KW 22 - Achtung! Orientalisches Zackenschötchen
Liebe Leser,
„aha“, werden Sie vielleicht schon gedacht haben, „da wächst Raps am Straßenrand“. Da sind Sie einem Irrtum aufgesessen. Denn bei der gelben Blume handelt es sich häufig eine grüne Invasion. Das Orientalische Zackenschötchen erobert Deutschland.
Bis zu 1,70 Meter groß wird die Blume, die beispielsweise zwischen Vaihingen und Aurich quietschgelb leuchtet. Seit einigen Jahren strahlt sie hier und da und immer öfter am Straßen- und Feldrand. Immer wieder habe ich beim Vorbeifahren gedacht, dass es sich einfach um ein paar fidele Rapspflanzen handelt, die sich vom Acker gemacht haben. Aber angesichts der Bestände, die immer größer werden, wurde die Sache langsam unheimlich.
Nach Recherche im Internet und einem Blick ins Bestimmungsbuch Rothmaler kann mit ziemlicher Sicherheit behauptet werden: Die gelb blühende Pflanze ist ein Eindringling, der unserer heimischen Flora zu schaffen macht. Orientalisches Zackenschötchen, wissenschaftlich Bunias orientalis, heißt der Kreuzblütler. Seine ursprüngliche Heimat ist Osteuropa. Seit rund 200 Jahren wird die Pflanze durch Menschenhand in andere Gebiete verschleppt. Als Futterpflanze wurde das stattliche Kraut angebaut und auch heute noch sollen die Samen als Gartensaatgut angeboten werden. Nicht zuletzt, weil die jungen Blätter und Triebe als schmackhaft gelten.
Allerdings wird vermutet, dass die massenhafte Ausbreitung weniger mit der gezielten früheren Nutzung, als vielmehr mit einer unfreiwilligen Verschleppung der Samen mit Erdreich zu tun hat. Ebenso haften die Samen und Früchte gut an Schlepper- und Autoreifen und lassen sich auf diese Art und Weise zu neuen Ufern tragen.
Dies erfüllt den Tatbestand einer anthropogen verursachten Ausbreitung, der zur Invasion der fremden Pflanzenart führt. Somit gilt das Orientalische Zackenschötchen als invasiver Neophyt. Manche Autoren datieren das Auftreten der Blume in Deutschland aber aufs Mittelalter, dann würde der Fachmann von einem Archäophyten, also einer inzwischen heimischen Pflanze, sprechen.
Seit rund 20 Jahren rückt der Kreuzblütler mit dem entzückenden deutschen Namen in den Fokus der Naturschützer. Die Pflanze mit den Warzen und Höckern liebt sogenannte Ruderalstandorte. Das sind gestörte Böden, wie sie beispielsweise nach Baumaßnahmen oder vielleicht auch durch exzessives Mähen entstehen. Dort fasst sie derart flott und ausufernd Fuß, dass kein anderes Kraut mehr die Sonne sieht. Erschreckenderweise lässt sie sich aber auch in Wiesen und auf Äckern immer öfter blicken.
Das Problem an der Sache ist die Verunreinigung der Feldfrucht und die Verdrängung unserer heimischen Wildkräuter. Natürlich hat das gelbe Blütenmeer seinen Reiz. Aber der Preis dafür ist der Verlust von Blumenbeständen, die eh nur noch selten zu sehen sind. Wiesensalbei, Klappertopf, Witwenblumen sterben einen leisen Tod, der nicht minder traurig stimmt.
Einige Bienen- und Hummelarten finden den Siegeszug vermutlich toll, denn sie können sich an den zahlreichen nektarspendenden Blüten laben. Und helfen so durch die Bestäubung zusätzlich bei der Ausbreitung der Art.
