven zurückgehen und Ölkonzerne weiter Milliarden für immer geringere Mengen Öl investieren - weshalb geht bis heute kein westlicher Ölkonzern zumindest eine Forschungs-Kollaboration mit den russischen Forschern ein?“
Das Phänomen sich wiederauffüllender Erdölvorkommen wird am Beispiel des Riesenfeldes Romashkino in Russland beleuchtet. Tiefe Erdspalten gibt es in dieser Gegend, hohen Magnetismus. Inzwischen seien drei Billionen Liter gefördert worden, das sei viermal mehr, als nach biologischer Erklärung im tiefer liegenden Ölgestein hätte sein dürfen.
Untersuchungen von Ölproben unter anderem durch das Institut für Meeresforschung in Oldenburg ergaben, dass durchaus organisches Material in dem Erdöl zu finden war. „Alles, was wir analysiert haben deutet darauf hin, dass es ein völlig normales Öl ist“, wird Professor Jürgen Rullkötter zitiert. Dudley Herschbach, Nobelpreisträger Chemie, hält dagegen, dass es in gewissen Proben sowohl Moleküle biologischen Ursprungs als auch welche nicht biologischer Natur gebe. Auf dem Weg nach oben können jederzeit Bakterien aufgenommen werden. Auch auf Fokus online kommt Michael Odenwald in seiner Kolumne zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich beide Theorien zutreffen.
Im Jahr 2004 habe eine Arbeitsgruppe um den Geophysiker Henry Scott von der University of Indiana in Laborversuchen das Kohlenwasserstoff-Gas Methan entstehen lassen. Diese Experimente erhärten laut Scott den Verdacht, dass es in großer Tiefe eine Quelle für anorganische Kohlenwasserstoffe geben könnte. „Obwohl es gut etabliert ist, dass kommerzielles Erdöl von Zerfall einst lebendiger Organismen stammt, stützen diese Ergebnisse die Möglichkeit, dass die Erde in der Tiefe eine eigene Klasse abiotischer Kohlenwasserstoffe hervorbringt“, wird Scott von Focus online zitiert. Der Mythos der schnell versiegenden Ölvorräte also doch eine Erfindung der Ölmultis, um den Preis in die Höhe zu treiben?
Ei,ei,ei...
Kein Mythos ist auf alle Fälle, dass die aktuelle Erdölkatastrophe im Golf von Mexiko Tod und Verderben über die Lebewelt bringt. Bilder der Exxon-Valdez-Havarie aus dem Jahr 1989 kommen einem in den Sinn. Kreaturen, bis zur Unkenntlichkeit mit Erdöl beschmiert. Einfach nur zum Heulen. Dass die klebrige Masse jede Pore und jedes Federchen verklebt, ist offensichtlich. Laut Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie entfalten sich die giftigen Eigenschaften des Öls vor allem im Wasser. Sie sind weniger offensichtlich und schwieriger nachzuweisen als die mechanische Verschmutzung. Insbesondere Langzeiteffekte und krebserregende Wirkungen erfordern aufwendige Untersuchungen. „Da die toxischen Effekte praktisch nur im Wasser auftreten, dort aber auch der Abbau am schnellsten ist, sind die akuten Effekte relativ kurzfristig“, schlussfolgert das Bundesamt.
Erdöl wird glücklicherweise durch natürlich vorkommende Bakterien abgebaut. Schon drei Jahre nach der Havarie der Exxon Valdez sei der Natur mit bloßem Auge nichts mehr von der Katastrophe anzusehen gewesen, schreibt Spiegel online. Und auch die Bestände vieler Tierarten erholten sich erstaunlich schnell. Je höher die Wassertemperatur umso schneller die Reaktionsgeschwindigkeit und umso besser kann der Abbau des Erdöls von statten gehen.
Der Unglückskonzern BP wollte den natürlichen Abbauprozessen, möglicherweise aber auch sich selbst, unter die Arme greifen und griff zum Dispersionsmittel namens Corexit 9500. Laut Spiegel online wurde davon schon rund eine Million Liter ins Meer gekippt. Wie Spülmittel soll die Chemikalie das Öl in kleine Tröpfchen zerlegen. Die Zusammensetzung von Corexit wird von der Herstellerfirma nicht preis gegeben. Das Mittel gilt als toxisch. Sogar als schlimmer für Mutter Natur als das Erdöl selbst.
Dr. Terry Hazen von der University of California rät nach Erfahrungen mit der Katastrophe der Exxon Valdez, den Ölteppich in Ruhe und von den Mikroben auffressen zu lassen. Auch ohne weitere Chemikalien entstehen durch natürliche Vorgänge wie Verdunstung im Laufe der Zeit aus Erdölresten auf dem Meer feste, gealterte Teerklumpen, die als vergleichsweise harmlos gelten, aber viele, viele Jahre lang erhalten bleiben.
Auf dem Sicherheitsdatenblatt der Herstellerfirma Nalco des umstrittenen Mittels Corexit kann der staunende Leser folgendes erblicken: „No toxicity studies have been conducted on this product.“ Es sind keine Studien zur Giftigkeit des Produkts durchgeführt worden.
Toll! Und da soll einem noch ein lustiger Spruch am Schluss einfallen. Aber mich geht das Thema ja sowieso nichts an. Ich zapf meinen Sprit an der Tanksäule.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


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