Wissenschaftler vom Institut für Ökologie an der Technischen Universität Berlin empfehlen in puncto Bekämpfungsmaßnahmen Folgendes: Das Orientalische Zackenschötchen liebt offene Böden, da es an Störungen besser angepasst ist als die Konkurrenten. „Bekämpfungsversuche mit ungeeigneten Methoden fördern die Art, da sie störungstoleranter ist als ihre Konkurrenten“, sagen die Forscher. An manchen Stellen, an denen die natürliche Sukzession dem Eindringling den Garaus macht, sei Nichtstun die beste Lösung. An Straßenrändern „sollte die Mahd vor allem im Spätherbst erfolgen oder so häufig durchgeführt werden, dass Bunias keine Samen bildet, das heißt mehr als zweimal pro Jahr“. Leider dürfte die Methode auch den Wildkräutern zusetzen.
Erschreckend, wie effektiv die Ausbreitungstaktik ist, denn auch durch Wurzelstücke kann das Zackenschötchen neues Land erobern. Die Samen haben die dumme Angewohnheit, jahrelang im Boden keimfähig zu bleiben. Manche Exemplare der ausgewachsenen Pflanze können bis zu zehn Jahre alt werden.
Scheinbar ist der Siegeszug des Orientalischen Zackenschötchens nicht aufzuhalten, schreibt dann auch die Gesellschaft Mensch und Natur Rheinland-Pfalz (GMN). Bisher, so die GMN in einem Faltblatt aus dem Jahr 2004, sei die Art in Deutschland noch nicht einmal als kritische Art erkannt worden. Daran hat sich bis heute meines Wissens nach noch nichts geändert.
Die GMN wolle auf die wachsende Problematik aufmerksam machen, die durch solche kritische Arten entsteht. Behörden und Verbände seien zu sensibilisieren, Erforschung und Dokumentation der Biologie und Ausbreitung notwendig, koordinierte Maßnahmen zur Erprobung verschiedener Bekämpfungsstrategien erforderlich.
Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung beim Landratsamt Ludwigsburg in Bezug auf den gelben Einwanderer: „Das Orientalische Zackenschötchen kommt auch im Landkreis Ludwigsburg vor. Genaueres zur Bestandssituation ist bei uns als Unterer Naturschutzbehörde jedoch nicht bekannt. Es besteht hinsichtlich dieser Pflanze momentan kein Problem, das Handlungsbedarf auslöst.“
Vielleicht scheint mir persönlich die große Pflanze in der Tat zu bedrohlich. Schließlich ist sie nicht die erste, die mit ihrem einnehmendem Wesen bei uns Fuß fasst. Der Botaniker Dietmar Brandes ist ein Experte auf dem Gebiet der grünen Einwanderer. Beim Biomasseanteil der Neulinge liegen seiner Schätzung nach inzwischen alte Bekannte an der Spitze. Es sind die Goldruten und die Robinie – ein allseits bekannter Baum, der gerne mit der Akazie verwechselt wird. Diese Arten sind einstmals über den großen Teich zu uns geschwappt.
Am Verkehrsnetz und an Gewässern wandern gebietsfremde
Pflanzen in neue Regionen ein
Bahnhöfe und Hafenanlage seien die klassischen Fundorte für gebietsfremde Arten. Und auch an den Autobahnmittelstreifen ist bundesweit eine ganz eigentümliche Flora zu sehen. Meist handelt es sich um gebietsfremde Pflanzen, die Streusalz gegenüber tolerant sind.
Brandes Fazit: „Zumeist wurden einwandernde Arten sowohl bezüglich ihres Einflusses auf die Vegetation als auch hinsichtlich der durch sie verursachten Schäden überschätzt.“ Nach einer explosionsartigen Ausbreitung zu Beginn folge häufig ein Einpendeln auf niedrigem Niveau. Die Probleme seien oft hausgemacht, wenn pflanzliche Invasoren beispielsweise mit Gartenabfällen oder von Imkern und Jägern gestreut werden.
Richtig blöd wird’s, wenn die Neulinge gefährlich sind. Beispielsweise kann ein zu inniger Kontakt mit dem über drei Meter hohen Riesen-Bärenklau zu richtiggehenden Verbrennungen führen. Bei genauer Betrachtung ist diese Riesenstaude auch mal ein Kandidat für unsere Phänomene.
Da lob ich mir doch den neuen Störenfried, der, falls die Autoren nicht lügen, letztendlich leicht einzudämmen wäre: einfach aufessen.
Sabine Rücker
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